Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Forschungsprojekt

Selbstbestimmung durch partizipative Entscheidungsfindung (PEF) in der beruflichen Rehabilitation

Hintergrund:

In der medizinischen Rehabilitation ist eine partizipative Entscheidungsfindung (PEF) im Sinne der Patientenorientierung von großer Bedeutung (Elwyn 2012), da diese nachhaltige Therapieerfolge, Akzeptanz und Zufriedenheit fördert (Loh, Härter, Spies 2005). Auch für die berufliche Rehabilitation wird mehr Selbstbestimmung im Rahmen des Projekts RehaFutur im Sinne eines Empowerment-Konzepts gefordert (RehaFutur 2012).

Das Ziel dieser Studie ist es, die Machbarkeit von Beteiligungsstrukturen nach dem Konzept von PEF in der beruflichen Integration zu überprüfen. Die Einflussfaktoren auf PEF sowie die Bedürfnisse der Teilnehmer*innen und Berater*innen bezüglich des Integrationsprozesses sollen hierzu erhoben werden. Dem Bildungsträger der analysierten Integrationsmaßnahmen soll Rückmeldung zu seinen Prozessen mit dem Fokus auf Beteiligungsstrukturen gegeben werden.

Methode:

Es wurde eine Interviewstudie in einem Bildungsträger beruflicher Integrationsmaßnahmen durchgeführt, um Informationen zur Entwicklung eines PEF-Konzepts für die berufliche Integration zu erfassen. Insgesamt wurden sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Trägers (Berater*innen) und neun (Maßnahmen-) Teilnehmer*innen zweier unterschiedlicher Integrationsprojekte anhand eines Leitfadens befragt. Im Anschluss wurden vorläufige Ergebnisse in einer Expertenrunde, bestehend aus den fünf Berater*innen, im Fokusgruppenformat überprüft und diskutiert.
Der Leitfaden orientiert sich am Entscheidungsfindungsprozess nach der Definition von Bieber et al. (2007). Folgende Faktoren (deduktive Oberkategorien), die den Verlauf des Entscheidungsprozesses beeinflussen, werden durch den Leitfaden abgebildet:
- Individuelle Beraterinnen- und Beraterfaktoren
- Werte und Erfahrungen der Beraterinnen- und Berater
- Individuelle Teilnehmerinnen- und Teilnehmerfaktoren
- Werte und Einstellungen der Teilnehmenden

Die Annahme ist, dass PEF in der beruflichen Rehabilitation Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Teilnehmenden für erfolgreiche berufliche Entscheidungen fördern kann. Es wird angenommen, dass sich unter den Berater*innen und den Teilnehmer*innen Typen identifizieren lassen, die für das Beteiligungskonzept PEF unterschiedliche An- und Verwendung sehen. Dafür ist die Methode der qualitativen, strukturierten Analyse nach Mayring (2010), mit ihrem Ziel, explorativ Definitionen und Bedingungen der Machbarkeit in ihrer vollen Bandbreite zu erfassen, gewählt worden. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und strukturiert inhaltsanalytisch mit der Software MAXQDA11 ausgewertet.

Ergebnisse:

Der fachliche Hintergrund der sieben interviewten Beratenden ist überwiegend sozialpädagogisch, die Bildungswege sind jedoch divers. Die Befragten arbeiten seit zwei bis zwanzig Jahren in der beruflichen Integration und bei dem Träger. Alle Beratenden betonten, dass sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen an Fallbeispielen verdeutlichen. Werte und Einstellungen der Arbeit werden mit Begriffen wie "menschlich", "zielorientiert" oder "befähigend" beschrieben, sodass das Empowerment-Konzept hier Berücksichtigung findet. Individuelle Beratende-Faktoren lassen sich nicht trennscharf von den Werten der Beratenden unterscheiden.
Zentral ist, dass sich Beratende des Bildungsträgers als Interessen-vermittelndes Bindeglied zwischen Leistungserbringer (Jobcenter) und Maßnahmen-Teilnehmenden verstehen. Dabei treten drei kritische Entscheidungsmomente in den Vordergrund:
1. Die angebotene Maßnahme wahrnehmen.
2. Das individuelle Maßnahmenziel mitbestimmen.
3. Die Angebote im Rahmen der Maßnahme annehmen.
Die Bildungsabschlüsse der neun Teilnehmenden sind divers. Alle Befragten äußern das Bedürfnis, berufliche Entscheidungen eigenverantwortlich fällen zu wollen. Individuelle Faktoren der Teilnehmenden werden in Darstellungen der Befragten als Typen wiedergegeben. Es wird der "Anschub brauchende" Typ beschrieben, aber auch der, der keine oder wenig Unterstützung benötigt. Besonders sensibel stellt sich die Situation in der Gruppe der Menschen mit einem Alter über 50 Jahre dar, da hier häufig umfassende Berufs- und Lebenserfahrung die Beratung oder die "Unterstützungs-" Situationen komplizieren.
Es lässt sich festhalten, dass die Interessen des Leistungserbringers (Jobcenter), der Bildungseinrichtung und der Teilnehmenden weder auf formaler noch auf menschlicher Ebene eindeutig kommuniziert werden. Der Entscheidungsprozess ist nicht transparent.

Schlussfolgerung und Ausblick:
Um sich zu beteiligen, muss die Information vorhanden sein, woran und wie sich beteiligt werden kann. Mit Blick auf die Entscheidungsstrukturen des abgebildeten Dreiecks lässt sich fordern, dass in einem ersten Schritt im Sinne der PEF ausführlichere Informationen über die Entscheidungsstrukturen in diesem Dreieck kommuniziert werden müssen. Aufbauend auf der Expertenrunde der Beratenden der untersuchten Einrichtung werden Handlungsempfehlungen in Form eines Moduls konkretisiert, um für Entscheidungsfindungsprozesse zu sensibilisieren und somit transparent kommunizieren zu können. Die Kenntnisse dieser Prozesse sollen Beteiligungsmöglichkeiten aufzeigen und somit die informationelle Grundlage für PEF in beruflichen Integrationsprozessen legen. Über eine Typenbildung in der Gruppe der Berater*innen und der Teilnehmer*innen sollen Anhaltspunkte zur Individualisierung der Maßnahmengestaltung gegeben werden. Außerdem sollen Beteiligungsstrukturen nach dem Konzept der PEF diskutiert werden. Schließlich sollen die Effekte von PEF auf Kohärenz und Selbstwirksamkeitserwartung im Kontext von Arbeitslosigkeit, Arbeitssuche und Arbeitsplatzerhalt identifiziert werden und als möglicher Ansatzpunkt für Gesundheitsförderung in dieser besonderen Lebenslage dienen.



Beginn:

01.10.2014


Abschluss:

30.04.2017


Art:

Dissertation / Wissenschaftliche Arbeit / Studie



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO125719


Informationsstand: 22.10.2018