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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Angaben zum Forschungsprojekt

Arbeitsplatzbezogene Ängste zu Beginn, am Ende und sechs Monate nach einer psychosomatischen Rehabilitation. Eine Untersuchung im Rahmen des Forschungsprojekts 'Arbeitsplatzbezogene Ängste bei Patienten in der Psychosomatischen und Kardiologischen Rehabilitation'

Hintergrund:

Job-Ängste sind bei ca. 60% der Patienten in der psychosomatischen Rehabilitation ein spezifisches Problem (Linden, Muschalla, 2007). Sie gehen häufig mit Aktivitäts- und Teilhabestörungen am Arbeitsplatz einher, sowie mit Langzeitarbeitsunfähigkeit bis hin zu Frühberentung. Sie müssen aufgrund dieser spezifischen sozialmedizinischen Konsequenzen von generellen psychischen Beschwerden abgegrenzt werden (Muschalla et al., 2010).
Ziel dieser Untersuchung ist es, die Entwicklung von Arbeitsfähigkeit in Abhängigkeit von generellen psychosomatischen Beschwerden sowie Job-Angst über den Verlauf zu verfolgen, von der Aufnahme in die stationäre psychosomatische Rehabilitation, über die Entlassung, bis zum Zeitpunkt sechs Monate nach Entlassung.

Methode:

91 Patienten einer psychosomatischen Rehabilitationsklinik mit chronischen psychischen Erkrankungen füllten den Selbstrating-Fragebogen zu "Problemen am Arbeitsplatz" aus (Job-Angst-Skala JAS, Linden et al., 2008), sowie die Symptom-Checkliste (SCL-90-R, Franke, 1995) zu generellen psychosomatischen Beschwerden, jeweils zu Beginn, am Ende und sechs Monate nach Entlassung. Zusätzlich wurde der Arbeitsfähigkeitsstatus vor Aufnahme und sechs Monate nach der Rehabilitation erfasst.

Ergebnisse:

15,4% der 91 Patienten waren unmittelbar vor Aufnahme in die Rehabilitation sowie zum Follow-up-Zeitpunkt arbeitsunfähig (AU-AU, Abb. 1). 57,1% waren bei Aufnahme und bei Follow-up arbeitsfähig (AF-AF), 6,6% waren bei Aufnahme arbeitsfähig und bei Follow-up arbeitsunfähig (AF-AU), und 20,9% waren bei Aufnahme arbeitsunfähig und arbeitsfähig beim Follow-up (AU-AF).
Die allgemeine psychosomatische Symptombelastung (SCL) war in allen vier Gruppen bei Aufnahme hoch, zeigte einen deutlichen Rückgang während der Reha und einen Anstieg auf das Ausgangsniveau sechs Monate nach der Reha. AU-AU- und AF-AU-Patienten hatten die höchsten Werte bei Aufnahme und Follow-up. AU-AF- und AF-AF-Patienten hatten niedrigere Werte und geringere Schwankungen zwischen den Messzeitpunkten.
AU-AF-Patienten, d. h. die "erfolgreichen Fälle", die aus einer AU wieder arbeitsfähig wurden, begannen mit vergleichsweise hohen Job-Angst-Werten. Diese stiegen zum Ende der Reha, d. h. vor Wiederbeginn der Arbeit an und bis zum Follow-up wieder ab. AF-AU-Patienten hatten wie die AF-AF-Patienten bei Aufnahme niedrigere Job-Angst-Werte, die unter Entlastung bis zum Rehaende weiter abnahmen, aber im Follow-up wieder anstiegen.

Schlussfolgerungen:

Generelle psychosomatische Symptombelastung und Job-Angst zeigen einen unterschiedlichen Verlauf während der Behandlung und sind in unterschiedlicher Weise mit Arbeitsfähigkeit assoziiert. Die allgemeine psychosomatische Symptombelastung kann als ein Maß für den chronischen psychosomatischen Erkrankungsstatus verstanden werden, wohingegen Job-Angst spezifische zusätzliche kontextgebundene Probleme widerspiegelt, nämlich Arbeitsplatzprobleme.
Anhand der zum Entlassungszeitpunkt angestiegenen Job-Angst-Werte bei den erfolgreichen Fällen (AU-AF) sieht man wie vorsichtig mit der Interpretation subjektiver Beschwerden umgegangen werden muss. Ein zentrales Ergebnis ist daher die Tatsache, dass Job-Angst mit Arbeitsplatzvermeidung (und damit Arbeitsunfähigkeit) einhergeht, dass jedoch bei Exposition mit Arbeit im weiteren Verlauf Job-Angst durchaus rückläufig und Arbeitsfähigkeit dauerhaft wiederhergestellt sein kann. Dies bedeutet, dass Job-Angst per se eine Arbeitsunfähigkeit nicht rechtfertigt.

Ausblick:

Aktuell beginnen wir 04/2012 aufbauend auf den Erfahrungen des vorangegangenen Forschungsprojekts sowie der langjährigen klinischen Erfahrungen eine kontrollierte Therapiestudie zur Behandlung von Arbeitsplatzängsten bei Patienten in der medizinischen Rehabilitation.
Ziel ist es zu überprüfen, ob eine Gruppentherapie mit spezifisch arbeitsbezogenem Angstbewältigungs- und Fähigkeitstraining im Vergleich zu einer Ergotherapiegruppe zu besseren Ergebnissen bezüglich der beruflichen Wiedereingliederung führt. Das Behandlungskonzept beinhaltet analog zur ICF Interventionsansätze auf der Ebene der Funktion (Umgang mit Angstsymptomen), der Fähigkeiten (Selbstbehauptung und Selbstmanagement), sowie des Kontexts (Arbeitsanforderungen, Arbeitsplatzgestaltung).
Die Therapiestudie wird durchgeführt mit Förderung durch die DRV, im Rahmen des Kooperationsvertrags des "Forschungsverbunds medizinische Rehabilitation".
Ergebnisse sind zu Beginn 2015 zu erwarten.



Bezug des Projekts zur internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF):
Der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF bildet einen konzeptionellen Bezugsrahmen für das Projekt. Die ICF ist kein ausdrücklicher Forschungsgegenstand, wird aber im Vorhaben genutzt, z.B. durch den Einsatz ICF-basierter Instrumente / Skalen zur Beschreibung von Untersuchungsvariablen, Verlaufsdokumentation, Ergebnismessung etc.



Beginn:

01.04.2007


Abschluss:

31.03.2009


Art:

Gefördertes Projekt / Wissenschaftliche Arbeit


Kostenträger:


Deutsche Rentenversicherung Bund



Weitere Informationen


Abstract

Specific job-anxiety in comparison to general psychosomatic symptoms at admission, discharge and six months after psychosomatic inpatient treatment

Objective: Job-anxiety is a severe problem in many patients with chronic mental disorders, as it is usually resulting in specific participation problems at the workplace and long-term sick leave. The aim of this study is to explore the development of sick leave in dependence of general psychosomatic complaints and job-anxiety from admission to a psychosomatic inpatient treatment until six months after discharge.
Method: A convenience sample of 91 patients, suffering from multiple mental disorders filled in self-rating questionnaires on job-anxiety (Job-Anxiety-Scale JAS) and on general psychosomatic symptom load (Symptom Checklist SCL-90-R) at the beginning, the end, and six months after discharge from an inpatient psychosomatic treatment. Additionally, sick leave status and employment status before and six months after the treatment were assessed.
Results: 15.4% of 91 patients were on sick leave before inpatient treatment and at follow-up (SS), 20.9% were fit for work at intake and follow-up (FF), 6.6% fit for work initially and on sick leave later (FS), and 57.1% on sick leave first and working at follow-up (SF).
In regard to general psychosomatic complaints there are initially high scores on the SCL, a marked reduction during inpatient treatment, and a bouncing back to initial levels at follow-up for all four patient groups. SS and FS patients show the highest scores at intake and follow-up. Concerning job-anxiety, SS patients have the highest scores at all three assessments, while FF patients have significantly lower scores, with only low variation between assessments. SF patients start with comparatively high scores of job-anxiety, which even increase before reentering work, but decrease in the follow-up period when they are confronted with work again. FS patients start low like the FF patients at intake, reduce their job-anxiety further till discharge but increase to higher scores at follow-up.
Conclusions: General psychosomatic symptom load and job-anxiety show a different course during treatment and are differently related to sick leave. General psychosomatic symptom load can be understood as a measure for the degree of the chronic illness status, whereas job-anxiety reflects specific additional context-related problems, i.e. problems with work. A core finding is that job-anxiety is related to work avoidance, but work exposure may reduce job-anxiety. This has direct consequences for putting patients on sick leave or not.


Referenznummer:

R/FO125361


Informationsstand: 09.04.2020