Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Forschungsprojekt

Persönliches Budget und Lebensqualität (PerLe II). Leben gestalten durch Menschen mit geistiger Behinderung im Wohnheim

Das Persönliche Budget als neues Instrument der (Selbst-)Steuerung von Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderung gewinnt international an Bedeutung. Erfahrungen mit dem Persönlichen Budget im Ausland (z. B. Niederlande, Großbritannien, Schweden) sind insgesamt ermutigend und weisen darauf hin, dass die Verfügung über Geldmittel sich positiv auf die Lebensführung und die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen auswirken kann. In Deutschland wurden mit Einführung des SGB IX im Jahre 2001 die rechtlichen Voraussetzungen für diese Leistungsvariante geschaffen. Deren konkrete Ausgestaltung wurde mit der Neufassung des SGB IX und dem Erlass einer Budgetverordnung zum 1. Juli 2004 erheblich vorangebracht.

Die praktischen Erfahrungen mit dem Persönlichen Budget in Deutschland sind insgesamt jedoch noch sehr gering. Konkrete Erprobungen und Umsetzungen gibt es in Rheinland-Pfalz, Hamburg, Baden-Württemberg, Mittelfranken und Niedersachsen. Auf Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung werden seit Oktober 2004 bundesweit weitere Modellerprobungen zum 'Trägerübergreifenden Persönlichen Budget' in acht Bundesländern bzw. vierzehn Regionen durchgeführt (Laufzeit bis Ende 2007) sowie wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

Die bisherigen Erfahrungen in der Umsetzung Persönlicher Budgets beschränken sich fast ausschließlich auf Leistungen der Eingliederungshilfe außerhalb stationärer Strukturen. Dadurch besteht tendenziell die Gefahr, dass insbesondere Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen, die in stationären Wohneinrichtungen leben, durch die gestalteten Rahmenbedingungen systematisch ausgeschlossen werden. Das mit dem Persönlichen Budget verbundene sozialpolitische Ziel, mehr Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen, gilt jedoch grundsätzlich für jede Person ungeachtet der Art und des Ausmaßes ihrer Beeinträchtigung sowie der Wohn- und Betreuungsform. Die Chancen, die sich mit einem Persönlichen Budget für Menschen mit Behinderung prinzipiell eröffnen, sind deshalb durch geeignete Rahmenbedingungen auch für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben und/oder in (teil-) stationären Einrichtungen leben, zugänglich zu machen.

Unter welchen Bedingungen auch Menschen mit kognitiven und mehrfachen Beeinträchtigungen tatsächlich in der Lage sind, mit Hilfe eines Persönlichen Budgets stärker Einfluss auf die Unterstützungsangebote zu nehmen und welche Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe sich hierbei eröffnen oder verschließen, bedarf jedoch dringend einer empirischen Überprüfung.

Das Projekt PerLe 2 - 'Persönliches Budget und Lebensqualität' - knüpft an das Projekt PerLe 1 - 'Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität' - (Laufzeit: März 2001 bis April 2004) an.

In zwei Forschungsmodulen wurde in PerLe 1 der Frage nachgegangen, wie es gelingen kann, Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderung so zu finanzieren und zu organisieren, dass sie zu einer selbstbestimmten Lebensführung und zur Teilhabe am Leben der Gesellschaft beitragen. In Modul B wurde im Projektverlauf ein Budgetmodell entwickelt, das als bundesweit einziges Konzept explizit auf eine Beteiligung von Menschen mit geistiger Behinderung im stationären Wohnbereich ausgerichtet ist. Dieses Modell wird seit August 2003 in Kooperation mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (als überörtlicher Sozialhilfeträger) und den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel ( als Leistungsanbieter) in einer stationären Wohneinrichtung erprobt (vgl. WACKER, WANSING, SCHÄFERS 2005). Die Modellerprobung wird bis Oktober 2006 fortgeführt.
Teilnehmer/innen des Modellversuches sind derzeit 18 erwachsene Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, die in einem Wohnheim in Bielefeld leben. Sie erhalten ergänzend zu bestimmten Basisleistungen, die weiterhin als Sachleistung von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Wohneinrichtung erbracht werden, ein Persönliches Budget, mit dem sie sich weitere erforderliche oder gewünschte Leistungen individuell organisieren und finanzieren können. Mit ihrem Budget können sie Vereinbarungen entweder mit den Mitarbeitern des Wohnheims treffen, alternative Dienstleister in Bielefeld und Umgebung in Anspruch nehmen oder die Hilfen privat organisieren, indem sie Nachbarn, Angehörige oder Freunde beauftragen.

Forschungsfragen:

Im Projekt 'Persönliches Budget und Lebensqualität' (PerLe 2) erfährt die in PerLe 1 ( Modul B) geleistete Grundlegung und begonnene Umsetzung der Modellerprobung ihre konzeptionelle Weiterentwicklung, weitere empirische Ausgestaltung und Überprüfung.

Die übergeordneten Fragestellungen lauten dabei:
- Was leistet das Budgetmodell von PerLe? Wo zeigen sich Chancen, Grenzen oder Nebenwirkungen?
- Welche Faktoren sind förderlich/hinderlich bei der Umsetzung Persönlicher Budgets in stationären Betreuungsstrukturen?
- Unter welchen Rahmenbedingungen und mit welcher Unterstützung kann der Personenkreis der Menschen mit geistiger Behinderung in die Lage versetzt werden, mit Hilfe eines Persönlichen Budgets Leistungen selbstbestimmt zu organisieren?
- Wie entwickeln sich Lebensführung, -lagen und -stile unter Budgetbedingungen im stationären Wohnbereich? Welche Teilhabechancen eröffnen oder verschließen sich hierbei?
- Welche Erfordernisse entfaltet das Persönliche Budget im stationären Wohnbereich im Hinblick auf planerische und organisatorische Aspekte ( Personalpolitik, Finanzplanung usw.)?

Methodisches Vorgehen:

Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt im Projekt PerLe 2 Aufgaben der Beratung und Evaluation: In der Anfangsphase von PerLe 2 steht die konzeptionelle Weiterentwicklung und beratende Funktion im Vordergrund - insbesondere im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Budgetmodells. Mit zunehmender Laufzeit des Projekts wird die Evaluation zum Arbeitsschwerpunkt, indem die Lebenssituation der Budgetnehmer/ innen in den Blick genommen wird. Das methodische Vorgehen folgt dabei im Wesentlichen den Grundpositionen qualitativer Forschung, um subjektive Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen erfassen zu können. Kern der Datenerhebung bilden leitfadengestützte Interviews mit Budgetnehmerinnen und -nehmern zur Alltagsgestaltung, zu Lebensstilen, -zielen und Teilhabeaktivitäten sowie zur Motiven, Erfahrungen und Beurteilungen im Umgang mit dem Persönlichen Budget. Ergänzt werden diese Informationen durch Interviews mit Mitarbeiter/ innen und dem Einrichtungsträger sowie durch eine Dokumentation der Einrichtungs- bzw. regionalen Dienstleistungsstrukturen.
Diese Daten werden im Auswertungsprozess zueinander in Beziehung gesetzt und führen zu multiperspektivischen 'Budgetnehmerprofilen', welche die Lebenssituation der Budgetnehmer im stationären Wohnbereich unter Bedingungen des Persönlichen Budgets widerspiegeln. Auf diese Weise wird es möglich, sowohl im Querschnitt als auch in längsschnittlicher Betrachtung über eine Zeitspanne von zweieinhalb Jahren die Gestaltungsbedingungen des Persönlichen Budgets und die Wirkungen der veränderten Rahmenbedingungen auf die Lebensführung und Alltagsbewältigung der Bewohner/innen einerseits und die Leistungserbringung andererseits zu beobachten und zu analysieren.



Beginn:

01.05.2005


Abschluss:

30.09.2006


Art:

Gefördertes Projekt


Kostenträger:


Bundesverband Evangelische Behindertenhilfe, Berlin



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO3283


Informationsstand: 28.10.2013