Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Forschungsprojekt

Depressive Störungen nach Schlaganfall: Wirksamkeit und Stabilität stationärer und teilstationärer Rehabilitationsmaßnahmen

Fragestellung:

Am Beispiel von Schlaganfallpatienten, die zugleich depressive Störungen zeigen, soll die Bedeutung psychischer Störungen für den Rehabilitationsverlauf erhellt werden. Eine Klärung ist gerade unter rehabilitationsmedizinischen Gesichtspunkten in mehrfacher Hinsicht relevant: Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Ursachen für Behinderung und Erwerbsunfähigkeit. Je nach Untersucher entwickeln 30-70 % der Betroffenen eine depressive Störung. Schädigungen des ZNS zeichnen sich im allgemeinen durch eine hohe Komplexität des Krankheitsgeschehens aus, in denen der Verlust instrumenteller Fähigkeiten, mental-kognitive Defizite, hirnorganisch bedingte Störungen des Verhaltens und der Interaktion, psychische oder psychosomatische Störungen und kontextuelle Einflüsse in wechselnden Anteilen miteinander interagieren. Insbesondere Störungen im Überschneidungsbereich zwischen neurologischen und psychischen Störungen können nicht allein in diagnostisch-therapeutischer Hinsicht erhebliche Schwierigkeiten bereiten, sondern stellen auch an die sozialmedizinische Beurteilung und die erforderlichen Maßnahmen zur sozialen, zumal beruflichen Wiedereingliederung vermehrte Anforderungen. Bleibt die psychische Störung unberücksichtigt, bleibt der Rehabilitationserfolg limitiert.

Stichprobe:

Eingeschlossen werden Patienten mit einem mit CT oder MRI gesicherten Schlaganfall und der Diagnose einer depressiven Störung nach ICD-10, Kapitel F. Die Untersuchung bezieht zwei verschiedene Behandlungskontexte ein, den der stationären Rehabilitation mit begleitender psychotherapeutischer Behandlung und den der stationären Rehabilitation im Bereich Psychotherapeutische Neurologie. Nacherhebungen erfolgen nach 6, 12 und - soweit im Beobachtungszeitraum möglich - 24 Monaten nach der Rehabilitation. Angestrebt wird die Zahl von insgesamt 240 Probanden. Seit Beginn der über drei Jahre angelegten Studie am 1.1.1999 wurden 105 Patienten in die Untersuchung aufgenommen. Im Rahmen der 6-Monats-Katamnese wurden bisher 10 Probanden untersucht.

Untersuchung:
Es handelt sich um eine offene, prospektive Längsschnittstudie an Patienten nach Schlaganfall mit depressiven Störungen. Neben der Hauptzielgröße - Ausmaß und Verlauf Depressiver Störungen - werden als Nebenzielgrößen die berufliche und soziale Integration, die mentalen und motorischen Störungen, Persönlichkeit, Kontrollüberzeugungen, Copingstrategien und die Motivation sowie weitere personenbezogene sozioökonomische und krankheitsbezogene Patientenmerkmale erfasst. Da wissenschaftlich fundierte Vorinformationen über die Gewichtung und Wechselwirkung dieser Merkmale auf den Behandlungs- und Rehabilitationsverlauf weitgehend fehlen und mit einer Vielzahl mitbeeinflussender und zum Teil vermutlich korrelierter Parameter zu rechnen ist, sollen zur Klärung des Einflusses der ausgewählten Parameter sowie der Art des Therapiesettings auf das Rehabilitationsergebnis multivariate regressionsanalytische Auswertungen durchgeführt werden.

Ergebnisse:

Bislang sind 106 Patienten in die Studie aufgenommen und in einer eigens entwickelten Datenbank erfasst worden. Auf der Grundlage von 81 untersuchten Patienten werden gegenwärtig die bei Aufnahme und Entlassung erhobenen Informationen und Befunde in Zusammenarbeit mit der Abteilung Biometrie und Statistik der Universität Ulm (Prof. Dr. W. Gaus) in einer ersten Zwischenauswertung analysiert.

Aufgrund der vorläufigen statistischen Ergebnisse und der klinischen Untersuchungsergebnisse lässt sich bereits aussagen, dass es depressive Störungen nach Schlaganfall gibt, die sich in den gängigen Selbst- und Fremdbeurteilungsverfahren nicht hinreichend abbilden und auch klinisch nur zuverlässig erfasst werden können, wenn zielgerichtet daraufhin untersucht wird. Gerade diese 'vedeckten' Störungen scheinen in medizinischer wie sozialmedizinischer Hinsicht von großer Relevanz zu sein, da sie ebenso häufig unerkannt wie unbehandelt bleiben. Dabei spielt zweifellos eine wesentliche Rolle, dass depressive Störungen nach Schlaganfall in ihrem Erscheinungsbild durch die hirnorganischen affektiv-kognitiven Einschränkungen sowie die erforderlichen Copingmechanismen modifiziert werden. Dieser Aspekt ist bislang weder wissenschaftlich ausreichend erforscht, noch wird er im Rehabilitationsalltag immer angemessen berücksichtigt. Anstelle eines Bedingungsgefüges, das Zusammenspiel und Wechselwirkung der unterschiedlichen Störungsanteile beschreibt, wird so zumeist einseitig auf den einen oder anderen Faktor fokussiert, der unter Reduktion der tatsächlichen Komplexität dann auch einseitig zur Erklärung des gesamten Geschehens herangezogen wird. Beachtet man diese Zusammenhänge, lassen sich wiederkehrende klinische Bilder fassen, bei denen forcierte Bewältigungsanstrengungen so im Vordergrund stehen, dass sie die manifeste Symptomatik sogar wesentlich bestimmen.

Ausblick:

Unter Zugrundelegung der Ergebnisse der laufenden Untersuchung erscheint es nahe liegend, die Untersuchung auf die generelle Erfassung und Charakterisierung von spezifischer psychischer Behandlungsbedürftigkeit zu erweitern. Dabei sollen als nächster Schritt die oben genannten wiederkehrenden klinischen Bilder 'verdeckter' psychischer Störungen bei Erkrankungen des ZNS präziser herausgearbeitet und auf ihre prognostische Relevanz untersucht werden. Gegenwärtig wird ein Antrag auf Förderung eines entsprechenden Anschlussprojektes im Rahmen des rehabilitationswissenschaftlichen Forschungsverbundes Ulm erarbeitet.



Beginn:

01.09.1998


Abschluss:

31.08.2001


Art:

Verbundprojekt / Gefördertes Projekt / Studie


Kostenträger:


Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. - DLR Projektträger des BMBF
Deutsche Rentenversicherung Bund



Weitere Informationen


Abstract

Depression following stroke: Effectiveness and stability of rehabilitation measures

CNS-lesions are generally characterized by a high complexity of the resulting consequences including the loss of instrumental abilities, neuropsychological deficits, disorders of behaviour and social interaction caused by the brain lesion itself as well as psychological and psychosomatic changes interacting also with contextual influences. In particular disturbances at the overlap area between neurological and psychological disorders can cause not only substantial difficulties in the diagnostic-therapeutic aspects, but also create increased challenges for the socialmedical evaluation and the necessary measures to social, particularly to vocational reintegration. Considering this background we hope to illuminate the influence of psychological disorders, other patient characteristics as well as different treatment settings on the rehabilitation process. Patients after stroke with an additional diagnosis of a depressive disorder (ICD-10 F31.3-31.5, F32, F33, F34.1, F43.20-43.22) are examined, who participate in neurological rehabilitation measures according to the phases D and E of the VDR model on an in-patient as well as an out-patient basis. In reference to a special supply of psychotherapeutic treatment integrated into the neurological rehabilitation, and the intensity of the specifically psychotherapeutic measures executed in each case, three different treatment settings (part-stationarily, 'standard' stationarily and 'intensive' stationarily) are included in this long term study. The project intends to provide information to the following questions: Which rehabilitation results can be achieved regarding the vocational integration and the improvement of the psychological disorders by the different therapeutic settings including psychotherapeutic measures for patients after stroke accompanied by depressive disorders? Which patient characteristics, psychopathologic and psychosocial patterns determ the success of the rehabilitation methods in the three different treatment settings? Which prognostic factors and parameters for a more specific allocation into the different treatment settings can be worked out? There is a lack of scientifically founded information about the weighting and interaction of patient characteristics, disease and process-referred characteristics on the one hand, and rehabilitation outcome on the other hand. Since there is a variety of confounding and partially probably correlated parameters expected we will utilize multivariate regression analysis to clarify the influence of the selected parameters as well as the type of the therapeutic settings, in particular on vocational integration and the recovery of depressive disorders following the stroke. Beyond that the results are to serve as basis for the development of differentiated working hypotheses and thus for the conception of a controlled process study which can be attached appropriately.


Referenznummer:

R/FOFVB8P3.4


Informationsstand: 13.06.2018