Inhalt

Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Aus Statistiken lernen: Ausgewählte Analysen der Schwerbehindertenstatistik, des Mikrozensus und der Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit


Sammelwerk / Reihe:

Aufbrüche - Anstöße: Frauenforschung in der Erziehungswissenschaft; Beiträge aus dem Fachbereich 1 der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg


Autor/in:

Niehaus, Mathilde


Herausgeber/in:

Fleßner, Heike; Carl von Ossietzky Universität Oldenburg


Quelle:

Oldenburg: BIS-Verlag, 1995, Seite 157-173


Jahr:

1995



Abstract:


Unter dem Titel Pädagogik aus Frauensicht veranstalteten Erziehungswissenschaftlerinnen der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg in den Wintersemestern 1993/94 und 1994/95 eine Ringvorlesung, in der sie erstmals gemeinsam Ergebnisse ihrer aktuellen Forschungsarbeiten vorstellten.

Inhaltlicher Ausgangspunkt war der Versuch, die Vielfalt wissenschaftlicher Arbeit von Pädagoginnen im Fachbereich 1 als wichtigen spezifischen Beitrag zur Entwicklung der Disziplin kenntlich zu machen: wissenschaftspolitisch, indem die Forschungsleistung von Frauen zusammengeführt wurde; wissenschaftsinhaltlich, indem der Blick - bei aller Verschiedenheit der Arbeitsschwerpunkte und ihrer theoretischen Verortung - auf die Untersuchung frauenbezogener Fragen und/oder auf die Analyse der darin eingelassenen Geschlechterbeziehungen konzentriert wurde.

Der Band, aus dem der Beitrag entnommen ist, dokumentiert die überarbeiteten Beiträge zur Vorlesung. Er ist Ergebnis gelungener Kooperation und Ausgangspunkt weiterer gemeinsamer Projekte in Forschung und Lehre.

Die These der doppelten Diskriminierung behinderter Frauen wurde in der Literatur seit den achtziger Jahren immer wieder aufgestellt. Die Behauptung wurde als Aussage insbesondere in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen und Betroffenenberichten angenommen. Behindertsein und Frausein sei ein zweifaches Handicap. Unklar blieben häufig Spezifizierungen, was unter der doppelten Diskriminierung zu verstehen sei. Wissenschaftliche Analysen lagen nur vereinzelnt vor. Um die These der doppelten Diskriminierung behinderter Frauen einschätzen zu können und ihre Funktion und Konsequenzen erkennen zu können, ist zunächst einmal eine Deskription der Lebenslagen behinderter Frauen notwendig.

Was wissen wir über die Lebenslage behinderter Frauen? Daten zur sozialen Lage behinderter Menschen in der Bundesrepublik Deutschland liefern beispielsweise amtliche Statistiken. Hier sind die Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit, der Mikrozensus sowie die Schwerbehindertenstatistik zu nennen.

Daten über Behinderungen und behinderte Menschen sind vorwiegend in der amtlichen Behindertenstatistik zu finden. Damit sollen alle zwei Jahre aktuelle Informationen für sozialpolitische Planungen bereitgestellt werden. Die Statistik soll eine Beurteilungsgrundlage 'für die Durchführung von Maßnahmen und die Gewährung von Leistungen zugunsten des betroffenen Personenkreises' liefern.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die amtliche Statistik ungenau und geschlechtsspezifisch verzerrt die Anzahl Behinderter wiedergibt. Behinderte Frauen sind unterrepräsentiert erfasst. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Schwerbehindertenstatistik sind an männlichen Lebenszusammenhängen orientiert. Die amtlichen Daten erlauben keine Rückschlüsse auf die soziale Lage behinderter Frauen. Insofern kommt die Schwerbehindertenstatistik ihrer Aufgabe, Eckdaten zur sozialpolitischen Planung für Frauen und Männer bereitzustellen, nicht nach.

Die Erhebung nach dem sogenannten Mikrozensusgesetz zu Fragen der Behinderteneigenschaft ist ebenso wie die amtliche Statistik nach dem Schwerbehindertengesetz nur bedingt brauchbar. Denn auch in der Mikrozensuserhebung werden nur die Personen als Behinderte berücksichtigt, die selbst einen Antrag auf Anerkennung gestellt haben und deren amtlicherseits mindestens ein Grad der Behinderung von 30 v. H. zuerkannt wurde.

Es wurden Fragen unter anderem zur Wohnsituation, zum Erwerbsleben, zur Gesundheit sowie zum Einkommen gestellt. Die Informationen erlauben einen Vergleich der wirtschaftlichen und sozialen Lebenslage der behinderten Männer und Frauen mit der der übrigen Bevölkerung. Neben der Darstellung der soziodemografischen Grunddaten der Behinderten geben die Auswertungen des Mikrozensus unter anderem auch Auskunft über die Beteiligung der Behinderten am Erwerbsleben, über ihre Einkomenssituation und ihren Familienstand. Dabei können die Angaben für die behinderten und nichtbehinderten Personen einander gegenübergestellt werden. Mit Hilfe dieser Vergleiche wird es möglich, die These von der doppelten Benachteiligung behinderter Frauen zu diskutieren.

In den Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit werden behinderte Menschen einerseits als 'Behinderte im Sinne des Schwerbehindertengesetzes' ausgewiesen (zum Beispiel in der Arbeitslosenstatiktik) und andererseits als 'Rehabilitanden' Von den Rehabilitanden, die in eine Umschulung eintreten, sind über die Hälfte Männer. Die spezifischen Probleme von Frauen in der beruflichen Rehabilitation wurden untersucht.

Die Studie verdeutlicht, dass die Rahmenbedingungen zur beruflichen Wiedereingliederung sich nicht an Lebenszusammenhängen von Frauen orientieren. Die meisten Berufsförderungswerke sind nicht 'vor Ort'. So ist bei den Umschulungsmaßnahmen mit einer außerhäusigen und internatsmäßigen Unterbringung zu rechnen. Für Frauen, die Kinder oder ältere Angehörige zu versorgen haben, ist es dementsprechend schwierig, an einer solchen Umschulung teilzunehmen.

Hier bieten sich Ansatzpunkte für die These der doppelten Benachteiligung behinderter Frauen an. Die geringeren Erwerbsquoten und die hohen Erwerbslosenquoten behinderter Frauen können als weitere Argumente herangezogen werden.

Es wurde selten versucht, differenzierte Argumente für die Annahme der doppelten Benachteiligung behinderter Frauen zu liefern. Mit der Analyse sozioökonomischer und soziodemografischer Daten aus den amtlichen Statistiken liegt eine Möglichkeit, die Benachteiligungsthese zu diskutieren, vor. Diese Analyse zeigt, dass behinderungsbedingte Ausgleiche, die staatlicherseits geregelt werden, von Frauen und Männern mit Behinderungen unterschiedlich genutzt werden und unterschiedlich genutzt werden können.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag



Referenznummer:

R/NV3450


Informationsstand: 28.02.2005

in Literatur blättern