Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Forschungsprojekt

Aspekte der beruflichen Rehabilitation und deren Umsetzung in Behandlungs- und Beratungskonzepte in der stationären pneumologischen Rehabilitation

Hintergrund:

Die medizinische Rehabilitation der Rentenversicherung beruht auf dem Auftrag, die Integration des Versicherten im Erwerbsprozess sicherzustellen oder ihn wieder in das Berufsleben einzugliedern (BfA 2000). Sie grenzt sich dabei von der eigentlichen beruflichen Rehabilitation, den berufsfördernden Leistungen zur Rehabilitation ab. Trotzdem müssen auch in der medizinischen Rehabilitation arbeits- und berufsbezogene Problemstellungen im Zusammenhang mit einer chronischen Erkrankung berücksichtigt werden.

Vor dem Hintergrund der sozialmedizinischen Relevanz und den Folgekosten pneumologischer Erkrankungen ist es daher dringend erforderlich, für die Rehabilitation die therapeutisch-rehabilitative Grundhaltung zu modifizieren und um den Leitgedanken eines arbeitsproblemorientierten Bezuges gezielt zu erweitern (BfA 2000, Schliehe & Röckelein 2002, Schuntermann 2003, Neuderth & Vogel 2002, Kaiser 2003). Dies bedeutet konkret, dass das individuelle Risiko oder die Gefährdung für eine vorzeitigen Berentung durch geeignete somatische, funktionale und psychosoziale Faktoren und ihrer Wechselwirkungen abschätzbar sein muss. Hierdurch besteht die Möglichkeit, für diese Risikogruppe bereits während der Rehabilitationsmaßnahme alle diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen auf arbeits- und berufsbezogene Problemstellungen auszurichten.

Methode:

Unter Einbeziehung vorliegender Daten wurde das Ziel verfolgt, ein 'Risikoprofil zur Frühberentung' zu identifizieren und in ein Screeningverfahren zur gezielten Diagnostik und Zuweisung in die Therapie-, Beratungs- und Schulungsbereiche umzusetzen. Hierzu wurden vorliegende Erhebungen durch eine fünf Jahre später durchgeführte Nachbefragung unter besonderer Berücksichtigung beruflicher Aspekte ergänzt und in der Wechselwirkung auf das Kriterium der Frühberentung und der Gefährdung hierzu analysiert (Kaiser 2003). In die Nachbefragung wurden 814 Patienten einbezogen, von denen 553 Fragebögen in die Auswertung einbezogen werden könnten (67,9 %).

Ergebnisse:

Bei einer Gleichverteilung der an Männern und Frauen ergibt sich für t1 ein Durchschnittsalter von 47 ((14) Jahren. Der überwiegende Teil der Befragten ist verheiratet oder lebt in sonstigen partnerschaftlichen Beziehungen. Über ein Drittel der Befragten verfügt über die Hochschulreife, so dass die Stichprobe im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein höheres Bildungsniveau aufweist. Die Hauptdiagnosen beinhalten mit 80 % überwiegend unterschiedliche Formen asthmatischer Erkrankungen. Neben der Erkrankung der Lunge oder der Atemwege weisen 75 % der Stichprobe weitere Erkrankungen auf. Die Krankheitsdauer beträgt zu t1 durchschnittlich 15,1 Jahre (( 11,9). Auf der Basis der Medikation weisen 72,4 % der Befragten eine mittel- bis schwergradige Erkrankung auf, in deren Folge sich in wesentlichen Lebensbereichen Beeinträchtigungen ergeben. Für beide Messzeitpunkte werden dabei die größten Belastungen (MW > 3,00) in den Bereichen Atemwegserkrankung/-symptomatik, körperliche Verfassung, allgemeine Leistungsfähigkeit, Allgemeinbefinden, allgemeiner Gesundheitszustand und der Einschränkung in der Lebensqualität insgesamt angegeben. Entsprechend dem hohen Bildungsniveau sind in der Ausgangsstichprobe zu t1 44,1 % der Patienten in einem Angestelltenverhältnis, 16,7 % sind beamtet, 9,5 % befinden sich noch in Ausbildung und 7,8 % sind (Fach-)Arbeiter.

Zur Vorhersage der Frühberentung konnten von der Gesamtstichprobe 408 Patienten zur Modellbildung verwendet werden. Die Einschlusskriterien in die beiden Gruppen sind eine zwischen t1 (Ursprungsstichprobe) und t2 (Nachbefragung) beantragte oder ausgesprochene Frühberentung (n=92) bzw. eine Berufstätigkeit zu t1 und t2 (n=316).

Die logistische Regressionsanalyse (bezogen auf Messzeitpunkt t1) ergibt folgende Risiken zur vorzeitigen Berentung: höheres Alter, Schwerbehinderung, höhere Zufriedenheit mit der Freizeit, geringere subjektive Arbeitsfähigkeit, niedrige Zufriedenheit mit der Stimmung, mehr Besuche bei einem Hausarzt/ Allgemeinmediziner und weniger/keine Besuche bei einem Pneumologen (Facharzt).

Eine weitere Analyse wurde mit den Daten aus t2 vorgenommen. Hierbei erweisen sich ein höheres Alter, eine stärkere berufliche Belastung durch die Atemwegserkrankung, eine Schwerbehinderung, geringere Symptome der Müdigkeit (ASL) im Kontext der Atemwegssymptomatik, Einschränkungen im beruflichen Weiterkommen, eine stärkere Einschränkung der allgemeinen Leistungsfähigkeit, eine geringere Einschränkung der beruflichen Leistungsfähigkeit, die AU-Zeiten, ein besseres Abfinden mit der chronischen Erkrankung und stärkere berufliche Veränderungen durch die Erkrankung als Risikofaktoren für eine Frühberentung.

Die Überprüfung der Modelle mittels Kreuzvalidierung weist auf die Übertragbarkeit auf andere Stichproben hin.

Diskussion:

Auch wenn sich die für die beiden Messzeitpunkte gefundenen Prädiktoren unterscheiden, ergeben sich ähnliche Ergebnisse. Vor dem Hintergrund der bestehenden chronischen Erkrankung mit einer Einschränkung der allgemeinen Leistungsfähigkeit weisen die Ergebnisse neben dem zunehmenden Alter auf die Bedeutung des physischen und psychischen Verschleißes hin (t1: Schwerbehinderung, geringere Arbeitsfähigkeit, niedrigere Stimmung, t2: Schwerbehinderung, AU-Zeiten, berufliche Belastungen durch die Atemwegserkrankung). Dem widersprechen auch nicht unbedingt die sich für t2 ergebende geringere Einschränkung der beruflichen Leistungsfähigkeit und die geringere Müdigkeit im Kontext der Atemwegssymptomatik.

Vor dem Hintergrund des höheren Alters scheint die Frühberentung für eine freiwillige oder erzwungene Richtungsentscheidung in Bezug auf die weitere Lebensgestaltung zu sprechen. Hierfür sprechen aufgrund des Alters die zunehmende Nähe zur normalen Berentung und das Abfinden mit der Chronizität der Erkrankung und deren Folgen. Im beruflichen Kontext kann diese Richtungsentscheidung durch bereits erlebte krankheitsbedingte berufliche Veränderungen und das Empfinden einer Einschränkung des beruflichen Weiterkommens beeinflusst worden sein. Letzteres kann auch im Sinne einer beruflichen De-Motivierung interpretiert werden. Wesentlich erscheint jedoch, das mit zunehmender Nähe zur normalen Berentung, krankheitsbedingten Belastungen und negativen beruflichen Erfahrungen die Arbeit für das individuelle Leben an Bedeutung verloren (Sinnfindung, Motivation) hat und der Selbstverwirklichung und Lebensqualität im Sinne einer Interessenverlagerung der Vorrang vor der Arbeit eingeräumt wurde.

Durch die Anzahl der Arztbesuche gewinnt die deutliche fachärztliche Unterversorgung an Bedeutung. Die Ergebnisse sprechen für eine notwendige lungenfachärztliche Versorgung der Betroffenen. Die Vielzahl der Besuche bei Allgemeinmedizinern/Hausärzten lässt zwei Interpretationen zu. Bereits bei den allgemein angegebenen Gründen zur Frühberentung wurde deutlich, dass bei über der Hälfte der Frühberenteten der Hausarzt hierzu geraten hat. Dies mag durch die Anzahl der Kontakte und die häufig auch persönlichere Beziehung mit dem Hausarzt erklärbar sein. Auf der anderen Seite kann jedoch auch angenommen werden, dass aufgrund der Krankheitsschwere der Stichprobe zumindest eine Mitbehandlung durch einen Lungenfacharzt indiziert war, die jedoch nicht erfolgt ist und damit die medizinischen Möglichkeiten nicht umfänglich ausgeschöpft wurden.

Schlussfolgerungen und Ausblick:
Die gesamten Ergebnisse sprechen neben der Optimierung der biomedizinischen Diagnostik und Therapie und der hieraus angestrebten Verbesserung der Symptomatik und Krankheitsfolgen für eine stärkere Integration berufsbezogener Maßnahmen im Rahmen der medizinischen Rehabilitation: berufsbezogene Diagnostik, Beachtung und Förderung psychischer (Motivation, Copingstrategien) und sozialer (soziale Unterstützung) Ressourcen, Beeinflussung von Arbeitsbedingungen, die mit der Erkrankung vereinbar sind (Umweltfaktoren). Daneben scheint die Behandlung bei einem Lungenfacharzt einen Schutzfaktor darzustellen, aus der sich die Notwendigkeit der Verbesserung der fachärztlichen Behandlung ableiten lässt. Die Ergebnisse sprechen für die Notwendigkeit geeigneter Maßnahmen, um Allgemeinmediziner/Hausärzte besser in den Rehabilitationsprozess zu integrieren. Neben einer grundsätzlichen Einbeziehung der Rehabilitationsmedizin in die ärztliche Ausbildung können Fort- und Weiterbildungsangebote dazu beitragen, dass vor dem Rat zur Frühberentung zuerst alle rehabilitativen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.

Forschungsverbund Freiburg



Beginn:

01.10.1998


Abschluss:

30.09.2001


Art:

Verbundprojekt / Gefördertes Projekt


Kostenträger:


Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. - DLR Projektträger des BMBF
Deutsche Rentenversicherung Bund



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FOFVB3D1


Informationsstand: 20.08.2019