Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Behinderungsbegriffe und ihre Folgen in Schule und Beruf

Beitrag, Tagungsband der Sommeruniversität Behinderung NEU denken, Bremen 2003



Sammelwerk / Reihe:

Disability Studies in Deutschland - Behinderung neu denken! Dokumentation der Sommeruni 2003


Autor/in:

Maschke, Michael; Powell, Justin J. W.


Herausgeber/in:

Hermes, Gisela; Köbsell, Swantje


Quelle:

Kassel: Eigenverlag, 2003, Seite 80-86


Jahr:

2003



Abstract:


Internationale sowie nationale Unterschiede in der Klassifizierung von behinderten Menschen verdeutlichen die Relativität von 'Behinderung' und deren hochgradig politische Natur. Sie zeigen, dass existierende Klassifikationssysteme keinen 'quasi-natürlichen' Charakter haben, sondern vielmehr historisch und kontextabhängig entstanden und deshalb auch durchaus veränderbar sind. Klassifikationssysteme können sich ändern, ohne dass die gesellschaftliche Realität sich gleichzeitig wandelt. Jedoch ist es im Umkehrschluss sehr schwierig, die gesellschaftliche Realität zu ändern, wenn Klassifikationssysteme stabil bleiben und somit die oben genannten negativen Folgen für jede neue Generation reproduzieren. Daraus ergibt sich, dass Klassifikationssysteme ein zentraler Ort sind, an dem Reformen ansetzen können und sollten.

Für die beiden Bereiche Schule und Arbeitsmarkt wurden nationale Unterschiede im Grad der Ausgrenzung aufgezeigt. Für den Bereich Schule kann auf erfolgreiche inklusive Systeme und eine andere Klassifikationspraxis in anderen Ländern verwiesen werden. Für den Bereich des Arbeitsmarktes muss festgestellt werden, dass bestehende, an die aktuellen Klassifikationssysteme ansetzende Hilfs- und Fördersysteme nicht den gewünschten Erfolg bringen. Nur wenn die allgemeine Arbeitslosigkeit wirksam bekämpft worden ist, haben Integrationsprogramme für behinderte Menschen eine Chance. Dabei sollten Klassifikationssysteme sich nicht an der körperlichen Schädigung orientieren, sondern vor allem die möglichen, aber nicht notwendigen Folgen für das schulische Lernen oder das Ausüben eines Berufs und für die allgemeine Erwerbsfähigkeit berücksichtigen.

Die auch in der neuen WHO-Definition aufgeführten Kontextfaktoren (Umweltfaktoren und personenbezogenen Faktoren) werden bei der Klassifikation an Bedeutung gewinnen müssen, um die negativen Effekte zu minimieren und die Verteilung von Maßnahmen und Rechten effizienter zu steuern. Auch die PISA-Studie hat darauf hingewiesen, dass die Integrationskraft der allgemeinen Schulen verstärkt werden muss, um der Heterogenität der Schülerschaft gerecht zu werden und die Vielfalt positiv für den Unterricht zu nutzen. Inzwischen gibt es in vielen Ländern effektiv arbeitende Integrationsklassen, die auf das Klassifizieren größtenteils verzichten und dadurch statt in Sonderschulen, Bürokratie oder klinische Diagnose, Ressourcen für den integrativen Unterricht in allgemeinen Schulen freimachen (vgl. zum Beispiel OECD 1999).

Es drängt sich die Frage auf, ob bei den vielen Nachteilen von Klassifikationssystemen und bei der geringen Effizienz von Hilfesystemen, die spezifische Hilfen zuweisen, nicht universalistische Systeme für einige Bereiche doch besser geeignet wären. Die globale Behindertenbewegung und die Disability Studies haben die historisch-überlieferten, an statistischer 'Normalität' orientierten Begriffe zunehmend kritisiert und sich für nicht-medizinische, sondern soziale und politische Verständnisse des sozialen, immer kontext-abhängigen Phänomens 'Behinderung' eingesetzt. An diesem Punkt gilt es weiter zu arbeiten und so den Wandel in der Behindertenpolitik voranzutreiben.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bildungs- und Forschungsinstitut zum Selbstbestimmten Leben Behinderter e.V. (bifos)
Homepage: http://www.bifos.org/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZA2380


Informationsstand: 21.01.2005

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