Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Forschungsprojekt

Auswertung nach 2 Jahren Arbeitsplatzbezogener Muskuloskelettaler Rehabilitation (ABMR)

Einleitung:

Die frühzeitige Verknüpfung der medizinischen Rehabilitation mit den individuellen beruflichen Erfordernissen des Patienten ist das erklärte Ziel der Kostenträger und Spitzenverbände. Die Berufsgenossenschaften etablieren seit dem Jahr 2011 die ABMR als standardisiertes Therapiemodul. Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gestartete Projekt "RehaFutur" beginnt im Jahr 2012 mit der Umsetzungsphase in die Praxis. Leitziel der beruflichen Rehabilitation ist die Förderung der Beschäftigungsfähigkeit. Sie beinhaltet die fachlichen, sozialen, persönlichen und gesundheitlichen Kompetenzen einer Person sowie die Befähigung zum selbständigen Lernen im Lebenslauf und bezieht sich auf konkrete Tätigkeitsfelder in der modernen Arbeitswelt. Dies ist nur durch eine Individualisierung in allen Phasen des Rehabilitationsprozesses realisierbar - bei Trägern und Erbringern gleichermaßen.

Fragestellung:

Diese Arbeit verfolgt zwei Fragestellungen:

1. Analyse der bisher behandelten Patienten nach dem ABMR-Konzept und deren Behandlungsergebnisse

2. Kritische Selbstreflexion unserer Arbeit im Rahmen eines qualitativen Forschungsansatzes

Methoden:

1. Retrospektive Analyse der Patienten nach folgenden Kriterien:
Alter, Geschlecht, Verletzungsmuster, Arbeitstätigkeit, Zeitraum zwischen Unfallereignis und ABMR, Dauer der ABMR, Analyse besonderer Komplikationen und Kontextfaktoren (medizinische, psychologische, beruflich-soziale) sowie Arbeitsfähigkeit nach der Rehabilitation

2. Führung eines offenen Interviews und Fragebogen an alle Mitarbeiter im ABMR-Team


Ergebnisse Patientenanalyse:

Anzahl n = 41 Patienten, Altersdurchschnitt 45 Jahre

Verletzungslokalisation:
obere Extremität: n = 15 Patienten
Wirbelsäule/Becken: n = 12 Patienten
untere Extremität: n = 14 Patienten

Analyse problematischer Verläufe mit komplizierenden Faktoren:
Medizinische: n = 16 Patienten
Psychologische: n = 8 Patienten
Berufliche /Soziale: n = 11 Patienten

Daten der BG unvollständig, jedoch Tendenz: ca. 70 % der Patienten nach ABMR wieder arbeitsfähig, 30 % während der Maßnahme in BGSW umgewandelt, ABMR abgebrochen oder spezieller Diagnostik bzw. OP zugewiesen.

4 modellhafte ABMR- Kasuistiken:

1. "unkomplizierter Verlauf mit sofortiger Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit":
61- jähriger Elektriker, operierte Acetabulumfraktur, komplikationsloser Belastungsaufbau, Entlassung sofort arbeitsfähig

2. "medizinisches Problem während der ABMR" als limitierender Faktor:
25- jähriger Schlosser, persistierendes Streckdefizit nach VKB-Ausriss, Abbruch der ABMR und diagnostische Arthroskopie eingeleitet

3. "psychosoziale Komorbidität" als Problem beim Belastungsaufbau:
48- jähriger Installateur, OSG-Fraktur und Belastungsreaktion mit Ängsten, engmaschige psychologische Mitbehandlung inkl. EMDR, detaillierte Hinweise zur ambulanten Weiterbehandlung bei evtl. Problemen, Entlassung arbeitsfähig, aber im Job wieder dekompensiert

4. "medizinisch- berufliche Problematik":
55- jähriger Heizungsinstallateur, posttraumatische Arthrose nach Radiusfraktur, keine Balastungsstabilität- berufliche Umorientierung notwendig

"Fehleranalyse" bzw. Ausblick bei Nichterreichen der Arbeitsfähigkeit nach ABMR:
In diesen Fällen wurde das Rehaziel AF zwar nicht erreicht. Dennoch war in den meisten Fällen die ABMR nicht umsonst, da der Belastungsaufbau unter multimodalen Bedingungen zu einer Entscheidungsfindung und Klärung der Situation führte. Die Patienten und das Rehamanagement bekamen dezidierte Empfehlungen zur weiteren Behandlung und Prognose.

Ergebnisse des offenen Interviews bzw. der Fragebögen:
Die qualitative Analyse basiert zum einen auf einer mündlichen Diskussionsrunde im ABMR-Team sowie auf einer Fragebogenauswertung (6 Fragebögen).

Die Fragen lauteten:
1. Was sollte beibehalten werden?
2. Was sollte verändert werden?
3. Welche Schwierigkeiten gab es?
4. Wie kann die Effektivität von ABMR verbessert werden?

Ad1
- weiterhin wöchentlich stattfindende ABMR-Sitzung, ebenso EFL-Screening und Arbeitstraining

Ad2
- stärkere Reflexion und Nutzung eigener Freiheitsgrade bei Auswahl der Therapien
- flexiblere Handhabung von Richt-Vorgaben seitens der BG
- Abschaffung visueller Rückmeldungen für den Patienten in der Ergotherapie bzw. beim Arbeitstraining
- 3er-Gespräch (Berufshelfer, Behandler, Patient) in der ersten Woche: klare Zielvereinbarung
- frühzeitige Entscheidung über Abbruch/Kommunikation mit BG

Ad3
Als Schwierigkeiten wurde genannt:
- geringe Motivation einiger Patienten / hohe Ambivalenz
- oft Unklarheit seitens des Patienten bzgl. des Ziels "Arbeitsfähigkeit unmittelbar nach ABMR" plus damit assoziierte Verärgerung
- Patientenunterlagen der BG nicht immer aussagekräftig, z. B. keine Informationen über psychische Problematiken und Kontextfaktoren
- auf der emotionalen Ebene teilweise hohes Frustrationspotential bei den Behandlern durch hohe Anspruchshaltung der Patienten
- sehr hoher personeller Aufwand, Zeitaufwand
- unangenehme Diskussionen bezüglich Übereinstimmung des Arbeitstrainings in der Ergotherapie mit den realen Arbeitsbedingungen
- zu frühe Zuweisung (noch erhebliche medizinische Probleme)
- teilweise ungünstige Kommunikation mit BG bezüglich Erwartungen und Vorgeschichte
- Zeitkontingent von durchschnittlich 4 Wochen oft nicht ausreichend für den notwendigen Belastungsaufbau

Ad4
- bessere Indikationsstellung durch BG in Zusammenarbeit mit D-Arzt / BG-Klinik der BGSW oder EAP
- schnellere Kommunikation zwischen Behandlern und BG sowie unter Behandlern (inkl. D-Arzt) und mit Arbeitgeber des Patienten
- zeitliche Streckung und Flexibilität
- ausführlichere Arbeitsplatzbeschreibung
- Ressourcen besser einteilen


Fazit:
1. Das ABMR-Programm ist ein effektives Konzept zur gezielten beruflichen Wiedereingliederung bei Problempatienten in körperlich belastenden Berufen.
2. Erst die Individualisierung im Gesamtprozess der ABMR ermöglicht eine gute Prozess und Ergebnisqualität.
3. Eine gute körperliche Belastbarkeit und Aufarbeitung der Funktionsdefizite durch eine vorherige BGSW oder EAP ist Voraussetzung für die ABMR.
4. Der Betrieb muss eng mit einbezogen werden im Rahmen des betrieblichen Wiedereingliederungsmanagement (BEM), um eine individuelle und unkomplizierte Anpassung für die ersten Arbeitswochen zu gewährleisten.
5. Gravierende medizinische Probleme oder psychische Begleiterkrankungen erschweren die ABMR. Hier ist eine unverzügliche Diagnostik, Mitbehandlung und besonders klare Kommunikation notwendig.
6. Für den Erfolg sind eine engmaschige Führung des Patienten, ggf. motivierende und strukturierende Einzelgespräche, Teamgespräche und Abstimmung mit der BG notwendig.
7. Bei Verletzungen der unteren Extremitäten ist eine rechtzeitige Schuhversorgung bzw. gezielte Fußsprechstunde mit einzubeziehen.
8. Bei zusätzlichen Schmerzerkrankungen sind eine komplexe Schmerzdiagnostik, Verlaufsbeurteilung und eine gute Schmerztherapie unabdingbar.
9. Das EFL.-Screening ist für die Erhebung des Ausgangsstatus, als Verlaufsdiagnostik und auch als Biofeedback für den Patienten hilfreich.
10. Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen ABMR-Prozess ist eine lösungsorientierte, zielorientierte und salutogenetische Herangehensweise aller Mitarbeiter im ABMR-Team.



Bezug des Projekts zur internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF):
Der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF bildet einen konzeptionellen Bezugsrahmen für das Projekt.



Beginn:

01.01.2010


Abschluss:

31.12.2011


Art:

Eigenprojekt / Wissenschaftliche Arbeit



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO125453


Informationsstand: 06.01.2014