Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Berufliche Wiedereingliederung von Arbeitnehmern bei Krankheit oder Behinderung: Erfahrungen aus den Niederlanden - Ein Modell für Deutschland?

Vortrag auf dem Dreiundzwanzigsten Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vom 10. bis 12. März 2014 Karlsruhe



Sammelwerk / Reihe:

Arbeit - Gesundheit - Rehabilitation


Autor/in:

Reese, Christina; Mittag, Oskar; Weel, A. [u. a.]


Herausgeber/in:

Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2014, Seite 117-119


Jahr:

2014



Abstract:


Hintergrund und Fragestellung:

In Deutschland erfolgt mehr als jeder fünfte Zugang zur Versichertenrente aufgrund verminderter Erwerbsfähigkeit. Das Problem, dass ein hoher Anteil von Menschen im erwerbsfähigen Alter Leistungen wegen Erwerbsminderung bezieht, besteht auch in vielen anderen Ländern und stellt eine große soziale und arbeitsmarktpolitische Herausforderung für politische Entscheidungsträger dar. In den Niederlanden hat eine Reihe von grundlegenden gesetzlichen Reformen zwischen 1994 und 2006 zu einer deutlichen Senkung der bis dahin hohen Zahl der Leistungsfälle wegen Erwerbsminderung geführt: Die Zugänge zu Erwerbsminderungsleistungen wurden im Zeitraum von 1999 bis 2010 um 60 Prozent reduziert. Es stellt sich die Frage, ob sich aus dem niederländischen System der beruflichen Wiedereingliederung von Arbeitnehmern bei Krankheit oder Behinderung konkrete Anregungen für das deutsche System ableiten lassen, die dazu beitragen könnten, vorzeitige Berentungen wegen Erwerbsminderung zu verhindern und Menschen im Erwerbsleben zu halten.

Methode:

Anhand von Experteninterviews und dem Studium der einschlägigen Literatur wurde eine Übersicht zentraler Aspekte des niederländischen Systems der beruflichen Wiedereingliederung von erwerbsgeminderten Menschen erstellt. Hieraus wurden konkrete Anregungen für das deutsche System der beruflichen Wiedereingliederung von Menschen mit länger andauernder Erkrankung oder Behinderung abgeleitet.

Ergebnisse:

Folgende Aspekte, die für das niederländische System charakteristisch sind, können als Anregungen für das deutsche System aufgegriffen werden:

(a) Früh beginnendes, strukturiertes Vorgehen mit definierten 'Meilensteinen' bei den Bemühungen um berufliche Wiedereingliederung. In den Niederlanden sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer seit 2002 durch das 'Gatekeeper'-Gesetz (Wet verbetering poortwachter) zu strukturierten, früh einsetzenden Reintegrationsmaßnahmen im Krankheitsfall verpflichtet. Ziel des Gesetzes ist es, die Verantwortung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern für den Reintegrationsprozess zu erhöhen.

(b) Nachhaltige (finanzielle) Anreize für Arbeitgeber und Arbeitnehmer für die berufliche Wiedereingliederung. Seit 2004 sind Arbeitgeber in den Niederlanden im Krankheitsfall zu einer Lohnfortzahlung von 104 Wochen verpflichtet (Wet verlenging loondoorbetalingsverplichting bij ziekte; WVLBZ). Nicht ausreichende Bemühungen der Arbeitgeber oder Arbeitnehmer
bezüglich der beruflichen Wiedereingliederung können (finanziell) sanktioniert werden.

(c) Führende Rolle der Arbeitsmedizin im Krankschreibungs- und Reintegrationsprozess. Zu den Aufgaben der arbeitsmedizinischen Dienste (arbodienste) gehören die Feststellung von Arbeits(un)fähigkeit (die 'Krankschreibung' erfolgt in den Niederlanden
durch den Arbeitsmediziner und nicht durch den Hausarzt) sowie die Planung und Begleitung der beruflichen Wiedereingliederung zusammen mit dem Betrieb und dem Arbeitnehmer.

(d) Trägerübergreifende Steuerung des Prozesses der beruflichen Wiedereingliederung. In den Niederlanden wird nach spätestens acht Wochen Krankheit (meist durch den Betrieb) ein Fallbegleiter (casemanager) eingesetzt, der als aktiver Mittler zwischen Arbeitgeber, arbeitsmedizinischem Dienst und Arbeitnehmer den Prozess der beruflichen Wiedereingliederung begleitet, unterstützt und evaluiert.

Evidenz für die Effektivität verschiedener Maßnahmen, die in den Niederlanden regelhaft zur Förderung der beruflichen Wiedereingliederung durchgeführt werden (vor allem früher Beginn der Reintegrationsbemühungen, zeitlich festgelegtes und strukturiertes Vorgehen, multidisziplinäre und aktivierende Interventionen), findet sich in einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit internationaler Studien.

Diskussion:

Zwar lassen sich soziale Reformen, die in einem Land erfolgreich waren, nicht ohne weiteres auf andere Länder mit anderen Kulturen und Sozialsystemen übertragen. Trotzdem könnten die oben aufgeführten Aspekte des niederländischen Systems durchaus Anregungen für Reformen in Deutschland liefern, durch die konkrete, auf den Einzelfall bezogene Lösungen zur beruflichen Wiedereingliederung gefördert und unterstützt werden. Entsprechende Reformen sollten mit einer aussagekräftigen Evaluation verbunden sein, um die Wirkungen (und Nebenwirkungen) der Maßnahmen zeitnah abschätzen zu können.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '23. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Arbeit - Gesundheit - Rehabilitation'




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)
Bereich Reha-Forschung > Reha-Kolloquium
Homepage: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/R...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV362239


Informationsstand: 17.04.2014

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