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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Prävention wird immer wichtiger

Interview mit Rainer Wilmerstadt, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung



Autor/in:

Wilmerstadt, Rainer; Matheis, Jürgen; Leinenbach, Manfred


Herausgeber/in:

Arbeitskammer des Saarlandes


Quelle:

Arbeitnehmer, 2004, 52. Jahrgang (Heft 7), Saarbrücken: Eigenverlag, ISSN: 0334-8223


Jahr:

2004



Abstract:


Über Beschäftigungsmöglichkeiten behinderter Menschen sprachen Jürgen Matheis und Manfred Leinenbach mit dem Ministerialdirektor im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung Rainer Wilmerstadt.

arbeitnehmer: Die Lage am Arbeitsmarkt ist stark geprägt von hohem Leistungsdruck und speziellen Qualifikationsanforderungen. Haben behinderte Menschen auf Dauer eigentlich noch eine faire Chance? Wo sehen Sie Perspektiven, wo besondere Probleme?

Rainer Wilmerstadt: Selbstverständlich haben behinderte Menschen eine Chance auf dauerhafte Teilhabe am Arbeitsleben. Entscheidend sind hier Qualifikation und Motivation sowie die Fähigkeiten behinderter Menschen. Häufig sind behinderte Menschen besser qualifiziert für den 'Job' und oftmals hoch motiviert sowie engagiert. Perspektiven für behinderte Menschen eröffnen sich überall dort, wo Arbeitgeberentscheidungen auf der Grundlage der Fähigkeiten behinderter Menschen für eine berufliche Tätigkeit getroffen werden und das Problem einer Gleichsetzung von Behinderung mit mangelnder Arbeitsleistung überwunden wird. Dies ist - leider - noch immer viel zu wenig der Fall; und viel zu häufig ist die Sicht von Arbeitgebern und Personalverantwortlichen durch Vorurteile gegenüber behinderten Menschen und mangelnde Informationen über Unterstützungsleistungen für Arbeitgeber getrübt.

Informationen, die in der Vergangenheit richtig gewesen sein mögen, treffen heute nicht mehr zu. Arbeitgebern, die ihre Vorstellungen nicht aktualisieren, entgeht die Chance, durch die Einstellung eines behinderten Menschen eine qualifizierte Mitarbeiterin oder einen qualifizierten Mitarbeiter zu gewinnen. Durch entsprechende Förderleistungen - von der behinderungsgerechten Arbeitsplatzausstattung bis zu Eingliederungszuschüssen, von geförderten Probebeschäftigungen zum gegenseitigen Kennenlernen bis zu passgenauer Qualifizierung wird sichergestellt, dass die Beschäftigung behinderter Menschen kein wirtschaftliches Risiko für den Arbeitgeber darstellt. Vorausschauende Arbeitgeber beginnen darüber hinaus schon heute damit, drohendem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Unterstützt insbesondere von Rehabilitationsträgern und Integrationsämtern treffen sie Maßnahmen, die beruflichen Fähigkeiten ihrer Beschäftigten zu erhalten, wenn diese durch gesundheitliche Beeinträchtigungen gefährdet sind.

arbeitnehmer: Wie kann und will die Initiative 'Jobs ohne Barrieren' in wirtschaftlich schwierigen Zeiten hier innovative und nachhaltige Impulse setzen? Immerhin verfügen die innerbetrieblichen und überbetrieblichen Akteure bereits über ein gut ausgestattetes Repertoire an Instrumenten zur beruflichen Integration behinderter Menschen. Wo sehen Sie noch Potenziale?

Rainer Wilmerstadt: Die Impulse, die 'Job' geben soll, sind die zu einer Partnerschaft in den Betrieben für eine Verbesserung der Beschäftigungssituation behinderter und schwerbehinderter Menschen. Arbeitgeber beziehungsweise Personalverantwortliche und Interessenvertretungen der Beschäftigten, insbesondere Schwerbehindertenvertretungen, sollen in den Betrieben und Dienststellen in gemeinsamer Verantwortung die zur Verfügung stehenden Instrumente nutzbar machen für eine chancengleiche Teilhabe behinderter und schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben.

arbeitnehmer: Welches sind die konkreten Ziele der Kampagne?

Rainer Wilmerstadt: 'Jobs ohne Barrieren' hat drei Ziele, die in Betrieben und Dienststellen öffentlicher und privater Arbeitgeber realisiert werden sollen:

1. Förderung der Ausbildung behinderter und schwerbehinderter Jugendlicher mit dem Ziel, möglichst vielen ausbildungsplatzsuchenden (schwer-)behinderten jungen Menschen einen Ausbildungsplatz anbieten zu können;

2. Verbesserung der Beschäftigungschancen schwerbehinderter Menschen, insbesondere in kleinen und mittelständischen Betrieben, mit dem Ziel, dass möglichst alle beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber auch schwerbehinderte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen beschäftigen, und

3. Stärkung der betrieblichen Prävention, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten langfristig zu erhalten und zu fördern.

arbeitnehmer: Alleine kann die Bundesregierung die gesteckten Ziele schwerlich erreichen. Wer sind Ihre Verbündeten?

Rainer Wilmerstadt: Eine enge Zusammenarbeit, die sich in Betrieben und Dienststellen auswirkt, ist unbedingt erforderlich. Kooperationsbeziehungen zwischen unterschiedlichen Beteiligten müssen initiiert und beispielhaft strukturiert werden. Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung führt die Initiative 'Jobs ohne Barrieren' daher gemeinsam mit Arbeitgebern, Gewerkschaften, Verbänden und Organisationen behinderter Menschen, der Bundesagentur für Arbeit, den Integrationsämtern, Rehabilitationsträgern sowie Rehabilitationsdiensten und -einrichtungen, dem Beirat für die Teilhabe behinderter Menschen und weiteren Organisationen durch.

arbeitnehmer: Konkrete Projekte sollen die Kampagne unterstützen. Können Sie uns Beispiele nennen?

Rainer Wilmerstadt: Zur 'Förderung der Ausbildung' erprobt die METRO Group derzeit in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke die so genannte 'verzahnte Ausbildung' nach § 35 Absatz 2 SGB IX. Dabei wird behinderten Jugendlichen aus Berufsbildungswerken durch die METRO Group die Möglichkeit gegeben, Teile der Ausbildung statt im Berufsbildungswerk direkt in Betrieben zu absolvieren. Die Berufsbildungswerke behalten dabei die Ausbildungsverantwortung und betreuen die Jugendlichen.

Zur 'Verbesserung der Beschäftigungschancen' entwickelt die OBI Bau- und Heimwerkermärkte GmbH & Co. Franchise Center KG derzeit in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Berufsförderungswerke ein Konzept zur Qualifizierung behinderter Erwachsener zu Baumarktfachberatern. Zur 'Stärkung der betrieblichen Prävention' führt die Ford Werke AG schon seit einiger Zeit ein erfolgreiches Eingliederungsmanagement durch. Dieses soll weiter ausgebaut werden. Hierzu wird die Zusammenarbeit mit den Rehabilitationsträgern im Rahmen Runder Tische intensiviert. Parallel zur Weiterentwicklung wird die Entwicklung begleitender Disabilitymanagement-Handbücher angestrebt. Sie sehen, es gibt einige Beispiele.

arbeitnehmer: Im Schwerbehindertenrecht rückt immer mehr das Thema Prävention in den Fokus. Steht dabei mehr die Verhinderung des Arbeitsplatzverlustes im Vordergrund oder geht es eher um die Vermeidung drohender Behinderungen?

Rainer Wilmerstadt: Ganz besonders wichtig ist uns die betriebliche Prävention, sie ist ein weiterer Schwerpunkt des Gesetzes zur Förderung der Ausbildung und Beschäftigung schwerbehinderter Menschen; ich möchte sagen, die eigentlich wichtigste Neuerung dieses Gesetzes. Nach Schätzungen von Experten ist mindestens ein Drittel aller Fälle von Arbeitsunfähigkeit durch betrieblichen Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung vermeidbar. Wir brauchen deshalb eine Beschäftigungsstrategie, die stärker auf vorbeugende Maßnahmen und frühzeitiges, aktives Eingreifen gerichtet ist. Damit vermeiden wir auch Frühverrentungen aus gesundheitlichen Gründen und verlängern mit dem Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit die Lebensarbeitszeit.

Aber auch die demografische Entwicklung muss vorausschauenden Unternehmen Sorge bereiten. Mittelfristig wird es immer weniger junge Arbeitskräfte geben. Der Arbeitskräftebedarf muss mehr und mehr aus dem Kreis der älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gedeckt werden. Auch vor diesem Hintergrund liegt es im Interesse aller, der Unternehmen, der betroffenen Beschäftigten und der sozialen Sicherungssysteme, Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, wie die Arbeitsfähigkeit bis zum regulären Ruhestand aufrecht erhalten werden kann.

Deshalb gilt es, durch geeignete Maßnahmen betrieblicher Prävention das Arbeitsverhältnis möglichst dauerhaft zu sichern und mit dem Ziel 'Rehabilitation und Teilhabe am Arbeitsleben statt Entlassung' betriebliches Eingliederungsmanagement zu praktizieren.

Je länger jemand von seinem Arbeitsplatz fernbleibt, je länger er beschäftigungslos durch den medizinischen Apparat geschleust wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem eher geringfügigen Handicap ein ausgewachsenes Krankheitsbild mit psychischen und physischen Komponenten wird. Ich halte dies für die wichtigste Regelung überhaupt und bei konsequenter Umsetzung für einen der wichtigsten sozialpolitischen Fortschritte seit vielen Jahren, denn sie kann die nötigen Voraussetzungen schaffen, dass Menschen in vorgerücktem Alter tatsächlich länger arbeiten können.

Wir werden künftig eine Gesellschaft haben, in der längere Arbeit im vorgerücktem Alter notwendig wird. Unser Ziel muss sein, dass dies nicht auf Kosten der Gesundheit geht. Und Ziel der Unternehmen muss sein, noch latent vorhandene Beschäftigungspotenziale heben zu können und nicht nur zahlen zu müssen. Die tatsächliche Bedeutung dieser Regelung, um die ich mich in unterschiedlichen Funktionen seit etwa 30 Jahren bemühe, wird bisher noch überhaupt nicht erkannt.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


arbeitnehmer - Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes
Homepage: https://www.arbeitskammer.de/publikationen/zeitschrift-arbei...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZA2332


Informationsstand: 07.12.2004

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