Neurodiversität
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Neurodiversität bedeutet:
Menschen denken und fühlen nicht alle gleich.
Das ist normal.
Zum Beispiel bei:
- Autismus
- ADHS
- Dyslexie
Diese Unterschiede sind kein Fehler.
Diese Unterschiede gehören zur Vielfalt von Menschen.
Es gibt zwei Gruppen.
Eine Gruppe heißt: neurotypische Menschen.
Diese Menschen denken und fühlen so wie viele andere Menschen.
Die andere Gruppe heißt: neurodivergente Menschen.
Diese Menschen denken und fühlen anders als viele andere Menschen.
Es gibt wichtige Begriffe.
Ein Begriff ist: Masking.
Masking bedeutet:
Ein Mensch verstellt sich.
Der Mensch passt sein Verhalten an.
Der Mensch möchte so wirken wie andere Menschen.
Ein anderer Begriff ist: Unmasking.
Unmasking bedeutet:
Der Mensch hört mit dieser Anpassung auf.
Der Mensch zeigt wieder sein eigenes Verhalten.
Ein weiterer Begriff ist: Stimming.
Stimming ist ein Verhalten zur Beruhigung.
Zum Beispiel:
- Wippen
- Mit den Händen bewegen
- Oder Dinge wiederholen
Viele Menschen setzen sich für Neurodiversität ein.
Diese Bewegung sagt:
Alle Arten von Denken sollen anerkannt werden.
Auch in der Arbeit ist das wichtig.
Menschen mit Neurodivergenz sollen gut arbeiten können.
Dabei können einige Dinge helfen.
Zum Beispiel:
- Mehr Wissen über Neurodiversität.
- Flexible Arbeitszeiten.
- Ruhige Arbeitsorte mit wenig Lärm.
- Eine offene und akzeptierende Haltung im Betrieb.
Das Ziel ist:
Alle Fähigkeiten werden gesehen.
Auch verschiedene Blickwinkel werden wichtig genommen.
Und Hindernisse für Menschen sollen kleiner werden.
Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und ihrer Funktionsweisen. Der Begriff der Neurodiversität basiert auf einem sozialen und gesellschaftlichen Denkansatz, der unterschiedliche neurologische Ausprägungen als natürlichen Teil menschlicher Vielfalt versteht.
Innerhalb des Ansatzes wird betont, dass neurodivergente Menschen innerhalb der Spektren von Autismus, AD(H)S, Dyslexie oder Dyspraxie nicht „defizitär“ oder krankhaft sind, sondern andere Wahrnehmungs- und Denkweisen als neurotypische (siehe unten) Menschen haben. Diese Unterschiede können ausgehend von dem Ansatz der Neurodiversität sowohl Herausforderungen als auch besondere Stärken und Perspektiven mit sich bringen.
Zentrale Begriffe im Themenfeld der Neurodiversität
- Neurotypisch: beschreibt Personen, deren neurologische Entwicklung gesellschaftlichen Durchschnittserwartungen entspricht.
- Neurodivergent: beschreibt Personen mit neurologischen Unterschieden, die von gesellschaftlichen Durchschnittserwartungen abweichen.
- Neurodivers: beschreibt Gruppen, in denen neurotypische und neurodivergente Personen zusammenkommen.
- Masking: Damit ist gemeint, dass viele neurodivergente Menschen ihr eigentliches Verhalten verbergen oder kompensieren, um sozialen Erwartungen zu entsprechen.
- Unmasking: beschreibt den Prozess, schrittweise jene Verhaltensstrategien abzulegen, die neurodivergente Menschen unter Umständen über Jahre entwickelt haben, um sich an neurotypische Erwartungen anzupassen.
- Stimming: wird abgeleitet aus dem Englischen „Self-stimulating behavior“. Demnach versteht man darunter ein „sich selbst stimulierendes Verhalten“. Dies kann sich etwa durch das wiederholte Ausführen von Bewegungen oder das Wiederholen bestimmter Geräusche und Töne zeigen.
Neurodiversität und berufliche Teilhabe
Die Neurodiversitäts-Bewegung setzt sich dafür ein, dass unterschiedliche Denk- und Wahrnehmungsweisen gesellschaftlich anerkannt und Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Teilhabe ermöglichen – etwa durch Barrierefreiheit, flexible Kommunikationsformen, inklusive Lern- und Arbeitsstrukturen und ein Bewusstsein für unterschiedliche Bedürfnisse.
Entsprechend kann auch in der Arbeitswelt die Teilhabe neurodiverser Personen gefördert werden, indem
- gegenüber Neurodiversität sensibilisiert und informiert wird, etwa durch spezielle Trainings und Schulungen für Mitarbeitende und Teams,
- reizarme Räume oder Hilfsmittel für Mitarbeitende bereit gestellt werden, die zur Reizreduzierung oder Beruhigung beitragen,
- Stimming (siehe oben) offen begegnet wird,
- Mitarbeitenden möglichst viel Flexibilität innerhalb ihrer Arbeitsgestaltung (Arbeitszeit und Arbeitsort) zugestanden wird,
- Räume geschaffen werden, in denen Unmasking (siehe oben) sicher möglich ist.
Beispiele für Diagnosen im Bereich Neurodiversität
- ADS und ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit(-Hyperaktivitäts-)Störung. Sie zeichnet sich durch Probleme aus, Aufmerksamkeit, Impulsivität und Selbstregulation zu regulieren. Es gibt verschiedene Subtypen von AD(H)S, zum Beispiel sind nicht alle Personen auf diesem Spektrum hyperaktiv, und nicht alle Personen auf dem Spektrum, die hyperaktiv sind, haben auch Aufmerksamkeitsdefizite. Es gibt aber auch Formen, bei denen beides als Symptom vorkommt (Mischtyp).
- (Generalisierte) Angststörung: Überbegriff für verschiedene Auffälligkeiten, welche mit (zu) stark empfundener Angst in Verbindung stehen. Diese kann frei flottierend sein oder sich auf konkrete Situationen beziehen wie zum Beispiel Spinnen-Phobie, Platzangst, Angst vor Menschenmengen etc.
- Afantasie: Bei Menschen mit Afantasie ist die Fähigkeit, sich Bilder vorzustellen, teilweise eingeschränkt oder fehlt gänzlich.
- Autismus: Eine Entwicklungsvariation, welche sich bereits in der Kindheit zeigt, aber oft nicht als solche erkannt wird. Autismus, auch „Autismus-Spektrums-Störung“ genannt, ist durch Herausforderungen in zwischenmenschlichen Interaktionen, Besonderheiten in der Kommunikation und manchmal speziellen Interessen, sog. Inselbegabungen, gekennzeichnet.
- Bipolare Störung: Menschen mit einer bipolaren Störung wechseln phasenweise zwischen den zwei emotionalen Extremen Depression und Manie. Die Manie zeichnet sich durch übertriebene Euphorie und Rastlosigkeit aus, die unverhältnismäßig zur Situation ist.
- Borderline-Persönlichkeitsstörung: Sie zeichnet sich durch ein beeinträchtigtes Selbstbild sowie Beziehungsverhalten aus. Beispielsweise sind Personen mit Borderline extrem misstrauisch, ordentlich oder emotional, was sich negativ auf soziale Beziehungen auswirken kann.
- Dyskalkulie: Eine Auffälligkeit, welche sich durch Schwierigkeiten in Bereich der Mathematik definiert.
- Dyslexie: Eine Auffälligkeit, welche sich durch Schwierigkeiten mit dem Lesen von Wörtern oder Texten sowie deren Verständnis auszeichnet. Teilweise geht dies auch mit Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung einher. Manchmal wird Dyslexie auch als Lese-/Rechtschreibschwäche (LRS) oder Legasthenie bezeichnet. Dabei ist Dyslexie eher international verwendbar und Legasthenie eher ein deutscher Begriff.
- Dyspraxie: Eine Auffälligkeit, welche sich durch Schwierigkeiten in der Motorik auszeichnet.
- Dystonie: Erkrankung des Nervensystems, die zu unkontrollierten und schmerzhaften Muskelkontraktionen führt. Diese Kontraktionen können zu ungewöhnlichen Bewegungen und Körperhaltungen führen und die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen.
- Epilepsie: Veränderungen im Verhalten, Bewusstseinsverlust, unkontrollierte Bewegungen, Zuckungen oder Krämpfe, ungewöhnliche Sinnesempfindungen und wiederkehrende Gedächtnislücken. Nervenzellen lösen dabei vorübergehende Störungen (im schlimmsten Fall: epileptische Anfälle) aus.
- Gesichtsblindheit (Prosopagnosie): Gesichtsblinde Menschen haben starke Schwierigkeiten, Gesichter wiederzuerkennen. Die meisten von ihnen sehen Gesichter zwar in allen Details, vergessen ein Gesicht jedoch ganz schnell wieder. Gesichtsblindheit kann daher zu Stress im Alltag und zu sozialen Herausforderungen führen.
- Hochbegabung: Bezeichnet eine weit über der durchschnittlichen Intelligenz liegende Veranlagung.
- Hochsensibilität (englisch: HSP): In Summe haben hochsensible Menschen eine verminderte Reizschwelle. Daher reagieren sie stark und teilweise auch mit Unverträglichkeiten auf Gerüche und Lebensmittel, elektromagnetische Felder, Chemikalien, Geräusche, aber auch auf emotionale Schwingungen.
- Impostor-Syndrom: Chronisches Unterschätzen der eigenen Fähigkeiten, oft ironisch verwendet, jedoch hohen Leidensdruck verursachend.
- Körperdysmorphie: Menschen sehen ihren Körper als „falsch“, das heißt abweichend von einer tatsächlichen oder wahrgenommenen Norm an, obwohl klinisch keine Probleme bestehen. Dabei grübeln Personen oft mehrere Stunden pro Tag über ihren Körper und fühlen sich gezwungen, ständig ihr Aussehen zu überprüfen.
- Lern-/Entwicklungsstörungen: Ein Überbegriff für Beeinträchtigungen in der Lernfähigkeit oder in der Entwicklung. Bekannte Formen sind Dyslexie bzw. Lese-/Rechtschreibschwäche. Bekanntere Entwicklungsstörungen sind Autismus und AD(H)S.
- Long COVID, Myalgische Enzephalomyelitis (ME) & Chronisches Fatigue Syndrom (CFS): Formen von neuroimmunologischen Erkrankungen, die oft zu einem hohen Grad der körperlichen Beeinträchtigung führen. Sie äußern sich unter anderem durch Erschöpfung, Schmerzen oder Gedächtnisbeeinträchtigungen nach COVID.
- Multiple Sklerose (MS): Eine Autoimmunerkrankung, in der die Schutzummantelung der Nerven angegriffen wird. Aufgrund der Beschädigung dieses Mantels kann MS viele verschiedene neurologische Symptome aufweisen.
- Narkolepsie: Eine Störung des zentralen Nervensystems, welche Personen übermäßig müde sein lässt. Es kann dazu kommen, dass Menschen mit Narkolepsie sogenannte Einschlafattacken haben, bei denen sie in alltäglichen Situationen plötzlich einschlafen oder ihre Muskelspannung komplett verlieren.
- Parkinson: Eine neurodegenerative Krankheit, bei der Nervenzellen langsam absterben. Zu den Symptomen können Persönlichkeitsveränderungen, Zittern und Demenz zählen.
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Eine Störung, die durch ein traumatisches bzw. stark belastendes Ereignis ausgelöst wird. Menschen mit PTBS wiederholen das belastende Ereignis innerlich, haben Albträume oder erscheinen emotional gleichgültig.
- Psychosen: Bezeichnet verschiedene Syndrome, welche sich durch Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder Realitätsverlust auszeichnen (darunter auch Schizophrenie).
- Somatoforme Störungen: Bei einer somatoformen Störung haben betroffene körperliche Beschwerden und Schmerzen, welche sich klinisch nicht auf körperliche Erkrankungen zurückführen lassen.
- Suchterkrankungen: Ein Überbegriff für alle Süchte, zum Beipsiel Spiel-, Nikotin- oder Alkoholsucht.
- Synästhesie: Bei Personen mit Synästhesie können verschiedene Sinneseindrücke wahrgenommen werden, welche durch andere, nicht verbundene Sinneseindrücke ausgelöst werden, zum Beispiel das Spüren von Wärme, wenn die Farbe Rot gesehen wird.
- Ticstörungen: Menschen mit einer Ticstörung haben zumindest eine wiederkehrende, unbewusste Bewegung oder produzieren Laute (Vokalisation). Eine bekannte Form der Ticstörungen ist das Tourette-Syndrom.
- Zwangsstörung: Eine Form, die sich durch wiederkehrende Gedanken und Handlungen auszeichnet. Diese werden als unangenehm empfunden, müssen aber vervollständigt werden, da sonst Nervosität bzw. Angst entstehen, zum Beispiel Putzzwang oder Zählzwang.
Quelle: Burel, S., Chaumont, G., Wichern, L., Nagel, S. A. & Mall, K. (2024). Neurodiversität in der Arbeitswelt. Warum Entscheider*innen neurodiverse Menschen brauchen. Amazon Kindle Direct Publishing.
Dieser Lexikon-Eintrag entstand in Zusammenarbeit mit Dr. Simone Burel und Geneviève Chaumont (LUB Mannheim), März 2026.