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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Angaben zum Forschungsprojekt

BEA - Beraten - Ermutigen - Assistieren

Die Jobcenter Bielefeld, Herford, Höxter und Minden-Lübbecke haben im Verbund und in Zusammenarbeit mit Betroffenenverbänden und der Fachhochschule Bielefeld ein Projekt entwickelt, das durch seine inklusive Vorgehensweise die gesellschaftliche und berufliche Teilhabe von Menschen im Leistungsbezug nach dem SGB II verbessern soll. Entstanden ist so das Projekt BEA:
"Beraten - Ermutigen - Assistieren"
- Beratung - engmaschig
- Ermutigung - durch eine BEA-Begleitung
- Assistenz - durch ein Prozessmanagement

Grundsatz:
Menschen mit psychischen Erkrankungen und Abhängigkeitserkrankte werden in Absichtsbildung, Handlung und Aufrechterhaltung ihrer Wünsche und Lebensziele unterstützt, begleitet sowie stabilisiert. Hierdurch entsteht eine unmittelbare Verbesserung der Lebenssituation, so dass die gesellschaftliche und berufliche Teilhabe deutlich verbessert wird. Mittelbar wird dadurch die Voraussetzung für eine dauerhafte Erwerbsfähigkeit geschaffen.

Akteure im Projekt sind:
- Menschen mit psychischen Erkrankungen und Abhängigkeitserkrankte, die zur Kundengruppe des Jobcenters gehören
- hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Jobcentern, die den Prozess koordinieren und ermöglichen (Prozessmanagement, wobei der jeweilige Mitarbeiter bzw. die jeweilige Mitarbeiterin gemeint ist.)
- ehrenamtliche Mitglieder einer Peer-Group, die eine Aufwandsentschädigung erhalten und die als externe Vertrauensperson agieren (im Projekt: BEA-Begleitung, wobei die jeweilige Person aus der Peer-Group gemeint ist.)

Projektidee:
Durch den Aufbau der Beziehung zu einer Vertrauensperson (hier BEA-Begleitung) und ein Prozessmanagement soll ein neuartiges Beratungsumfeld geschaffen werden, um die Teilnehmenden bei der Findung eigener Lebensziele zu unterstützen und in die Lage zu versetzen, eigene Ressourcen zu erkennen, Teilhabechancen zu erhöhen und die Erwerbsfähigkeit zu stärken. Entscheidend hierfür sind:
- Beratung in vertrauter Umgebung (Konzept der Lebensweltorientierung)
- Kundenzentrierung im Prozess (Konzept der Ressourcenorientierung)
- Assistenz und Ermutigung zu Wegen der individuellen Zielerreichung
- Individuelles Budget zur Umsetzung.

Ganzheitlicher Blick auf die Teilnehmenden:
Geplant ist ein Paradigmenwechsel von einer reinen zielorientierten Beratung hin zu einer Kundenzentrierung in einem systemisch angelegten Prozess, der die Teilnehmenden und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Die Innovation besteht darin, dass sich die Sicht auf den Menschen ändert von einer maßnahmeorientierten, auf die Erwerbstätigkeit fokussierten Blick, hin zu einem ganzheitlichen Blick auf die Lebenssituation der Betreffenden. Scheitert zum Beispiel aktuell die Aufnahme einer Maßnahme daran, dass ein Kunde oder eine Kundin die Befürchtung hat, bereits den Weg dahin nicht alleine bewältigen zu können, so erfolgt die Unterstützung in BEA bereits bei der Klärung dieser Frage. Damit können Hemmnisse beseitigt werden, die einer gesellschaftlichen und beruflichen Teilhabe entgegenstehen. Dies soll darüber erreicht werden, dass ein konsequent kooperativer Ansatz gewählt wird, in dem eine externe Begleitung an maßgeblicher Stelle eingebunden wird, um den Unterstützungsprozess nachhaltig zu verbessern. Diese Begleitung soll von Personen übernommen werden, die zur Peer-Group gehören, und daher ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Teilnehmenden haben oder die sich ehrenamtlich für die Gruppe der Teilnehmenden engagieren.

Konzeptionell stellen Mitglieder von Peer-Groups (hier die BEA-Begleitung) eine einflussreiche Sozialisationsinstanz dar, die dabei unterstützt, soziale Ablösungs- und Neuorientierungsprozesse einzuleiten, emotionale Barrieren zu übersteigen, Umbruchphasen zu überwinden und soziale Erfahrungen zu sammeln, die die Herausbildung von Problemlösungskompetenzen begünstigen. Der Vorteil, den Mitglieder einer Peer-Group haben, besteht darin, dass sie über vergleichbare Erfahrungen verfügen und bereits konstruktive Bewältigungsstrategien entwickelt haben. Auf dieser Grundlage können sie kompetente Unterstützung in Sozialisations- und Entwicklungsprozessen bieten. Letztendlich geht es um die gemeinsam geteilte Erfahrung, dass es möglich ist, trotz der gesundheitlichen Einschränkungen bzw. der Suchtproblematik ein selbstbestimmtes Leben führen zu können (ähnlich dem Recovery-Ansatz; vgl. Kozel/Winter/Abderhalden 2010).
Die dadurch bedingte Überwindung der erlebten Hilflosigkeit und die positive Entwicklung des Selbstwertgefühls stärkt die Selbstwirksamkeitserfahrung der Teilnehmenden (Braungard et al. 2011) und sollte in der Folge auch die gesellschaftliche und berufliche Teilhabe begünstigen. Damit werden Zugangsbarrieren in den Blick genommen und überwunden, um in einem weiteren Schritt die Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen. So kann beispielsweise die Überwindung einer Arztphobie ein wesentlicher Schritt sein, sich selbst um seine sozialen und gesundheitlichen Belange zu kümmern und in der Folge die eigene Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen bzw. zu stärken.

Aufbau eines teilnehmerzentrierten Netzwerkes:
Über den ganzheitlichen Blick auf die Teilnehmenden soll die BEA-Begleitung in den Aufbau eines Hilfenetzes und dessen Verknüpfung eingebettet werden, das jeweils individuell auf die Bedürfnisse und Bedarfe der teilnehmenden Person abgestimmt wird. Denn über die Verzahnung mit anderen professionellen und nicht-professionellen Dienstleistern und die gemeinsame Abstimmung zur Prozessgestaltung entsteht für die Person Transparenz und die Chance, aktiv am Prozess beteiligt zu sein.
Die Aufgabe des Fallmanagements, die im Kontext des Projektes zum Prozessmanagement wird, besteht darin, den Prozess der Unterstützung zu steuern, Netzwerke aufzubauen und die unterschiedlichen Schnittstellen zu koordinieren, wenn sich Lücken zwischen den Hilfesystemen auftun, um die Teilnehmenden (wieder) in die Lage zu versetzen, Ziele zu entwickeln und diese auch in Angriff zu nehmen. In finanzieller Hinsicht soll mit einem individuellen Budget die Möglichkeit geschaffen werden, den individuellen Bedürfnissen dieser speziellen Kundengruppe tatsächlich gerecht zu werden.

Individuelles Budget:
Mit einem individuellen Budget für die Teilnehmenden sollen in diesem Zusammenhang innovative und bedarfsorientierte Leistungen, die auf die gesellschaftliche und berufliche Teilhabe ausgerichtet sind, ermöglicht werden. Das individuelle Budget soll die Zielsetzung des Projektes in niederschwelliger Weise unterstützen: Der Blick auf den Einzelfall soll geschärft werden, um das Verständnis für die individuellen Problemlagen und die Motivationshemmnisse der Teilnehmenden zu verbessern, und die Teilnehmendenperspektive in den Mittelpunkt zu rücken. Das "individuelle Budget" leistet hier einen großen Beitrag, weil es mit seinem flexiblen und unbürokratischen Einsatz schnelle "Erfolge" bzw. Lösungen in der Zusammenarbeit zwischen Prozessmanager*innen/BEA-Begleitung und Teilnehmenden ermöglicht. Für die Zielgruppe wird so erfahrbar, dass die Unterstützung direkt ihre Situation verbessert (quick wins).

ICF als konzeptioneller Bezugsrahmen:
Damit sind alle bisher geschilderten Zielsetzungen des Projekts grundsätzlich dazu geeignet, die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Teilhabeeinschränkungen zu verbessern. Konzeptionell knüpft dieser Ansatz an die International Classification of Functioning, Disability and Health, zu deutsch: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (WHO 2001; deutsche Fassung: DIMDI 2005)) an, was aktuell im SGB II nicht vorgesehen ist. Im Mittelpunkt stehen die Kontextfaktoren der ICF, hier insbesondere personenbezogene Faktoren, wie Selbstwertgefühl oder Selbstwirksamkeitserleben und der Aufbau sozialer Netzwerke. Ihre Stärkung führt zu dazu, die förderpolitischen Ziele "Rehabilitation vor Rente" und "Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen" zu erfüllen. Zudem verfolgt das Projekt das förderpolitische Ziel, "innovative Ansätze zur Unterstützung von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen" zu erproben und einen gemeinsamen Lern- und Erkenntnisprozess anzustoßen, der dazu geeignet ist, die Erkenntnisse der Projektarbeit auch nachhaltig zu nutzen.
Langfristig lassen sich durch die Erfahrungen mit diesem neuartigen methodischen Zugang zur Beratung, Anhaltspunkte für die Optimierung von Prozessen im Jobcenter entwickeln. Damit wird dem Anspruch Rechnung getragen, Beratung als interaktiven Prozess zu verstehen, der die sozialräumlichen Gegebenheiten der Teilnehmenden berücksichtigt.

Projektziele:
Ziel 1: Zur Verbesserung der gesellschaftlichen und beruflichen Teilhabe und zum Entgegenwirken von drohender oder vorliegender Erwerbsminderung soll sich im Rahmen der zu Anfang und zum Ende der Teilnahme vorgenommenen Selbsteinschätzung der erreichte Wert von 75% aller Teilnehmenden nach 12 Monaten in den eigenen Lebenswelten gemäß der ICF um 30% steigern.
Erläuterung: Die jeweils teilnehmende Person benennt zu Beginn der Teilnahme ihre Teilhabeeinschränkungen in den Lebensbereichen Gesundheit, Wohnen, lebenspraktische Fertigkeiten, Freizeit, soziale Beziehungen und Arbeit/Beschäftigung. Nach einer Teilnahme von 12 Monaten soll diese Erhebung unter Berücksichtigung der individuellen Zielerreichung nochmals erfolgen. Die jeweiligen Lebensbereiche werden mit jeweils max. 5 Punkten versehen, so dass 30 Punkte erreicht werden können. Ein positiver Effekt wird als Bestätigung des neuartigen konzeptionellen Zugangs interpretiert. Im Rahmen des Arbeitspakets 1 wird dieses Instrument ausgearbeitet.

Ziel 2: Ziel des Projektes ist, die gesellschaftliche und berufliche Teilhabe dauerhaft zu verbessern, indem Teilnehmende zu BEA-Begleitungen qualifiziert werden und im Projekt als BEA-Begleitungen tätig sind. Nach 2 Jahren Projektlaufzeit sollen 4 Teilnehmende zu BEA-Begleitungen werden, in den folgenden Jahren der Projektlaufzeit sollen jeweils 4 weitere Teilnehmende entsprechend qualifiziert werden.
Erläuterung: Mit diesem Ziel wird ein ressourcenorientiertes Vorgehen unterstützt, indem die Teilnehmenden selbst in ihrer Expertise gefragt sind. Sie überwinden die Kluft zwischen Teilnehmenden und BEA-Begleitung. So übernehmen sie Verantwortung für andere und damit auch für sich. Nicht zuletzt wird hierdurch die Glaubwürdigkeit des Projektes gestärkt.

Ziel 3: Um die gesellschaftliche und berufliche Teilhabe zu stärken, muss auch der Beratungsprozess in den Jobcentern in den Fokus genommen werden, weil sich Teilhabe bereits im Beratungsprozess realisiert. Deshalb soll bis zum Abschluss des Projekts ein Modell entwickelt werden, wie sich Prozesse und Strukturen im Jobcenter ändern müssen, um eine kooperative Beratung zu ermöglichen.
Erläuterung: Durch die Einbindung der BEA-Begleitung besteht die Möglichkeit, die Perspektive der Betroffenen zu stärken und eine partizipative Zusammenarbeit konsequent umzusetzen. Die hierfür relevanten Einflussfaktoren werden im Verlauf des Prozesses ermittelt (qualitative Studie) und konzeptionell aufbereitet, damit langfristig Strukturen und Prozesse in den Jobcentern angepasst werden.



Bezug des Projekts zur internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF):
Der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF bildet einen konzeptionellen Bezugsrahmen für das Projekt.



Beginn:

01.12.2019


Abschluss:

30.11.2024


Art:

Modellprojekt / Gefördertes Projekt


Kostenträger:


Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS); Bundesprogramm "Innovative Wege zur Teilhabe am Arbeitsleben - rehapro"



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO125891


Informationsstand: 29.11.2019