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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Das Modell-Projekt Virtuelle Werkstatt: Das passt optimal


Autor/in:

Sommer, Martin


Herausgeber/in:

Arbeitskammer des Saarlandes


Quelle:

Arbeitnehmer, 2004, 52. Jahrgang (Heft 7), Saarbrücken: Eigenverlag, ISSN: 0334-8223


Jahr:

2004



Abstract:


Seit Juni gibt es die Virtuelle Werkstatt für seelisch behinderte Menschen. Und seit Anfang August hat Anke K. so eine Beschäftigung im Haus der Parität gefunden. Das Konzept ist einfach: Behinderte Menschen werden an passende Unternehmen vermittelt und betreut - solange, bis sie eine feste Anstellung bekommen.

Anke K. ist zufrieden. Sie sitzt an der Infotheke im Haus der Parität in Saarbrücken und strahlt: Ich fühle mich hier sehr wohl, sagt sie, und: das passt optimal. Seit August ist sie im Rahmen des Modellprojektes 'Virtuelle Werkstatt' beim Paritätischen Wohlfahrtsverband beschäftigt. Und das ist ein großer Schritt für die 41-jährige psychisch behinderte Frau. Mit 38 Jahren erlitt sie einen Schlaganfall, unter dessen Folgen sie heute noch leidet. Konzentrationsabfall, motorische Defizite und eine Restsymptomatik auf der linken Seite sind die Folge: Wenn ich Sachen mache, die viel mit Motorik zu tun haben, dann merke ich, ich bekomme Schwierigkeiten, erzählt K.

Vor dem Schlaganfall arbeitete sie als Zahnarzthelferin und begann ein Marketing-Studium mit dem Schwerpunkt Ostasien/ China an der Fachhochschule Ludwigshafen. Doch das ist heute nicht mehr möglich: Wenn in der Zahnarztpraxis viel Stress und viel zu tun ist, dann würde ich das nicht aushalten. Und lachend fügt sie hinzu: Ich sag immer: Meine Multi-Taskingfähigkeit hat doch gelitten.

Hier, im 'Haus der Parität', arbeitet sie nun drei Stunden täglich - macht Telefondienst, schreibt Berichte, kopiert, sortiert die Ablage. 'Alles bekannte Tätigkeiten, die ich früher auch schon gemacht habe' - und die sie dennoch drei Jahre lang nicht ausüben konnte. Nach ihrem Schlaganfall machte sie drei Rehabilitationsmaßnahmen mit, zuletzt am Arbeits-Trainings- Zentrum (ATZ), einer medizinisch-beruflichen Rehabilitationseinrichtung für psychisch kranke und behinderte Menschen am Saarbrücker Sonnenberg. Dort wurde sie dann auf die 'Virtuelle Werkstatt' aufmerksam. Ein Hoffnungsschimmer, denn 'in eine Behindertenwerkstätte wäre ich nicht gegangen', so K. Dort hätte sie sich unterfordert gefühlt. Nun ist sie auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt.

Die 'Virtuelle Werkstatt' ist ein Modellprojekt des saarländischen Sozialministeriums für seelisch behinderte Menschen im Stadtverband Saarbrücken. Es richtet sich an Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht, noch nicht oder nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine Beschäftigung finden können. Voraussetzung ist, dass sie 'in einer gewissen Regelmäßigkeit eine Leistung erbringen, die einem Fünftel der Leistung eines voll erwerbsfähigen Beschäftigten in gleichartiger Beschäftigung entspricht', heißt es in der Konzeption des Projektes. Die Werkstatt ist tatsächlich rein virtuell, denn es gibt keine eigenen Produktionsstätten. Statt dessen werden die behinderten Menschen in ganz normalen Betrieben beschäftigt, die die 'Virtuelle Werkstatt' für das Projekt gewonnen hat. Betreut und gefördert werden sie von den Projekt-Mitarbeitern, von Werkstatt- Leiterin Kerstin A. und einem 'Job-Coach'.

Die ehemalige Sozialministerin Regina Görner (CDU) erhoffte sich, dass den psychisch behinderten Menschen durch das Arbeiten in normalen Betrieben ein 'Zugang zur beruflichen Realität, vor allem aber die Zugehörigkeit zur Gesellschaft und die gesellschaftliche Teilhabe' ermöglicht wird: 'In meinen verschiedenen Tätigkeiten habe ich die Erfahrung gemacht, dass seelisch behinderte Menschen trotz ihrer Handicaps wertvolle Mitarbeiter sein können.'

Kerstin A. sucht für ihre Schützlinge Beschäftigungsmöglichkeiten in der freien Wirtschaft - 'entsprechend ihrer Fähigkeiten, Interessen und Qualifikationen'. Auf diese Weise sollen die psychisch Behinderten später besser einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Die Arbeit im Modellprojekt soll den seelisch Behinderten neue Chancen eröffnen, denn gerade für sie ist die Beschäftigung in einer klassischen Behindertenwerkstatt oft nicht das Richtige. Sie wünschen sich, wie es Ex-Ministerin Regina Görner ausdrückte, 'trotz ihrer persönlichen Einschränkungen ein hohes Maß an Normalität'. Diese Normalität schätzt auch Anke K. 'In einer anderen Firma müsste ich 200 Prozent geben, jeder der darunter liegt wird gnadenlos aussortiert oder gleich verrentet.' Hier, im 'Haus der Parität', stimme dagegen alles, auch das Arbeitsklima.

K. kennt die Ängste, die insbesondere psychisch behinderte Menschen vor dem Zurück ins Arbeitsleben haben. In den Reha-Einrichtungen habe sie Viele getroffen, 'die große Angst haben, weil sie wissen, dass sie den Anforderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht genügen, die fürchten, dass es nicht klappt.' Deshalb müssen die Arbeitgeber auch viel Verständnis mitbringen, um sich auf die oft unerwarteten Leistungs- und Stimmungsschwankungen einstellen zu können', ergänzt Kerstin A. Bei der Auswahl von Betrieben achtet sie daher darauf, 'dass Verständnis für die Problematik da ist.' Bei einem psychisch Kranken könne es schließlich immer wieder passieren, 'dass an einem Tag alles wunderbar läuft, und am nächsten Tag geht es einfach nicht mehr'.

Zurzeit haben über die 'Virtuelle Werkstatt' 17 Menschen eine neue Beschäftigung gefunden - und die meisten von ihnen sind stärker eingeschränkt als Anke K. Kerstin A. und ihr Kollege betreuen die 17, sie besuchen sie an ihrem Arbeitsplatz und treffen sich regelmäßig in A.s Büro. 'Und wenn ich irgendwelche Probleme habe', ergänzt K., 'dann rufe ich sie an oder schreib ihr eine E-Mail.'

Das 'Haus der Parität' war einer der ersten, die Arbeitsplätze im Rahmen der 'Virtuellen Werkstatt' geschaffen hat. Leiterin Bernadette Hiery-Spaniol ist stolz auf das Projekt und ihre beiden neuen Mitarbeiterinnen. Und wenn es weiter so gut läuft, dann wird Anke Keßler hier vielleicht bald fest angestellt werden. 'Wenn die Parität sie übernimmt', erklärt Kerstin A., 'dann wird ihr Vertrag mit der Virtuellen Werkstatt beendet.' Wann genau es so weit ist, ist aber noch unklar. 'Das kann in einem Jahr sein oder in drei, da gibt es keine feste Vereinbarung.'

Wenn das Projekt erfolgreich ist, dann soll es auch auf andere Regionen und weitere Zielgruppen ausgedehnt werden.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


arbeitnehmer - Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes
Homepage: https://www.arbeitskammer.de/publikationen/zeitschrift-arbei...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZA2333


Informationsstand: 07.12.2004

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