Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Personenzentrierte Konzepte zur Erwerbsteilhabe psychisch Kranker: Effektivierungspotenziale für das BEM

Vortrag auf dem Zweiundzwanzigsten Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vom 4. bis 6. März 2013 Mainz



Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?


Autor/in:

Nebe, Katja


Herausgeber/in:

Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2013, Seite 346-348


Jahr:

2013



Abstract:


Einleitung:

Psychische Erkrankungen spielen im Erwerbsleben eine anhaltende, zum Teil noch zunehmende Rolle. Das allgemein schwierige Verhältnis im gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen spiegelt sich im anhaltend hohen Erwerbsrisiko psychisch Kranker wider. Mit dem steigenden Anteil psychischer Erkrankungen unter den Zugängen für Erwerbsminderungsrente ist zugleich eine größere öffentliche Wahrnehmung für die beruflichen Teilhaberisiken psychisch kranker Menschen verbunden (Gericke, 2010).

Gegenwärtiger Forschungsstand:

Versuche von Arbeitgeberseite, psychisch erkrankte Beschäftigte unter Umgehung der Pflichten zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) zu kündigen, sind vor den Arbeitsgerichten gescheitert (Kohte, 2012). Diese klare Rechtsprechung schärft den Blick auf die Teilhabeleistungen zugunsten psychisch kranker Menschen. Zu deren zielgruppenspezifischer Wirkung ist bereits intensiv geforscht worden, konkrete Empfehlungen wurden unterbreitet (Kruckenberg et al., 1997). Der Befund des erhöhten beruflichen Teilhaberisikos ist unverändert (Gericke, 2010). Die Ursachen hierfür sind vielfältig; sie bestehen u. a. in besonderen Berührungsängsten auf betrieblicher Seite, aber auch in nicht zu unterschätzenden Herausforderungen, die vor allem aus wiederkehrenden Krankheitsepisoden und den besonderen Schwierigkeiten bei der Selbsteinschätzung und Krankeneinsicht resultieren (Längle et al., 1997). Effektivierung des BEM zur nachhaltigen beruflichen (Wieder)Eingliederung psychisch beeinträchtigter Menschen

Im Zuge der Etablierung des BEM in Betrieben und Dienststellen sollten die BEM-Standards auf ihre Tauglichkeit für die Fälle psychischer Erkrankungen überprüft werden. Gerade zugunsten psychisch Kranker ist es unverzichtbar, Teilhabeleistungen zielführend und personenzentriert zu eruieren. Weder Arbeitgeber noch Betriebsräte werden die Vielfalt an Leistungsansprüchen kennen. Deshalb muss insbesondere in den komplexen Fällen psychisch Erkrankter externer Beratungssachverstand im BEM-Prozess einbezogen werden, den unabhängig von einer Schwerbehinderung in jedem Fall die Gemeinsamen Servicestellen zu leisten haben (§ 84 Abs. 2 S. 4 SGB IX). Da bekanntermaßen gerade psychisch erkrankte Menschen die Feststellung der Schwerbehinderung aus Angst vor Stigmatisierung meiden (Längle et al., 1997), sollten die am BEM- Prozess Beteiligten vorbehaltlich der Zustimmung des betroffenen Menschen abwägen, inwieweit die formal zugunsten Schwerbehinderter geltenden erweiterten Verfahrensvorschriften sinnvoll genutzt werden können (z. B. Einbeziehung des Integrationsamtes zur Realisierung des Leistungsspektrums gem. § 102 SGB IX).

In einer Integrationsvereinbarung können selbstverpflichtend über § 84 Abs. 2 SGB IX hinausgehende Verfahrensschritte mit Rücksicht auf die besonderen Belange psychisch Kranker unabhängig von einem Schwerbehindertenausweis vereinbart werden. Über den Gesetzeswortlaut erweiterte Pflichten zugunsten psychisch kranker Beschäftigter könnten sich auch hinsichtlich der Zugangsvoraussetzungen zum BEM als effektiv erweisen: Während für krankheitsbedingte Anpassungspflichten juristisch noch diskutiert wird, ob der Arbeitgeber diese im bestehenden Arbeitsverhältnis tatsächlich leisten muss, ist die Akzeptanz, den Arbeitgeber zu im BEM-Prozess gefundenen konkreten Lösungen als verpflichtet anzusehen, bei weitem größer. Diese Effekte dürfen psychisch Kranken nicht verschlossen bleiben. Zugleich dürfte das formalisierte und mittlerweile breit anerkannte BEM-Verfahren die Gefahr von Stigmatisierung mindern. Andererseits ist die Zugangsschwelle von sechs Wochen ärztlich attestierter Arbeitsunfähigkeit gerade für psychische Beeinträchtigungen ein wenig geeignetes Anknüpfungsmerkmal zur Prävention. In Betriebs- oder Integrationsvereinbarungen könnte auch hierauf verzichtet werden.

Betriebliche Vereinbarungen sollten gleichermaßen gewährleisten, dass Leistungen zur Sensibilisierung von Kollegen und Vorgesetzten für die besondere Situation psychisch kranker Kollegen, wie sie von den Reha-Trägern erbracht werden müssen (vgl. § 33 Abs. 6 Nr. 3 SGB IX), betrieblich umgesetzt werden können. Nur eine laufende psychologische/psychotherapeutische Betreuung während der beruflichen (Wieder)Eingliederung (z. B. im Rahmen von § 38a SGB IX) wird langfristig auch die Arbeitsverhältnisse psychisch chronisch Kranker stabilisieren.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '22. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?'




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)
Bereich Reha-Forschung > Reha-Kolloquium
Homepage: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/R...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV357376


Informationsstand: 05.06.2013

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