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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Behindertenreport des Landes Sachsen-Anhalt 2001

Empirische Untersuchung über die aktuelle Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen im Land Sachsen-Anhalt



Autor/in:

k. A.


Herausgeber/in:

Institut für Sozialwissenschaftliche Informationen und Studien (ISIS)


Quelle:

Wolmirstedt: Eigenverlag, 2002, 37 Seiten


Jahr:

2002



Abstract:


Auf der Grundlage eines umfassenden Datenmaterials, das auf verschiedenen Wegen - durch schriftliche Befragungen und Interviews auf der Basis identischer Fragestellungen - entstanden ist, lassen sich folgende Aussagen formulieren:

(1) Menschen mit schweren Behinderungen leben in allen Bereichen und Schichten der Gesellschaft. Sie gestalten ihre sozialen Lebensbedingungen aktiv, sind mehrheitlich verheiratet, haben Kinder und leben zu einem großen Teil in familieneigenen Wohnungen. Geschlechts- und Altersstruktur weichen nicht gravierend von der durchschnittlichen Verteilung ab, auch wenn bestimmte schwere Behinderungen (Mehrfachbehinderungen, geistige Behinderungen) häufiger bei Männern anzutreffen sind.

Die Erhöhung der Lebenserwartung spiegelt sich auch bei Menschen mit Behinderungen wider. Die Zunahme von schwerbehinderten Mitbürgern im hohen Lebensalter lässt erweiterte Anforderungen an die Gerontorehabilitation entstehen, die sozialpolitisch zu antizipieren sind. Sie nehmen Einfluss auf die Planung von geeigneten Betreuungsformen und bestehen auch darin, den Verlust an Eigenständigkeit, den schwerbehinderte Menschen unter Umständen im fortgeschrittenen Alter erleiden, sensibel auszugleichen.

(2) Schwere Behinderungen treten zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein (angeboren, früh erworben, Spätschädigungen). Sie führen immer zu erschwerten Lebenssituationen, wobei die Probleme weit über die organische Schädigung hinausgehen und im psycho-sozialen Feld ihre stärkste Ausprägung finden. Menschen mit Behinderungen lernen in der Regel, mit ihren Handicaps umzugehen. Sie sind dabei auf Hilfe und Verständnis angewiesen, mobilisieren aber zunehmend die eigenen Kräfte. An die Stelle eines vordergründigen Versorgungsdenkens durch die Professionellen muss daher die Begleitung selbstbestimmten Lebens treten. Die Untersuchungen zeigen, dass sich solche Entwicklungsprozesse langsam, aber kontinuierlich vollziehen. In der Sozialpolitik sollten alle jene Formen des Nachteilsausgleiches forciert werden, an deren konkreter Ausgestaltung die behinderten Menschen mitwirken können.

(3) Menschen mit Behinderungen stoßen auch in Sachsen-Anhalt noch immer auf Vorbehalte, mitunter auch auf Ablehnung. Zugleich wird deutlich, wie vor allem in den engeren Lebenskreisen (Familie, Arbeitskollegen) die Akzeptanz gegeben ist beziehungsweise wächst. Es kommt weiter darauf an, alle Möglichkeiten der Integration (gemeinsam lernen, gemeinsam arbeiten, gemeinsam leben) zu nutzen und traditionelle Formen der Behindertenhilfe mit isolierenden Wirkungen zu überwinden. Die Ergebnisse des Enthospitalisierungsprozesses in Sachsen-Anhalt dokumentieren bereits solche Veränderungen. Dieser komplexe Vorgang der Normalisierung sollte aber unbedingt weitergeführt und durch qualitative Evaluationen begleitet werden. Wesentliche Fortschritte könnten mittelfristig auch dann erreicht werden, wenn die Kultuspolitik des Landes eine entschiedenere Förderung integrativer Bildung betreiben würde. Gemeinsame Sozialerfahrungen im Kindesalter tragen erwiesener Maßen wesentlich dazu bei, den Leitgedanken 'Es ist normal, verschieden zu sein' zu verinnerlichen. Die Befunde des Reports 2001 zur Wohnsituation lassen deutlich werden, dass solche Prozesse der Normalisierung durchaus voranschreiten.

Einen besonderen Stellenwert nehmen die Möglichkeiten zur Ausübung von Beruf und Arbeitstätigkeit ein. Noch immer sind zu viele Menschen mit Schwerbehinderungen außerhalb des Arbeitsprozesses, da geeignete Stellen fehlen oder die Bereitschaft zur Beschäftigung seitens der Arbeitgeber nicht vorhanden ist. Neben der ständigen Aufgabe einer offensiven Sozialpolitik in der Einflussnahme auf die Arbeitgeber (zum Beispiel durch Verschärfung der Ausgleichsabgabe), erscheint es als notwendig, in Sachsen-Anhalt direkte Wege der beruflichen Integration schwerbehinderter Menschen zu verstärken. Modellprojekte (zum Beispiel Telearbeit für Menschen mit Behinderungen) haben die Effizienz solcher Maßnahmen belegt. Gezielt gestaltete Formen der Arbeitserprobung und Integrationsmodalitäten bei der Überleitung in den Arbeitsmarkt durch begleitende Arbeitsassistenten könnten weitere Instrumentarien einer aktiven Beschäftigungspolitik für Schwerbehinderte und mit Schwerbehinderten sein. Die Erhebungen lassen nicht zufällig erkennen, dass die existierenden Maßnahmenkataloge offensichtlich die Bedürfnislagen der Zielgruppen nicht optimal treffen.

(4) Menschen mit schweren Behinderungen gestalten ihren Alltag in aller Regel selbstbewusst und mit einer positiven Grundhaltung. Es ist eine gute Feststellung, wenn die Zufriedenheitswerte (zum bEispiel im Hinblick auf finanzielle Sicherheit, auf Wohnen, auf Verkehrsfähigkeit) in den zurückliegenden Jahren deutlich gestiegen sind. Nicht in gleichem Maße kann befriedigen, dass noch immer Defizite im Wissen um rechtliche Ansprüche in der Interessenvertretung von Behinderten und in den Zugangsbedingungen bei einzelnen Institutionen und Ämtern bestehen. Die Bemühungen um mehr Bürgernähe, die vor allem in der Kommunalpolitik erkennbar sind, sollten ganz bewusst die Bedürfnisse von schwerbehinderten Mitbürgern 'mitdenken'. Zu erwägen wäre auch, ob die vorhandenen Informationsmaterialien über Rechte und Möglichkeiten behinderter Menschen nicht nutzerfreundlicher und zugleich informeller gestaltet werden könnten.

(5) Menschen mit schweren Behinderungen reflektieren sehr sensibel Diskussionen und Verhaltensweisen, die das Lebensrecht und die Lebensumstände beschränken wollen. Sie machen nachhaltig deutlich, dass viele Kommunikationsprobleme aus Unkenntnis, aus fehlender gemeinsamer Erfahrung resultieren. Gleichzeitig spüren sie auch Aggressionen, die aus Frust oder ideologisierten Vorbehalten resultieren. Sie wünschen sich, in der normalen Begegnung mit Nichtbehinderten ihre vielfältigen Aktivitäten und Möglichkeiten leben zu können. Zugleich schätzen sie ein, dass die Medien noch nicht in ausreichendem Maße zu einer Verstehensgrundlage beitragen. In diesem Zusammenhang bleibt die kritische Frage, weshalb behinderte Mitbürger ihre Möglichkeiten zur Mitwirkung an politischen Entscheidungen sehr zurückhaltend einschätzen.

(6) Die befragten schwerbehinderten Menschen (n1=1744 beziehungsweise n2=92) waren in überwiegendem Maße nicht oder nicht mehr im Arbeitsprozess. Altersrente und Schwere der Behinderung sind die Erklärungszugänge. In den weiterführenden Befragungen mit berufstätigen Schwerbehinderten (schriftlich 235 Personen, Direktbefragung 56 Personen) treten einige Problemlagen hervor, die noch stärkere Beachtung verdienen. So bleibt die Forderung nach Schaffung einer größeren Zahl behinderungsgerechter Arbeitsplätze ganz aktuell, wobei auch die Möglichkeiten zur Nutzung moderner Technologien (zum Beispiel in Tele-Arbeit) konsequenter zu bedenken sind (s.o.).

Die relative Zufriedenheit der berufstätigen schwerbehinderten Menschen mit ihren Arbeitsbedingungen darf nicht zur Vernachlässigung der kritischen Feststellungen führen. So wird die Möglichkeit zur Mitsprache im Betrieb/in der Werkstatt für Behinderte als wenig ausgeprägt eingeschätzt. Besonders deutlich werden jedoch die fehlenden Qualifikationsangebote für behinderte Arbeitnehmer angesprochen. Es verdeutlicht die aktive Lebensposition von berufstätigen Menschen mit schweren Behinderungen, wenn sie als dominante Motive für ihre Arbeitstätigkeit den Kontakt zu Mitmenschen, die Sinnperspektive in der Lebensgestaltung, den Eigenbeitrag zur Existenzsicherung hervorheben.

(7) Der Behindertenreport des Landes Sachsen-Anhalt 2001 lässt insgesamt erkennen, dass sich eine spürbare Verbesserung der objektiven und subjektiven Lebensbedingungen vollzogen hat. Sie ist auch ein Ergebnis sozialpolitischer Schwerpunktsetzungen, vor allem jedoch das Resultat individueller Anstrengungen von behinderten und nichtbehinderten Menschen in der Bewältigung des Alltages und bei Prozessen der Entscheidungsfindung. Dabei ist zu wünschen, dass die Kraft und Durchsetzungsfähigkeit von Interessenvertretungen und Behindertenverbänden weiter wächst. Dazu kann die Sozialpolitik einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie diese Gruppen konsequent und aktiv einbezieht, wenn es um die Belange von schwerbehinderten Mitbürgern geht. Das sollte sich nicht auf (sehr wesentliche) Anhörungen beschränken, sondern bereits im Vorfeld politischer Entscheidungen die Mitwirkungsgebote ernsthaft und transparent umsetzen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:


Dokumentart:


Graue Literatur / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Institut für sozialwissenschaftliche Informationen und Studien (ISIS)

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Referenznummer:

R/NV0150


Informationsstand: 17.12.2003

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