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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Angaben zum Forschungsprojekt

SERVE - Sektorenübergreifende präventive Identifikation, Beratung und Unterstützung von Versicherten mit besonderen beruflichen Problemlagen

Ausgangssituation:

Chronische Erkrankungen zählen zu den häufigsten und gesundheitsökonomisch bedeutsamsten Gesundheitsproblemen in Deutschland und beeinflussen insbesondere die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und Mortalität.
Gravierende Erkrankungen im erwerbsfähigen Alter haben umfangreiche Auswirkungen nicht nur auf den Betroffenen selbst (Verlust des Arbeitsplatzes, Armutsrisiko), sondern auch für die Gemeinschaft der Versicherten (entgangene Beiträge zur Sozialversicherung). Die Folge sind auf die Gesellschaft entfallende Kosten für die Gesundheitsversorgung, krankheitsbedingte Fehlzeiten sowie vorzeitige Erwerbsminderung. Bis dato liegt der Anteil der Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit in Deutschland bei über 20% aller Versichertenrentenzugänge. Rund 40% der Neuzugänge haben wiederum im Jahr vor dem Leistungsfall Arbeitslosengeld oder Grundsicherung (ALG II) bezogen.

Modellvorhaben:

Das Modellvorhaben "SERVE" geht spezifisch auf die oben genannten Bedarfe ein. Patienten, die bestimmte gesundheitliche Risikofaktoren aufweisen, werden frühzeitiger als bisher mit Hilfe eines Screenings durch Hausarzt / DRV / Jobcenter / Arbeitsagentur erfasst. Mit Hilfe eines virtuellen, multidisziplinären "Sozialmedizinischen Kolloquiums" (SMK) sollen diese Patienten zielgerichteten Maßnahmen zugeführt werden, die im Bedarfsfall über den gesetzlichen Leistungskatalog hinausgehen. Im SMK beraten die räumlich voneinander entfernten Mitglieder (Hausarzt, Sozialmediziner, Jobcenter, Arbeitsagentur und DRV Hessen) des Kolloquiums im virtuellen Raum (mit Hilfe telematischer Konzepte "eCollaboration") über passgenaue Leistungen für den in die Fallkonferenz eingebrachten Patienten.

Innovation:

SERVE soll erproben, ob mit den oben genannten Modulen das Risiko einer vorzeitigen krankheitsbedingten Erwerbsminderung reduziert werden kann.
In der täglichen Praxis stellt sich die Problematik, dass der Patient für den Sozialleistungsträger erst auffällig wird, wenn er einen Erwerbsminderungsrentenantrag stellt. In dieser Phase kommen jedoch viele Hilfestellungen zu spät, da das Krankheitsbild bereits chronifiziert ist bzw. die Patienten das Vertrauen in die eigene Erwerbsfähigkeit verloren haben. Die Entscheidung für den Bezug einer Erwerbsminderungsrente ist, aus Sicht des Patienten, meist gefallen.
Eine weitere Problematik der aktuellen Versorgung besteht darin, dass der Patient die notwendigen Hilfestellungen zur Antragstellung nicht erhält und die Rückmeldung im Antragsverfahren zur Rehabilitationsleistung z.T. sehr langwierig ist. Dies schreckt viele Patienten, aber auch Hausärzte ab, dieses Verfahren konstruktiv und frühzeitig einzuleiten. Durch das hier vorgestellte Modellverfahren SERVE besteht die Möglichkeit, dem Patienten, bereits lange bevor er einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellt, Professionen übergreifende Hilfestellungen aufzuzeigen und anzubieten. Diese erreichen den Patienten in einer sensiblen Übergangsphase, noch bevor eine Chronifizierung eintritt und in der, aufgrund seines persönlichen Kontextes, mit einer besseren Akzeptanz und Adhärenz für die angebotenen Leistungen zu rechnen ist. In dieser frühen Phase können nachhaltige Maßnahmen von der Primärprävention bis hin zur Rehabilitation angestoßen werden, die der Erwerbsminderung entgegenwirken.

Das Identifizieren der entsprechenden Patienten erfolgt in diesem Projekt frühzeitiger als bisher unter anderem über die Hausärzte, die aufgrund ihrer erlebten Anamnese, ihres Vertrauensverhältnis zum Patienten und als Koordinatoren der Gesundheitsversorgung für die Früherkennung einer Erwerbsminderungsgefährdung besonders geeignet sind. Sie sind im geplanten Modellvorhaben dementsprechend als Lotsen durch das Versorgungssystem tätig. Besonders innovativ ist hierbei, dass Sie den Kontakt zum Sozialmedizinischen Kolloquium (virtuelle Fallkonferenz), als eine der besonderen Innovationen von SERVE, herstellen. Zusätzlich kann eine Detektierung der Patienten über Jobcenter und/oder die Agentur für Arbeit erfolgen.

Als weiteren innovativen Aspekt in SERVE, werden besonders behandlungsbedürftigen Patienten (z.B. schwer depressiven Patienten, die häufig nicht in der Lage sind Hilfestellungen aktiv anzunehmen) über den gesamten Versorgungsprozess hinweg eine "SERVicEperson" zur Seite gestellt. Die "SERVicEperson" hat eine vermittelnde Funktion und verknüpft den Patientenbedarf mit geeigneten Versorgungsangeboten (Broker-Funktion und Schaffung von Gesundheitsbewusstsein beim Patienten). Für den Bereich der Jobcenter erscheint eine Unterstützung der Patienten, aufgrund der Charakteristika bzw. besonderen Problemstellungen, durch einen SERVE Mitarbeiter generell sinnvoll.

Das Sozialmedizinische Kolloquium hat zusammengefasst folgende Bedeutung für das Gesundheitssystem und den Patienten selbst:

- Frühere und damit effektivere Hilfe für Betroffene
- Steigerung der intersektoralen und interdisziplinären Zusammenarbeit der Sozialversicherungsträger und Leistungserbringer
- Und somit unkomplizierter und interdisziplinärer Informationsaustausch zwischen mehreren Leistungserbringern und Sozialversicherungsträgern, was eine verbesserte Versorgung der Patienten ermöglichen sollte
- Qualitativ hochwertiges Zweitmeinungsverfahren, was die Qualität der Versorgung verbessern sollte
- Freisetzung organisatorischer und ökonomischer Synergieeffekte zwischen den Leistungserbringern und den Sektoren
- Spielraum bei der Verordnung von wissenschaftlich geprüften, aber noch nicht in den Gesamtkatalog aufgenommenen Rehabilitationsleistungen
- Bei Bedarf individuelle Betreuung durch SERVicEPerson möglich; damit Unterstützung und Begleitung im gesamten Prozess vor, während und nach der Rehamaßnahme

Prävention vor Reha vor Rente:

So werden Patienten frühzeitig mit Ihren Beeinträchtigungen bzw. Bedarfen im Sinne von "Prävention vor Reha vor Rente" erfasst und entsprechenden Unterstützungsmaßnahmen zugeleitet. Zudem werden durch gezielte Maßnahmen die behördlichen Antragsverfahren erleichtert. Trotzdem bleibt der einsteuernde Hausarzt / Jobcenter / Arbeitsagentur erster Ansprechpartner für den Patienten, was der Akzeptanz und dem Fortgang von Hilfestellungen zuträglich sein dürfte. Fernerhin besteht die Möglichkeit durch die enge Kooperation der Leistungsträger deren Zusammenarbeit über die Rechtskreise und Sektoren hinaus zu optimieren.

Zielgruppe:

Als Zielgruppe nimmt SERVE Personen ab 40 Jahren mit muskuloskelettalen, psychiatrischen und onkologischen Gesundheitsproblemen in den Fokus.
Die Zielgruppendefinition basiert auf eigenen Analysen und Erfahrungswerten der DRV Hessen im Hinblick auf Indikation und Altersstruktur von Patienten, die in Hessen einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt haben. In diesen Analysen sehen wir einen Anstieg der EM-Rentenanträge von 40% in der Altersgruppe der Patienten < 50 Jahre im Vergleich zu den Patienten < 40 Jahre.

Projektpartner:

In Anbetracht der hohen prognostischen Bedeutung vorausgegangener Bezüge von Arbeitslosengeld oder Grundsicherung (ALG II) stellen ALG II-Bezieher eine wichtige Zielgruppe des hiesigen Modellvorhabens dar. Die Kooperation u. a. mit den Jobcentern / Arbeitsagenturen Marburg und Frankfurt verbessert die Handlungsmöglichkeiten der DRV Hessen, auf die o.g. Zielgruppe im Sinne einer gesundheitlichen Chancengleichheit gezielt zugehen zu können und ihnen frühzeitig passgenaue Hilfestellungen zukommen zu lassen, um einer Erwerbsminderung entgegenzuwirken. Sie verknüpft die Kompetenzen von Leistungsträgern im Sinne des Projektziels und fördert die vom Gesetzgeber im Präventionsgesetz geforderte kooperative Zusammenarbeit.
Aus den Zahlen zur Inanspruchnahme von Rehabilitationsleistungen vor einer Erwerbsminderungsrente ist abzuleiten, dass in diesem Zusammenhang eine Zugangsproblematik zu Maßnahmen der Rehabilitation und Prävention besteht. SERVE erprobt neue Zugangswege, indem neben den Hausärzten, der ärztliche Dienst der Jobcenter und Arbeitsagenturen frühzeitig das entsprechende Versichertenkollektiv auf das Vorliegen eines Erwerbsminderungsrisikos screenen und im Bedarfsfall (auffälliges Screening Ergebnis) an das sozialmedizinische Kolloquium weiterleiten. Dieses berät wiederum interdisziplinär über die bestmöglichste und effektivste Hilfestellung für die Versicherten im Sinne einer patientenorientierten Versorgung.

Rechtskreisübergreifender Ansatz:

SERVE strebt eine Verbesserung des Schnittstellenmanagements und Informationsaustauschs zwischen den Sektoren der Sozialversicherungsträger (GKV, GRV, Jobcenter etc.) sowie der Leistungserbringer (z.B. Hausärzte etc.) durch das Sozialmedizinisches Kolloquium (SMK) an. Die kollegial getroffene Entscheidung des Kolloquiums über das ganzheitliche Behandlungskonzept, unter Berücksichtigung der Präferenzen des Versicherten (Partizipation), ist "akkurater und effektiver" als die Einzelentscheidung eines Behandlers und soll ermöglichen, die Versorgungsqualität der Versicherten zu verbessern und Synergien zu heben. Auf Basis eines Beschlusses des Sozialmedizinischen Kolloquiums wird ein ineinandergreifender, nahtloser Versorgungsprozess mit zum Teil neuen, aber vor allem bedarfsgerechten und passgenauen und innovativen Leistungen eingeleitet.

Langfristige Zielsetzung / Hypothese:

Durch die frühzeitige Falldiskussion im sozialmedizinischen Kolloquium sowie die daraus initiierten Maßnahmen reduziert sich bei den Betroffenen der untersuchten Erkrankungsfelder die Anzahl der Anträge auf Erwerbsminderung in den folgenden 5 Jahren mehr als bei einer Kontrollgruppe von Patienten, die im Rahmen des aktuellen Regelangebotes (therapy as usual) behandelt werden.
Diese Langfrist-Hypothese kann im Zeitrahmen des Modellvorhabens nicht abschließend beantwortet werden und ist einer weiteren Analyse nach einer Laufzeit von 5 und 10 Jahren, vorausgesetzt die Studienteilnehmer geben ihr Einverständnis für eine Verabfolgung, im oben genannten Zeitraum, zu überprüfen. Diese Analysen werden eigenständig durch die DRV Hessen durchgeführt und finanziert.

Wissenschaftliche Begleitung:

Das Projekt SERVE wird von der Phillips-Universität Marburg und der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen sowie der Goethe-Universität Frankfurt wissenschaftlich begleitet.

Die ausführliche Projektbeschreibung SERVE können Sie hier aufrufen (PDF | 22 Seiten | 297 KB):
https://www.rehadat-forschung.de/export/sites/forschung-2021/lokale-downloads/BM...



Bezug des Projekts zur internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF):
Der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF bildet einen konzeptionellen Bezugsrahmen für das Projekt. Die ICF ist kein ausdrücklicher Forschungsgegenstand, wird aber im Vorhaben genutzt, z.B. durch den Einsatz ICF-basierter Instrumente / Skalen zur Beschreibung von Untersuchungsvariablen, Verlaufsdokumentation, Ergebnismessung etc.



Beginn:

01.04.2020


Abschluss:

31.03.2025


Art:

Gefördertes Projekt / Studie / Modellprojekt


Kostenträger:


Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS); Bundesprogramm "Innovative Wege zur Teilhabe am Arbeitsleben - rehapro"



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO125952


Informationsstand: 16.06.2020