Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Forschungsprojekt

Evaluation einer Gruppentherapie zur Behandlung von arbeitsplatzbezogenen Ängsten

Hintergrund:

In der medizinischen Rehabilitation findet man regelhaft Patienten, die trotz vergleichsweise blandem aktuellem Krankheitsstatus dennoch mit heftiger Abwehr reagieren, wenn es um die Frage einer Rückkehr an den Arbeitsplatz geht, und die mit allen Mitteln versuchen, dies zu umgehen, wozu auch prolongierte Arbeitsunfähigkeitszeiten und Erwerbsminderungsrenten gehören.

Eine Erklärung kann Angst vor dem Arbeitsplatz sein. Arbeitsplätze weisen ihrer Natur nach viele angstauslösende Charakteristika auf wie Beurteilungen und Sanktionen durch Vorgesetzte, Rangkämpfe mit Kollegen, Bedrohungen durch reale Unfallgefahren oder aggressive Kunden, Möglichkeiten des Leistungsversagens und Scheiterns, Verunsicherung wegen Veränderungen am Arbeitsplatz oder Ängste um die Arbeitsplatzsicherheit (Semmer, Grebner, & Elfering, 2010). Anders als klassische Angsterkrankungen haben arbeitsplatzbezogene Ängste unmittelbar Konsequenzen für die Teilhabe am Arbeitsleben (Linden & Muschalla, 2007a). So kann eine gemeinsame Endstrecke verschiedener Formen von Arbeitsangst die Entwicklung einer Arbeitsplatzphobie sein, d. h. einer den Arbeitsplatz als Ganzes betreffenden phobischen Symptomatik die eine Annäherung und ein Betreten des Arbeitsplatzes unmöglich macht, Panikattacken und Katastrophenphantasien hervorruft, und oft zu Langzeitkrankschreibung und Frühberentung führt. Damit gehören Arbeitsplatzängste zu den kostenträchtigsten psychischen Erkrankungen.

Arbeitsplatzbezogene Ängste und Arbeitsplatzphobie stellen ein klinisches Problem eigener Wertigkeit dar, mit eigenen Entwicklungsfaktoren, Krankheitsfolgenproblematik, und v.a. eigenen Therapieerfordernissen. Im Gegensatz zu klassischen Angsterkrankungen kann der Arbeitsplatz nicht für Expositionsbehandlungen jederzeit und anonym betreten werden, im Gegensatz zu Straße oder U-Bahn. Diese Besonderheiten machen Arbeitsplatzängste und -phobien zu einem besonders schwierigen klinischen Problem und einer schwierig zu behandelnden Komplikation verschiedenartigster Erkrankungen.

Aufbauend auf Erfahrungen in der psychosomatischen Rehabilitation, in der es spezielle Therapieangebote für arbeitsplatzbezogene Probleme gibt, wurde klinisch ein Gruppentherapieprogramm entwickelt welches speziell der Behandlung arbeitsplatzbezogener Ängste und der Förderung der beruflichen Wiedereingliederung dient. In der Therapiestudie soll die Wirksamkeit dieses Gruppentherapieprogramms mit dem Titel "Selbstbehauptung am Arbeitsplatz" überprüft werden.

Zentrale Forschungsfragen:

Evaluation einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Gruppentherapie zur Behandlung arbeitsplatzbezogener Ängste und Arbeitsplatzphobien in der medizinischen Rehabilitation mit dem Ziel der beruflichen Reintegration.

Methodisches Vorgehen:

Bei Patienten in der stationären medizinischen Rehabilitation unterschiedlicher Fachabteilungen werden die Intensität und der Kontext arbeitsbezogener Ängste erhoben. Patienten mit klinisch relevanter arbeitsbezogener Angst werden randomisiert in eine spezifische "Arbeitsangsttherapie-Gruppe" oder eine unspezifische "Freizeit-Therapie-Gruppe" aufgenommen. In einer Nachuntersuchung nach 6 Monaten soll der weitere Arbeitsstatus sowie der Grad der Beschwerdebelastung untersucht werden.

Bedeutung der Studie:

Arbeitsplatzängste sind ein in der Rehabilitation indikationsübergreifend häufig anzutreffendes Störungsbild, das mit besonderer Krankheitsfolgenproblematik wie Langzeitarbeitsunfähigkeit einhergeht. Sie benötigen zudem ein spezielles therapeutisches Vorgehen. Bislang gibt es keine evidenzbasierten und etablierten Behandlungsempfehlungen.

Unter grundlagenwissenschaftlichen Gesichtspunkten handelt es sich bei dem Projekt um den weltweit ersten Versuch, auf Grundlage des erst in den letzten Jahren entwickelten Konzeptes der arbeitsplatzbezogenen Ängste und Arbeitsplatzphobie ein strukturiertes multimodales Kurz-Behandlungsprogramm für diese spezifischen sozialmedizinisch schwierigen Erkrankungsbilder zu entwickeln. Durch die Studie soll erstmalig eine Behandlungsoption für arbeitsbezogene Ängste erarbeitet werden, die bei Erfolg dann auch von anderen Therapeuten und Kliniken übernommen werden kann. Die Erwartung ist, dass durch eine bessere Erkennung und Behandlung arbeitsplatzbezogener Ängste der weitere Arbeits- und Erwerbsverlauf gebessert werden kann.

Unter dem Aspekt der Förderung der klinischen Rehabilitationsforschung handelt es sich um eine Studie im Rahmen des anlaufenden "Forschungsverbundes medizinische Rehabilitation" zwischen der Universität Potsdam und assoziierten brandenburgischen Rehabilitationskliniken.

Therapie von Arbeitsplatzängsten:

Therapeutische Maßnahmen bei Arbeitsplatzängsten beziehen sich - wie bei anderen Angsterkrankungen auch - zum einen auf die Reduktion von Leiden und Symptomatik, zum anderen auf die Wiederherstellung der Bewältigungsfähigkeiten im Alltag, bei den Arbeitsplatzängsten heißt das also vor allem bei der Arbeit. Daher hat die Behandlung immer auch die Krankheitsfolgenproblematik und sozialmedizinische Aspekte im Fokus. Grundsätzlich gilt, dass - unabhängig von einer möglicherweise attestierten Arbeitsunfähigkeit - möglichst früh eine konsequente und sachkundige Therapie gegen ein sich möglicherweise etablierendes phobisches Vermeidungsverhalten bzgl. des Arbeitsplatzes eingeleitet werden sollte.

Die Behandlung einer Angststörung kann auf allen drei verschiedenen Ebenen ansetzen, die das ICF-Modell abbildet (WHO, 2001):

1. Im Hinblick auf die Psychopathologie, d. h. die Funktionsstörung, ist das Ziel die Angstsymptomatik zu reduzieren.
2. Es können Patienten in Fertigkeitentrainings, die auf der Fähigkeitsebene ansetzen, grundlegende Kompetenzen zum Umgang mit alltäglichen beruflichen Anforderungen (Konfliktmanagement, Bewerbungs-, Präsentations-, und Vortragstraining, Zeitmanagement) vermittelt werden. Dieser Aspekt dient der Förderung gesunden kompetenten Verhaltens, unabhängig von bspw. auftretenden Angstsymptomen.
3. Gegebenenfalls kann geprüft werden, ob auf der Ebene der Teilhabe und Kontextfaktoren mittels Veränderungen am bestehenden Arbeitsplatz (z. B. Versetzung in andere Abteilung, veränderte Arbeitsaufgaben), oder einem Wechsel des Arbeitsplatzes eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit und des Befindens am Arbeitsplatz möglich ist. Allerdings gilt klinisch, dass dies als alleinige Maßnahme in der Regel nicht ausreicht, da auch dies letztlich ein Vermeidungsverhalten sein kann, weshalb mittelfristig mit einer erneuten Verschlechterung der Angstsymptomatik gerechnet werden muss.

Mit der Berücksichtigung dieser drei Ebenen fokussiert das Arbeitsangst-Therapieprogramm im Sinne eines modernen ganzheitlichen Behandlungsansatzes auf das "Verhalten" (Funktions- und Fähigkeitsebene) ebenso wie auch auf die "Verhältnisse" (Kontextfaktoren), analog zum Verhaltens- und Verhältnismodell in der Präventionswissenschaft (Kosarz & Broda, 2007).

Auf dem Hintergrund der vorgenannten Erfahrungen wurde ein Gruppentherapiekonzept entwickelt für Patienten mit arbeitsplatzbezogenen Ängsten. Abweichend von bisherigen berufsbezogenen Gruppentherapieprogrammen (Hillert et al 2007a) liegt der Therapiefokus hier gleichermaßen auf der Funktions-, wie Fähigkeits-, wie Kontextebene.

Die Arbeitsplatzangst-Therapie, die im Rahmen dieser Studie geprüft werden soll, ergänzt die bisherigen Konzepte der (berufsbezogenen) Fertigkeitentrainings (Hillert et al., 2007a; Hinsch & Pfingsten, 1998) um den bislang fehlenden Aspekt einer spezifischen arbeitsplatzbezogenen Angstbewältigung mittels Reaktionsexposition und Einüben von Symptom-, Anspannungs- und Anforderungstoleranz. Das therapeutische Vorgehen konzentriert sich auf etablierte Interventionen zur Angstbewältigung, die in Manualen beschrieben worden sind (Alsleben, Weiss, & Rufer, 2004; Margraf & Schneider, 1990; Kaluza, 2004; Schmidt-Traub, 2000; Stangier, Heidenreich, & Peitz, 2003).



Bezug des Projekts zur internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF):
Der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF bildet einen konzeptionellen Bezugsrahmen für das Projekt. Die ICF ist kein ausdrücklicher Forschungsgegenstand, wird aber im Vorhaben genutzt, z.B. durch den Einsatz ICF-basierter Instrumente / Skalen zur Beschreibung von Untersuchungsvariablen, Verlaufsdokumentation, Ergebnismessung etc.



Beginn:

01.04.2012


Abschluss:

30.09.2014


Art:

Gefördertes Projekt / Wissenschaftliche Arbeit / Studie


Kostenträger:


Das Projekt wird gefördert von der Deutschen Rentenversicherung Bund nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 SGB VI



Weitere Informationen


Abstract

Evaluation einer Gruppentherapie zur Behandlung von arbeitsplatzbezogenen Ängsten

1. Workplace-related anxieties

Chronic mental disorders are often associated with problems at the workplace. A special type of problems are workplace-related anxieties which can result in absenteeism and (long-term-)sick leave.
Workplace-related anxieties can on one hand be explained by the fact, that anxiety disorders will also affect the workplace, and on the other hand by the fact that workplaces usually hold many anxiety-provoking features like achievement aspirations, evaluation by superiors, rivalries between colleagues, offensive customers, or dangers to health by working conditions.
It could be shown that work-related anxieties can be differentiated from other conventional forms of anxiety and from other complaints about general psychosomatic symptoms (Linden & Muschalla 2007). It has also been shown that work-related anxieties are associated with sick leave absence more strongly than conventional anxieties (Muschalla & Linden 2009). This can be explained by the fact that in workplace-related anxieties avoidance behavior often presents as sick leave. Sick leave due to workplace-related anxiety often results in long-term sick leave or even application for early retirement, and is therefore a severe problem for the further work biography.

2. Treatment of workplace-related anxieties

Workplace-related anxieties are hard to treat because of the characteristics of the complex stimulus workplace. One cannot easily conduct an exposition trial at the workplace, because the situation cannot be therapeutically controlled or approached anonymously. Therefore a set of alternative therapy strategies is needed, like in sensu exposition, or a stepped exposition by creating situations which reflect situations similar to the feared workplace situations.
First, as workplace-related anxieties appear in different phenotypes, their psychopathology must be treated specifically. For example, a general tendency of worrying requires a training in positive fluency; a phobic avoidance towards social situations at the workplace requires a desensitization of social interaction situations and gazes. Second, often a specific training of work capacities is necessary, including work organization, presenting oneself in reports and in groups, conflict management, time management, problem solving. Third, the context of the specific workplace must be explored and the possibilities for a return to work.
Thus, the treatment of workplace-related anxieties requires a bio-psycho-social perspective and needs to focus on symptomatology, capacities and context.
Within the clinical routine in a psychosomatic rehabilitation, therapy strategies for workplace-related anxieties have been developed (Linden & Muschalla 2007, Muschalla & Linden 2009).

3. Therapy study

This study is based on the experiences described above. It is a controlled randomized trial with the aim to test whether a group therapy on workplace-related anxieties leads to a better occupational reintegration than a creative handicrafts therapy.
Patients with different somatic disorders who suffer from workplace-related anxieties get the treatment during their somatic rehabilitation treatment. Each patient gets five sessions of a group therapy, randomly assigned to either the work-directed group or to a group for creative handicrafts.
The aim is to find out whether patients who get the work-directed treatment return to work more often, are better occupationally reintegrated, and can better cope with work-related anxiety six months after the treatment.


Referenznummer:

R/FO125396


Informationsstand: 19.09.2017