Inhalt

Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Psychosoziale Betreuung Schwerbehinderter im Arbeitsleben

Protokoll einer Anhörung am 01.12.1986 in Ludwigsburg



Autor/in:

Kurz, Karl


Herausgeber/in:

k. A.


Quelle:

Ludwigsburg: Eigenverlag, 1988, 43 Seiten


Jahr:

1988



Abstract:


Sehr geehrter Herr Direktor, vielen Dank für Ihre Einladung, sehr geehrte Damen und Herren,

außerstationäre Arbeitstherapie, ein Modell des PLK Weinsberg, das wir seit 16 Jahren gemeinsam durchführen.
Lassen Sie mich dazu einige Gedanken und Erfahrungen aus der Praxis wiedergeben.

Sucht- oder psychisch kranke Menschen in einem mittleren Industriebetrieb? Kann das gut gehen, und hilft es dabei, diese Menschen wieder in die Arbeitswelt und Gesellschaft zurückzuführen?

Diesen Fragen haben wir uns im September 1970 gestellt.

Wir, die Firma Eugen Hoerner in Eberstadt, circa 3 km östlich vom PLK Weinsberg, sind ein mittlerer Industriebetrieb mit 480 Mitarbeitern, darunter 45 Auszubildende in 11 verschiedenen Berufen.

Von den 480 Personen arbeiten 295 in Eberstadt, 65 in einem Zweigwerk bei Buchen, 15 in einem kleinen Zweigwerk in Hannover, 40 in verschiedenen Städten innerhalb der Bundesrepublik für Verkauf, Montage und Wartung, 25 in einem kleinen Betrieb in Heidelberg in der Produktion von Leuchtstoffen und etwa 40 in einem Betrieb in Evry bei Paris.

Wir fertigen aus verschiedenen Materialien wie Stahl, Kupfer, Messing, Kunststoffen, Glas, Lack, usw.
Lichtwerbeanlagen aller Art, angefangen von kleinen Transparenten, Ansteckschildern und Buchstaben bis hin zu großen Anlagen wie dem drehbaren und für Wartungszwecke hydraulisch umlegbaren Mercedes-Stern mit 9 m Durchmesser auf dem Verwaltungsgebäude der Firma Daimler-Benz in Stuttgart oder dem großen Bayer-Kreuz in Leverkusen mit 51 m Durchmesser.

Außerdem produzieren wir in kleinerem Umfang Aluminium-Rasterdecken, Informationssysteme, Sonderleuchten,
einige spezielle Maschinen und elektronische Schaltgeräte.

Es wird bei uns jedoch nicht in Schichten oder an Fließbändern gearbeitet.

In dieser sehr vielseitigen Fertigung, es sind in unserem Hause immerhin circa 45 verschiedene Berufe vertreten, arbeiten täglich neben unseren Mitarbeitern circa 15-20 psychisch oder suchtkranke Menschen in den Abteilungen Stahlbau, Flaschnerei, Stanzerei, Schildmalerei, Lackiererei, Trafobau, Neonröhrenfertigung, Betriebsmontage, Versand, Lager sowie in der Gärtnerei und in unseren Weinbergen mit. Sie arbeiten sowohl an Einzel- als auch an Gruppenarbeitsplätzen mit.

Diese Menschen, vorwiegend Männer, im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, stehen bei uns nicht in einem festen Arbeitsverhältnis; sie sind jedoch für den Fall eines Arbeitsunfalles über unsere Berufsgenossenschaft abgesichert.

Nun, der Anfang damals war nicht ganz einfach. Wir mussten zuerst mal unseren Betriebsrat, unsere Meister und Abteilungsleiter sowie unsere Mitarbeiter von der Notwendigkeit einer solcher Arbeitstherapie überzeugen. Denn ohne deren Bereitwilligkeit, Mitarbeit oder zumindest einer Duldung konnte dieses Experiment nicht gelingen. Es gab anfänglich schon mal Einwände wie 'Ich arbeite doch nicht mit Alkoholikern oder Verrückten' oder 'Die nehmen uns ja die Arbeitsplätze weg'. Auch das Arbeitsamt wurde damals unterrichtet.

Es galt einfach, gewisse Vorurteile und Abneigungen gegen kranke Menschen dieser Art abzubauen und allen unseren Mitarbeitern klar zu machen, dass es unser Ziel ist, diese psychisch oder suchtkranken Menschen

- an normalen Arbeitsplätzen,
- inmitten von gesunden und verständisvollen Mitarbeitern,
- durch gut abgestufte Forderungen schrittweise in ihrer Leistungsfähigkeit zu steigern und so auf die berufliche Wiedereingliederung vorzubereiten.

Es sind Leute darunter, die Beachtliches leisten, natürlich auch weniger Qualifizierte.

Die Einstellung unserer Mitarbeiter ist nach Anfangsschwierigkeiten durchweg gut. Es gibt natürlich ab und zu auch mal kleinere Reibereien oder Unstimmigkeiten, die bisher aber immer schnell ausgeräumt werden konnten.

Wichtig ist, dass die Geschäftsleitung genau so wie die Krankenhausleitung voll hinter dieser Sache steht.

Die Patienten, die zu uns freiwillig zur Arbeit gehen, werden von Mitarbeitern des PLK ausgewählt, hier in den Werkräumen des PLK auf ihre Arbeit bei uns vorbereitet und zum Teil mit fast den gleichen Arbeiten, die sie nachher bei uns ausführen, eingeübt.

Um den Patienten eine gewisse Angst vor dem, was in einem Industriebetrieb auf sie zukommt, zu nehmen, ist die Vorbereitung sehr wichtig.

Eine weitere wichtige Aufgabe fällt dem begleitenden Pfleger zu, der unbedingt Industrieerfahrung mitbringen und vorher gut in seine Aufgaben eingearbeitet werden muss. Ohne ihn, das hat sich gezeigt, geht es nicht, denn wir haben keinen fest angestellten Betriebsarzt. Die Patienten benutzen täglich für die Fahrt zur Arbeit und zurück zum PLK zusammen mit dem Pfleger den Linienbus, auch das gehört zur Arbeitstherapie.

Es hat sich gezeigt, dass Patienten, die längere Zeit im Krankenhaus waren, einfache Dinge, wie pünktlich an der Bushaltestelle zu sein, Fahrscheine zu lösen, die Stechuhr im Betrieb zu bedienen, Arbeitsscheine auszufüllen, Mittagessen zu bestellen usw. wieder erlernen müssen.

Der Pfleger übernimmt auch in einer bei uns speziell dafür eingerichteten Werkstätte, in einer sogenannten Eingangsgruppe, die erste Einführung und Arbeitsanleitung, und versucht dabei Hemmungen und/oder Angstzustände bei den Patienten abzubauen.

Er stellt sie unseren Mitarbeitern vor, zeigt ihnen den Arbeitsplatz, die Sozialräume, und macht sie mit dem Betriebsablauf, den Arbeits- und den Pausenzeiten vertraut.

Vor allem hat er dafür zu sorgen, dass der Arbeitsplatz der Patienten primär unter arbeitstherapeutischen Gesichtspunkten erfolgt und dass sie durch zunehmend differenziertere Tätigkeiten, die im oberen Bereich ihrer Leistungsfähigkeiten liegen, nach oben hin trainiert werden.

Auch für persönliche Belange während der Arbeitszeit ist der Pfleger zuständig.

Nach einer Einarbeitungszeit von 2-3 Wochen kommen die Patienten dann je nach Qualifikation aus der Eingangsgruppe in unsere einzenen Abteilungen und werden den Meistern und Abteilungsleitern unterstellt.

Suchtkranke, die vielleicht psychisch und körperlich etwas mehr belastbar sind, gehen mitunter auch gleich nach einer kurzen Einführung in die einzelnen Abteilungen.

Im Normalfall und im Interesse der Patienten erfahren unsere Mitarbeiter die Art der Krankheit der Patienten, mit denen sie zusammenarbeiten, nicht.

Viele der Patienten haben keinen erlernten Beruf; sie werden je nach Geschicklichkeit und Auffassungsgabe für die verschiedenen Arbeiten bei uns ausgesucht und eingearbeitet.

Sie arbeiten dann an Geräten, bedienen Maschinen und Vorrichtungen, beschicken Einbrennöfen, transportieren Materialien, Halbzeuge und fertige Waren, montieren elektrische Bauteile, Leuchten, bauen Aluminiumraster zusammen, helfen bei der Elektroden- und Neonröhrenfertigung und in der Lackiererei mit, verpacken Geräte, fahren Motorgabelstapler usw.

Die Patienten arbeiten im Durchschnitt 2-3 Monate, und nur 12-15 Prozent sind bis zu 6 Monaten bei uns zur Arbeitstherapie. Nach dieser Zeit lassen sich auch Leistungsvergleiche mit gesunden Mitarbeitern anstellen, was bei einer späteren gezielten Arbeitsvermittlung sicher sehr wichtig ist.

Bei Gesprächen mit den Patienten konnten wir immer wieder feststellen, dass das Arbeiten in einem Industriebetrieb für sie eine wesentlich größere Leistungsmotivation darstellt und einen weitaus höheren Stellenwert einnimmt als das Arbeiten in den krankenhausinternen Arbeitsräumen.

Die bessere Entlohnung ist sicher ein Grund dafür, aber auch das Erlebnis, an einem normalen Arbeitsplatz eine nahezu vollwertige Arbeit leisten zu können, hat offenbar eine fast ebenso große Bedeutung.

Auch die gute Harmonie zwischen unseren Mitarbeitern und den Patienten sowie die Aufnahme in die Betriebsgemeinschaft spielt eine große Rolle. Viele sagen 'Du' zueinander. Auch bekommen die Patienten öfters mal etwas spendiert, und wenn es nur ein Becher Kaffee oder zum Geburtstag mal ein Stückchen Kuchen ist.

Die Entlohnung dieser Patienten wird durch das PLK vorgenommen. Sie oder auch mal der Pfleger schreiben die Arbeitsstundenzettel für die bei uns verrichtete Arbeit. Anhand dieser Scheine erfolgt monatlich die Abrechnung zwischen dem PLK und der Firma Hoerner. Die einzelnen Stundensätze sind je nach Leistungssvermögen der Patienten abgestuft.

Nun, jeder Fertigungsbetrieb hat seine Ordnung und seine werkseigenen Gesetze, die im Hinblick auf einen möglichst reibunglosen Ablauf eingehalten werden müssen.

Wir legen Wert darauf, dass der Pfleger und die Patienten dies beachten und sie alle

- die Arbeits- und Pausenzeiten im Großen und Ganzen einhalten,
- die Sicherheitsvorschriften beachten,
- eine gewisse Leistung erbringen und dazu beitragen, dass gute Ware produziert wird,
- den Aufenthaltsraum für Vesper und Mittagessen und die Sozialräume, die extra von uns eingerichtet wurden, sauber halten,
- freundlich und kameradschaftlich zueinander und zu unseren Mitarbeitern sind und
- sich gegenüber den Vorgesetzten und den Mitgliedern der Geschäftsleitung korrekt verhalten.

In den vergangenen 16 Jahren haben circa 840 sucht- und psychisch Kranke dieses industrieelle Arbeitstraining bei uns durchlaufen.

18 haben wir davon in ein normales volles Arbeitsverhältnis übernommen und viele fanden anderenorts wieder einen festen Arbeitsplatz. Die Nachbetreuung spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle.

Ich bin sicher, dass die von der PLK-Leitung ins Leben gerufene und von uns praktizierte extramurale industrieelle Arbeitstherapie zu einem wichtigen unverzichtbaren Bestandteil geworden ist, und die Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Wiedereingliederung von sucht- und psychisch kranken Menschen deutlich erhöht.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Graue Literatur




Bezugsmöglichkeit:


k. A.

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/GL0304


Informationsstand: 19.04.1991

in Literatur blättern