Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Einen Schritt vor, zwei Schritte zurück: Frauen in der beruflichen Rehabilitation


Sammelwerk / Reihe:

Die Berufsförderungswerke - Netzwerk Zukunft


Autor/in:

Arnade, Sigrid


Herausgeber/in:

Arbeitsgemeinschaft Deutscher Berufsförderungswerke (ARGE-BFW)


Quelle:

Frankfurt am Main: Eigenverlag, 2004, Seite 75-81


Jahr:

2004



Abstract:


Sigrid Arnade, Vorstandsmitglied des Netzwerks behinderter Frauen Berlin e.V. und Vertreterin des Weibernetzes im Deutschen Behindertenrat (DBR), berichtet in dem Artikel über den geringen Frauenanteil in der beruflichen Rehabilitation und versucht, mit einen Rückblick auf die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre, zu erklären, warum trotz aller Bemühungen der durchschlagende Erfolg ausbleibt und warum eine weitere Verschlechterung der Situation zu befürchten ist.

Einer der Gründe ist das berufliche Angebotsspektrum in Berufsförderungswerken. Dies entspricht selten weiblichen Berufswünschen und ist vor allem auf Männer ausgerichtet. Ein weiteres Hemmnis ist die Beratung bei den Arbeitsämtern, die von den betroffenen Frauen oft als unvollständig und demotivierend erlebt wurde. Da Umschulungen häufig nur wohnortfern und als ganztägige Maßnahmen angeboten wurden, verzichteten viele Frauen mit Familienpflichten von sich aus auf eine Teilnahme. Ebenso war für Frauen mit Erziehungspflichten die nicht vorhandene Kinderbetreuung ein wichtiges Teilnahmehemmnis. Hinzu kam oft eine unzureichende finanzielle Absicherung für die Zeit der Rehabilitation, die auf Kindererziehungszeiten zurückzuführen war.

Seither ist viel Zeit vergangen, und viele Initiativen sind gestartet worden, um die Situation zu verbessern. Der Anteil der Rehabilitandinnen in Berufsförderungswerken ist im Jahr 2001 auf 27,6 Prozent gestiegen. Seitdem ist zumindest eine Stagnation, wenn nicht eine rückläufige Tendenz zu beobachten. Dass diese Situation kein deutsches Phänomen ist, zeigt ein Blick über die Grenzen. Auf europäischer Ebene wurden bei allen zwischenstaatlichen Unterschieden einige Gemeinsamkeiten festgestellt. Die Probleme sind vergleichbar und damit auch die Handlungsperspektiven.

Daraufhin geht die Autorin näher auf die einzelnen Problemfelder ein und schreibt anschließend, wie es besser funktionieren könnte. Vieles ging in kleinen Schritten voran, bis 1997 der Rechtsanspruch auf berufliche Rehabilitation durch das Arbeitsförderungsreformgesetz entfiel. Eingeschränkt gibt es ihn noch, wenn Reha-Maßnahmen beispielsweise in Berufsförderungswerken erbracht werden. Für die wohnortnahe Rehabilitation und damit speziell für Fraueninteressen war das ein harter Schlag. Dennoch ging es in kleinen Schritten weiter, aber der Durchbruch blieb aus.

Es fehlt an einem Gesamtkonzept, das alle Punkte parallel aufgreift. Solch ein Konzept müsste laut Anrade folgende Elemente enthalten:
- Die finanzielle Absicherung muss gegeben sein.
- Eine ergebnisoffene Beratung, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Frau orientiert, muss angeboten werden.
- Die Kinderbetreuung muss gesichert sein.
- Es muss eine echte Wahlmöglichkeit zwischen Teilzeit- und Vollzeitmaßnahme geben.
- Die Rehabilitationsmaßnahme wird wahlweise stationär oder ambulant angeboten.
- Das Berufsspektrum sollte sich an 'Frauenwünschen' orientieren.

Ein Gesamtkonzept muss entwickelt und umgesetzt werden. Interesse daran haben sicherlich die betroffenen Frauen und ihre Interessenvertretungen. Das sind vor allem die Netzwerke behinderter Frauen. Die Interessenvertretungen behinderter Frauen könnten zwar an der Erarbeitung mitwirken, aber zur Umsetzung sind starke Verbündete nötig.

Die Bundesregierung und die zuständigen Bundesverwaltungen sind aufgerufen, sich in einem Gesamtkonzept der unbefriedigenden Beteiligung von Frauen an der beruflichen Rehabilitation anzunehmen und gemeinsam mit betroffenen Fachfrauen ein entsprechendes Konzept zu entwickeln und dieses umzusetzen.

Mit den Hartz-Reformen ist das Ziel der eigenständigen Existenzsicherung von Frauen aufgegeben worden - sie benachteiligen Frauen in ganz besonderem Maße. Die Referentin betitelt dies als mittelbare Diskriminierung und diese ist nach deutschem und europäischem Recht eigentlich verboten. Sie stellt die Frage, warum Frauen rehabilitiert werden sollen, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt doch anscheinend unerwünscht sind. Oder umgekehrt: Warum werden erfolgreich rehabilitierte Frauen mit Macht vom Arbeitsmarkt gedrängt? Ein schlüssiges Gesamtkonzept für die ganze Arbeitsmarkt- und Rehabilitationspolitik der Republik wäre durchaus sinnvoll und wünschenswert.

Anrade betont nochmals, dass über Jahre trotz einiger Rückschritte die Rehabilitation von Frauen doch immer klitzekleine Schritte vorangekommen sei und mit dem SGB IX sogar ein Quantensprung geschafft zu sein schien, die Hartz-Gesetze jedoch alles wieder zurückwerfen. Es sei zu befürchten, dass der jetzige Rückschritt das bisher Bekannte an Einschnitten und Rückwärtsentwicklungen in den Schatten stellt.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk 'Die Berufsförderungswerke - Netzwerk Zukunft'




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke e.V. (BV BFW)
Homepage: https://www.bv-bfw.de

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV351209


Informationsstand: 26.07.2005

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