Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Ambulante berufliche Rehabilitation psychisch kranker Menschen: Konzept, Teilnehmerstruktur und Rehabilitationserfolg eines beruflichen Integrationsseminars

Vortrag auf dem Zweiundzwanzigsten Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vom 4. bis 6. März 2013 Mainz



Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?


Autor/in:

Eichert, Hans-Christoph


Herausgeber/in:

Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2013, Seite 284-286


Jahr:

2013



Abstract:


Hintergrund:

Verschiedene Ansätze der beruflichen Rehabilitation psychisch kranker Menschen lassen sich anhand des Zeitpunkts der betrieblichen Integration charakterisieren. Während sie bei 'klassischen' Ansätzen am Ende des Rehabilitationsprozesses nach Training oder Umschulung steht, folgen bei neueren Ansätzen dem Arbeitsplatz angepasste rehabilitative Maßnahmen erst nach der Betriebsintegration. Diese Ansätze gehen auf das 'supported employment' in den USA zurück (Bond, 1997) und sind in Deutschland als 'Unterstützte Beschäftigung' oder 'Betriebliche Einzelumschulung' bekannt. Eine vergleichende Untersuchung beider Ansätze haben zum Beispiel Burns (2007) unternommen. Das hier untersuchte Integrationsseminar nimmt als ambulante Rehabilitationsmaßnahme eine Zwischenstellung ein: Es verbindet Elemente beider Ansätze und ermöglicht individualisierte Rehabilitationsverläufe.

Konzept:

Das Integrationsseminar besteht seit 1993 und hat die Vermittlung psychisch erkrankter Rehabilitanden in Arbeit oder Ausbildung zum Ziel. Wesentliche Merkmale des Konzeptes sind die Orientierung an den individuellen beruflichen Zielen der Teilnehmer, der Bezug zum regionalen Arbeitsmarkt sowie die Vernetzung mit anderen Hilfs- und Unterstützungssystemen. Es dauert ein Jahr und besteht aus zwei zeitlich flexiblen Modulen. Modul 1 dauert vier Monate und dient der Bestandsaufnahme, der Entwicklung einer Berufsperspektive und der Planung des individuellen Seminarverlaufs. Es beinhaltet psychologische Diagnostik, Unterricht und Training. Die Gruppengröße beträgt 12-18 Rehabilitanden. Modul 2 dauert acht Monate und findet in Teilqualifizierungs- und Praktikumsform statt. Zeitlicher Verlauf und inhaltliche Ausrichtung richten sich nach dem individuellen Bedarf der Teilnehmer. Während des Seminars finden wöchentliche Einzelgespräche mit einem Betreuer statt. Er entwickelt mit dem Teilnehmer eine Berufsperspektive, begleitet deren Umsetzung und stabilisiert sie in der sechsmonatigen Nachbetreuungsphase.

Methodik:

Untersucht wurden die Entwicklung von Teilnehmerstruktur und Rehabilitationserfolg (1994- 2009, n=703; Eichert, 2011) sowie geschlechtsspezifische Unterschiede (1994-2011, n=795). Eingeschlossen wurden alle Teilnehmer, die den Lehrgang bis 2009 bzw. 2011 abgeschlossen haben mit Ausnahme von neun Teilnehmern, die den Lehrgang alleine aus verwaltungsrechtlichen Gründen nicht abschließen konnten. Der Rehabilitationserfolg wurde nach Maßnahmeende, nach sechs und zwölf Monaten erhoben. Entwicklungen und Geschlechtsunterschieden wurden je nach Datenniveau mit Kreuztabellen bzw. Varianzanalysen untersucht. Stabilität und Prädiktoren des Rehabilitationserfolgs wurden mit Korrelations- und logistischen Regressionsanalysen ermittelt.

Ergebnisse:

Teilnehmerstruktur: Das Durchschnittsalter lag insgesamt bei 36,2 Jahren und ist von 32 auf 39 Jahre angestiegen. 93 % verfügten über Schulabschlüsse, 70,4 % hatten einen Berufsabschluss. Der Anteil von Teilnehmern ohne Berufsabschluss ist zurückgegangen. 51 % hatte eine psychotische Erkrankung, der Anteil affektiver Psychosen hat sich erhöht. 72,6 % waren langzeitarbeitslos, besonders hoch war ihr Anteil 2002-2005. Der Anteil der Frauen lag bei 48,8 % und hat sich erhöht. Frauen waren älter, häufiger geschieden aber seltener ledig, hatten häufiger Kinder, mittlere Bildungsabschlüsse und abgeschlossene Berufsausbildungen, jedoch seltener studiert oder einen Hochschulabschluss erworben. Das letzte Berufsfeld war bei Frauen häufiger der soziale, bei Männern der handwerkliche Bereich. Männer waren vor Lehrgangsbeginn länger arbeitslos. Schizophrene Psychosen und Schwerbehinderungen waren bei ihnen häufiger.Trotzdem schätzten Männer ihre Belastbarkeit höher ein als Frauen.

Rehabilitationserfolg:

Der Anteil erfolgreicher Teilnehmer lag bei 54 % (Schwankungsbreite 50 % bis 60 %). Bei der Nachbefragung 1 waren 39 % nicht in Arbeit oder Ausbildung, bei der Nachbefragung 2 waren es 32,4 %. Der Rehabilitationserfolg hat sich als stabil erwiesen (rs=0,52-0,83) und stand mit Belastbarkeit, Schwerbehinderung (2011), Integrationsform (2011), Alter und Dauer der Arbeitslosigkeit in Zusammenhang. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigten sich kaum.

Erfolgsprädiktoren:
Bei Männern waren Prädiktoren des kurzfristigen Rehabilitationserfolgs Dauer der Arbeitslosigkeit, Belastbarkeit und Integrationsform, bei Frauen Alter, Dauer der Arbeitslosigkeit und Schwerbehinderung. Für den langfristigen Rehabilitationserfolg waren bei Männern Dauer der Arbeitslosigkeit, Schwerbehinderung und Belastbarkeit Prädiktoren, bei Frauen Alter, Schwerbehinderung und Belastbarkeit. Somit spielte das Lebensalter nur bei den Frauen für die Vorhersage des kurz- und langfristigen Rehabilitationserfolgs eine Rolle.

Schlussfolgerungen:

Trotz deutlich veränderter Teilnehmerstruktur und struktureller Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigte sich geschlechtsunabhängig ein relativ hoher und stabiler Rehabilitationserfolg über die Jahre. Diese Ergebnisse sprechen für eine flexibel gestaltete und an der individuellen Situation orientierte berufliche Rehabilitation psychisch erkrankter Menschen. Hierfür ist die Integration von Aspekten beider Ansätze in der beruflichen Rehabilitation bedeutsam.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '22. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?'




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)
Bereich Reha-Forschung > Reha-Kolloquium
Homepage: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/R...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV357352


Informationsstand: 05.06.2013

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