Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Medizinische Rehabilitation psychisch Kranker in Österreich - auf dem Weg zu ICF-orientierter Evaluation

Vortrag auf dem Zweiundzwanzigsten Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vom 4. bis 6. März 2013 Mainz



Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?


Autor/in:

Senft, Birgit; Nosper, Manfred; Leonhart, Rainer; Platz, Thomas


Herausgeber/in:

Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2013, Seite 465-467


Jahr:

2013



Abstract:


Hintergrund und Ziele:

Zu den Leistungen der Pensionsversicherungsanstalt (PV) in Österreich gehören Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit soweit zu steigern, dass krankheitsbedingtes Ausscheiden aus dem aktiven Erwerbsleben vermieden wird. Die medizinische Rehabilitation psychischer Erkrankungen wird als interdisziplinäre und multimodale Komplexbehandlung in Fachkliniken mit einer einheitlichen Dauer von 6 Wochen durchgeführt. Während diese Versorgungsform als psychosomatische Rehabilitation und Rehabilitation psychisch Kranker (RPK) in Deutschland eine lange Tradition hat, ist die psychiatrisch-psychosomatische Rehabilitation in Österreich erst 2002 als Pilotprojekt gestartet worden. Aktuell gibt es etwa 850 Betten österreichweit und eine Einrichtung für ambulante Rehabilitation. Die vom Kostenträger vorgeschriebene Evaluation berücksichtigt ausschließlich Symptombelastung und Lebensqualität. Von Seiten der Kliniken und des Kostenträgers wird eine ICF-orientierte Evaluation der Maßnahme angestrebt.

Methodik:

Untersucht wurden in einem naturalistischen Prä-Postdesign (ohne Kontrollgruppe) 485 Patienten in den Bereichen Symptombelastung (BSI: Franke, 2000; BDI: Hautzinger et al.,2006) sowie Beeinträchtigungen von Aktivitäten und Lebensqualität (ICF-AT-3F: Nosper, 2008; WHOQOL-BREF: Angermeyer et al., 2000). Patientencharakteristika: 71 % weiblich, Altersmittelwert = 45,61 Jahre, SD= 9,62, berufstätig 34 %, arbeitslos 28 % und (befristet) pensioniert 36 %. Diagnosen nach ICD-10: F3 55 %, F4 39 % und 6 % sonstige. Besonderes Augenmerk wurde auf die Eignung des ICF-AT-3F (Nosper, 2008) gelegt. Das Verfahren misst auf der Ebene von Aktivitäten die Dimensionen Kognitive Leistungsfähigkeit (KL), Selbstwirksamkeit (SW) und soziale Kompetenz (SK). Es wurde aus dem Basis-Itempool des ICF-AT-50 an einer Stichprobe von Patienten einer deutschen RPK entwickelt, um die aktivitätenorientierten Rehabilitationsziele dieser Patientengruppe spezifischer abzubilden.

Die Skalenqualität wurde in dieser Stichprobe mittels Reliabilitätsanalyse nach klassischer Testtheorie wie auch durch eine konfirmatorische Faktorenanalyse erneut überprüft. Eine ungünstige Rehabilitationsprognose hatten 65,3 % der Patienten, weil sie arbeitslos waren, einen Pensionsantrag gestellt hatten oder bereits pensioniert waren. Sie erreichten nur mittelgradige Effektstärken. Gute Effekte ergaben sich für die Gruppe der Berufstätigen mit einer Symptomreduktion von GSI (ES=0,69), Kognitive Leistungsfähigkeit (ES=0,79), Selbstwirksamkeit (ES=1,06) und Soziale Kompetenzen (ES=0,73). Die Effekte im Bereich der für die Berufstätigkeit relevanten Aktivitäten waren höher als jene der Symptomreduktion. Die Skalen des ICF-AT-3F korrelieren bei Aufnahme mittelstark mit der Symptombelastung (rSpearman 0,53 - 0,58), mit Depressionssymptomen (rSpearman 0,49 - 0,56) und mit der Lebensqualität (rSpearman 0,30 - 0,58). Die Faktoren des ICF-AT-3F korrelieren konstruktionsbedingt auf Ebene der Items und Skalen hoch (>0,7) miteinander. Das konfirmatorische Messmodell erbrachte einen mäßigen Modell-Fit (?2(492)=2245,396, p<0,001, RMSEA=0,086, CFI=0,847, NFI=0,813, TLI=0,825) bei hoher Faktorreliabilität (Rel? >0,9), hinreichend erklärter Varianz (DEV?0,5) und niedriger Diskriminanzvalidität (Fornell-Larcker-Ration 1,17 bis 1,40).

Diskussion:

Im Unterschied zur psychosomatischen Rehabilitation in Deutschland ist in Österreich der Anteil von Rehabilitanden mit ungünstiger Ausgangsprognose mit zwei Drittel der Fälle sehr hoch. Die Veränderungsmessung zeigt, dass diese Fälle im Unterschied zu den noch berufstätigen Rehabilitanden nur mäßig von der Rehabilitation profitieren. Dies wirft die Frage nach der Zweckmäßigkeit der Leistung in dieser Form auf. Zu diskutieren wäre eine Trennung zwischen sozialmedizinischer Klärung und Probebehandlung mit kürzerer Verweildauer und Rehabilitation in voller Länge nur bei günstigem Verlauf. Berufstätige erreichten gleich gute Effekte wie bei vergleichbaren Rehabilitationsmaßnahmen in Deutschland (Steffanowski et al., 2007). Besonders positiv ist der Befund, dass neben der Besserung von Symptomen hohe Effekte im Bereich beeinträchtigter Aktivitäten erreicht wurden. Damit erfüllt die Rehabilitation insbesondere den trägerspezifischen Auftrag, für die Tätigkeit unmittelbar relevante Fähigkeiten zu fördern. Der ICF-AT-3F erwies sich als geeignetes Instrument für die Statusmessung und Veränderungsmessung von Aktivitäten. Dem Ziel einer ICF-orientierten Evaluation ist die medizinisch-psychiatrische Rehabilitation in Österreich somit einen Schritt näher gekommen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '22. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Teilhabe 2.0 - Reha neu denken?'




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)
Bereich Reha-Forschung > Reha-Kolloquium
Homepage: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/R...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV357387


Informationsstand: 05.06.2013

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