Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Forschungsprojekt

Stationäre psychosomatische Rehabilitation bei chronischen Schmerzpatienten - Evaluation einer psychoedukativen sozialmedizinischen Gruppenintervention

Hintergrund:

Patienten mit chronischen Schmerzen gelten in der psychosomatischen Rehabilitation als schwierig zu behandeln. Ursache dafür ist einerseits oftmals die Fixierung der Patienten auf ein organmedizinisches Krankheitsmodell, andererseits liegt bei dieser Patientengruppe häufiger als bei Patienten mit anderen Störungen eine sozialmedizinische Problematik vor. Nach bisherigen Untersuchungen ist die Variable 'laufendes Rentenverfahren' generell der bedeutsamste Prädikator für therapeutischen Misserfolg in der stationären psychosomatischen Rehabilitation (Kulick et al., 2001). Meist wird der Misserfolg ausschließlich als Konsequenz des Rentenbegehrens, d. h. eines Patientenmerkmals, interpretiert. Allerdings mangelt es an spezifischen Angeboten für Patienten mit vorrangig sozialmedizinischer Problematik. Das dargestellte Projekt dient der Evaluation eines neu entwickelten sozialmedizinischen Therapiemoduls, bestehend aus Vortrag, Videopräsentation und interaktiver Arbeit an Fallbeispielen, das zum Ziel hat, die Vorgehensweise bei der Erstellung eines sozialmedizinischen Leistungseinschätzung transparent zu machen und dadurch die Motivation der Patienten zur Teilnahme an der Rehabilitationsmaßnahme und das Rehabilitationsergebnis zu verbessern.

Methodik:

Das Projekt wurde als kontrollierte, prospektive Studie realisiert. Die Evaluation bedient sich eines quasiexperimentellen, 3-faktoriellen Designs mit zwei Gruppenfaktoren (Faktor 1: Treatment: sozialmedizinische Intervention (ExGr) vs. Entspannungseinheit (KoGr); Faktor 2: mit vs. ohne laufendes Rentenverfahren) und - Faktor 3 - einem dreistufigen Messwiederholungsfaktor (stationäre Aufnahme, stationäre Entlassung, 6-Monats-Katamnese). Die Treatmentbedingungen wurden nach einem ABBA-Schema realisiert. Alle Patienten, mit denen der stationäre Bezugstherapeut die Behandlung der Schmerzstörung als wesentliches Ziel der stationären Rehabilitationsmaßnahme vereinbart hatten, wurden diesen Bedingungen sukzessive zugewiesen. Patienten beider Untersuchungsbedingungen nahmen an der störungsspezifischen Schmerzgruppe der Klinik, innerhalb deren die sozialmedizinische Einheit eingebettet war, teil und waren darüber hinaus in die Regelversorgung der Klinik eingebunden. Über die drei Messzeitpunkte wurden als abhängige Variablen mit bewährten standardisierten Fragebogenverfahren gängige soziodemographische, symptomatologische und motivationale Merkmale erhoben.

Ergebnisse:

Untersucht wurden 206 Patienten mit chronischen Schmerzstörungen (N ExpGr. = 100; N KoGr = 106). Experimental- und Kontrollgruppe waren hinsichtlich wesentlicher Stichprobenkennwerte vergleichbar. Die sozialmedizinische Intervention fand bei allen Patienten unterschiedslos eine hohe Akzeptanz. ExGr-Patienten wissen nach der Intervention über sozialmedizinische Sachverhalte besser Bescheid als Patienten der KoGr. Die Reha-Maßnahme als ganze war - unabhängig von der Versuchsgruppenzugehörigkeit - hochwirksam. Patienten mit laufendem Rentenverfahren profitierten - betrachtet man die absoluten Differenzwerte - vergleichbar günstig wie Patienten ohne laufendes Rentenverfahren. Entgegen unseren Erwartungen war bei den Patienten mit laufendem Rentenverfahren der Trippel-Interaktionseffekt nicht signifikant - die sozialmedizinische Intervention hatte bei den Patienten mit laufendem Rentenverfahren über die Messzeitpunkte hinweg keinen zusätzlichen (differenziellen) Therapieeffekt.

Diskussion, Schlussfolgerung und Ausblick:
Vielleicht war es etwas vermessen zu erwarten, dass allein die sozialmedizinische Intervention etwas gegen das als schwer beeinträchtigend erlebte und bereits vom Rentenwunsch dominierte Krankheitsgeschehen der Patienten mit laufendem Rentenverfahren ausrichten kann. Trotzdem ist festzustellen, dass die Einheit 'Sozialmedizin' von den Patienten gut aufgenommen wurde. Uns erscheint es außerdem per se wertvoll, dass wir mit diesem Therapiebaustein einen Beitrag zur besseren Informiertheit des Patienten leisten. Die Intervention wird im Übrigen mittlerweile in der Psychosomatischen Fachklinik Bad Dürkheim allen interessierten Patienten unabhängig von ihrer Hauptbehandlungsdiagnose ein Mal im Monat angeboten.

Zitierte Literatur:
Kulick, B. Florian, L & D Enge (2001). Rentenantragssteller in der Rehabilitation - Eine Studie zur Umsetzung des Grundsatzes 'Rehabilitation vor Rente'. In: Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (Hrsg.): 10. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium. Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis vom 12.-14. März 2001 in Halle/Saale, S. 63-65. DRV-Schriften, Bd. 26, Frankfurt/Main.



Beginn:

01.03.2002


Abschluss:

28.02.2004


Art:

Gefördertes Projekt / Studie


Kostenträger:


Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz
früher: Landesversicherungsanstalt (LVA) Rheinland-Pfalz



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO2810


Informationsstand: 21.06.2018