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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Wege der Bundesländer zur Beschäftigungsförderung und Integration von Behinderten in Deutschland


Autor/in:

Ehrenheim, Klaus


Herausgeber/in:

k. A.


Quelle:

Behindertenrecht, 2000, 39. Jahrgang (Heft 4), Seite 89-92, München: Boorberg, ISSN: 0341-3888


Jahr:

2000



Abstract:


Seit November 1994 ist eine Ergänzung des Grundgesetzes in Kraft, mit der ein neues Grundrecht für Behinderte eingeführt wurde. Nach dem neuen Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 Grundgesetz darf niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Mit diesem Benachteiligungsverbot sind die früheren Bemühungen auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe behinderter Menschen am Leben der Gesellschaft einerseits bestätigt worden, andererseits einen bedeutenden Schritt weitergekommen. Mit dieser Verfassungsänderung wurde der Ansatz der Integration Behinderter ausdrücklicher Bestandteil der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Erstmals wurde der Schutz Behinderter als Verfassungswert anerkannt.

Vorbemerkung
Auch auf europäischer Ebene hat es Bewegungen in die gleiche Richtung gegeben. Die Kommission der EU in Brüssel hat in einer Mitteilung vom 30. Juli 1996 zur Chancengleichheit für behinderte Menschen, ebenso wie in einer Entschließung des Rates der EG und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten die Prinzipien der Chancengleichheit als den entscheidenden Bestandteil der Neuen Strategie der EG in der Behindertenthematik bezeichnet. Der aktuelle Stand der Diskussion auf europäischer Ebene ist in dem von Allan Larsson, Generaldirektion Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale Angelegenheiten der Europäischen Kommission erstellten Arbeitspapier Das Beschäftigungsniveau von Menschen mit Behinderungen anheben - Eine gemeinsame Herausforderung zusammengefasst worden.

Wie die Bundesregierung in ihrem Vierten Bericht über die Lage der Behinderten und die Entwicklung der Rehabilitation erklärte, ist das Benachteiligungsverbot kein bloßer Programmsatz, sondern bindet als Grundrecht Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung. Sie betonte, dass diese Bindung nicht nur für die Organe des Bundes gilt, sondern auch für die Gesetzgebung, Verwaltung und Justiz aller staatlichen Stellen.

Mit Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes haben Behinderte einen Anspruch darauf erhalten, dass benachteiligende Entscheidungen und Maßnahmen der öffentlichen Gewalt grundsätzlich nicht an eine körperliche, geistige oder seelische Behinderung als Grundlage anknüpfen. Es sei ein Individualgrundrecht, das keine Gruppen schütze oder berechtige, sondern die einzelnen Behinderten. Unter Hinweis darauf bezeichnete die Bundesregierung es in ihrem Bericht als nicht erforderlich, dass Ausführungsgesetze zu diesem Grundrecht geschaffen werden.

Der Bundesgesetzgeber hat in verschiedenen Gesetzen den Anspruch einzelner Gruppen von Behinderten auf Förderungsmaßnahmen zur Eingliederung in das Berufsleben beziehungsweise auf allgemeine Integration in unsere Gesellschaft geregelt. Hierzu zählen die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch Teil III - Arbeitsförderungsgesetz (SGB III - AFG) - ebenso wie die Ansprüche nach den Leistungsgesetzen der verschiedenen anderen Sozialversicherungszweige (insbesondere Unfallversicherung und Rentenversicherung). Es ist deshalb verhältnismäßig einfach, sich einen Überblick darüber zu verschaffen. Anders sieht es aus, will man feststellen, was auf der Ebene der einzelnen Bundesländer getan wird. Erstens ist eine Information hierüber nicht mit einem Griff in die Bibliothek zu erhalten und zweitens ist dies auch nicht zentral und einheitlich geregelt. Hier kann sich die Kreativität der Landespolitiker noch frei entfalten. Trotzdem stehen im Vordergrund diejenigen Praktiken, die sich schon seit Jahren bewährt haben.

Ungewöhnlich sind dagegen Versuche, wie sie beispielsweise in Hessen berichtet werden, wo große Anstrengungen unternommen werden, um unter dem Titel 'Zielgruppenförderung' besonders benachteiligte Personengruppen durch berufliche Orientierung, Aus- und Fortbildung sowie durch zeitlich befristete Beschäftigungsverhältnisse zu fördern und damit deren Chance auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.

Integrationsbemühungen der Bundesländer
Mit diesem Aufsatz sollen sowohl erprobte als auch in der Erprobung befindliche Maßnahmen der Eingliederung in das Berufsleben und in die Gesellschaft anhand von ausgewählten Einzelbeispielen aus den Bundesländern dargestellt werden.

Berufsbildungswerke, Berufsförderungswerke und Werkstätten für Behinderte
Die gestützt auf § 62 SGB III - Arbeitsförderung; früher AFG - gebildeten und grundsätzlich aus Mitteln der Arbeitsverwaltung finanzierten Berufsbildungswerke sind inzwischen schon bundesweit ein bewährtes Instrument der beruflichen Rehabilitation für junge Menschen, in denen mit über 12.500 Ausbildungsplätzen, ergänzt um Berufsfindungs-, Arbeitserprobungs- und Förderungslehrgänge eine wichtige Arbeit zur Verbesserung der beruflichen und persönlichen Lebenschancen junger Behinderter geleistet wird. Unterstützt von begleitenden Diensten und angeleitet von fachkundigen Mitarbeitern erhalten sie eine qualifizierte Berufsausbildung.

Als Einrichtungen der überbetrieblichen beruflichen Rehabilitation für behinderte Erwachsene leisten gemeinnützige außerbetriebliche Berufsförderungswerke mit der beruflichen Umschulung einen wichtigen Beitrag zur Integration in das Arbeits- und Berufsleben. Die über ganz Deutschland verteilten Einrichtungen bieten mehr als 14.500 Ausbildungsplätze, finanziert von den jeweils zuständigen Trägern der beruflichen Rehabilitation.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat ergänzend zu den Berufsbildungs- und Berufsförderungswerken gemeinsam mit dem Bund, dem Landesarbeitsamt und den Landschaftsverbänden den Aufbau von Beruflichen Trainingszentren (BTZ) für Erwachsene gefördert.

Für diejenigen Behinderten, die wegen der Art oder der Schwere ihrer Behinderung trotz aller Hilfen nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können, wurden die Werkstätten für Behinderte eingerichtet, in denen weit über 100 000 Behinderte auf eine künftige Arbeit vorbereitet werden. Ihre Aufgabe ist es, Behinderte so zu fördern, dass sie spätestens nach der Teilnahme an Maßnahmen des Arbeitstrainingsbereichs in der Lage sind, wenigstens ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung zu erbringen. Außerdem soll die Werkstatt Behinderte so weit fördern, dass sie das Optimum ihrer Leistungsfähigkeit erreichen, möglichst so weit, dass eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in Frage kommt.

Sonstige allgemeine Maßnahmen zur Berufsvorbereitung
Die Landesregierung von Hessen unternimmt große Anstrengungen, der unter dem Titel 'Zielgruppenförderung' besonders benachteiligte Personengruppen durch berufliche Orientierung, Aus- und Fortbildung sowie durch zeitlich befristete Beschäftigungsverhältnisse zu fördern und damit deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Das Land hat in den Jahren 1998 und 1999 zusammen rund 180 Millionen DM für integrierte Arbeitsmarktprogramme zur Verfügung gestellt.

Das Land Baden-Württemberg kann auf ein breit gefächertes Angebot an Hilfen und Maßnahmen zur beruflichen Eingliederung verweisen, deren Kernbereich die beruflichen Bildungsmaßnahmen darstellen (zum Beispiel Ausbildung und Umschulung). Als Lernorte werden neben den oben behandelten Berufsbildungswerken vor allem Betriebe, außer- und überbetriebliche Einrichtungen allgemeiner Art (mit Angeboten primär für Nichtbehinderte) sowie spezielle Einrichtungen der Rehabilitation genannt.

Integrationsfirmen
Das Land Baden-Württemberg nennt die mit dem Ziel der Integration von Behinderten gebildeten Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes, die meist in der Rechtsform der gemeinnützigen GmbH oder des eingetragenen Vereins gegründet wurden und in der Regel einem Verband der freien Wohlfahrtspflege angehören, Selbsthilfeeinrichtungen. Insbesondere für psychisch Behinderte wird mit diesen Unternehmen versucht, das auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oft unzureichende Angebot an Beschäftigungsmöglichkeiten mit einer an den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes (bei tarifrechtlichem Arbeitsentgelt) orientierten praktischen Tätigkeit zu ergänzen. Für solche Beschäftigungen sind Zuschüsse aus Mitteln der Ausgleichsabgabe möglich. Darüber hinaus können von der Arbeitsverwaltung für die Einstellung und Beschäftigung von Schwerbehinderten Mittel bewilligt werden, die ggf. durch Mittel aus anderen Sonderprogrammen aufgestockt werden.

In Berlin werden Unternehmen als Integrationsfirmen bezeichnet (zurzeit bestehen etwa 20 Integrationsfirmen mit etwa 261 Arbeitsplätzen - 136 Schwerbehinderte, 7 Gleichgestellte), wenn sie über ein Vielfaches ihrer Pflichtquote nach dem Schwerbehindertengesetz (SchwbG) hinaus Arbeitsplätze mit Behinderten besetzen und diesen Behinderten Arbeitsverhältnisse unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes anbieten, auf denen sie ihre Berufserfahrungen erweitern können.

Daneben gibt es in Berlin noch den Begriff Geschützte Betriebsabteilung, der noch aus der Zeit der DDR stammt, wo es eine weit verbreitete Einrichtungsform war. Im Ostteil der Stadt konnte eine nennenswerte Zahl dieser Einrichtungen erhalten werden (Ende 1998: 10 Einrichtungen mit 142 Schwerbehinderten, 14 Betriebshelfern) . Ihr Konzept ist es, gefördert aus Mitteln der Ausgleichsabgabe nach dem SchwbG innerhalb eines gewinnorientierten Unternehmens einen Bereich für schwerbehinderte, leistungsgeminderte Mitarbeiter im Rahmen eines vertraglich geregelten Arbeitsverhältnisses vorzuhalten, in dem vorwiegend einfache Tätigkeiten verrichtet werden.

Das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds unterstützte Horizon-Projekt 'Berliner Integrationsfirmenkonsortium' ist ein Zusammenschluss von sechs Firmenprojekten mit dem Ziel, die Schaffung neuer, marktorientierter Betriebsfelder modellhaft voranzutreiben und dabei einen Pool an Ressourcen und flankierenden Maßnahmen zur Stabilisierung und Weiterentwicklung dieser Firmen aufzubauen. Als vergleichbar kann auch das im Rahmen eines BMA-Modellprojektes in Berlin eingerichtete Call-Center genannt werden, das sich von den übrigen dadurch unterscheidet, dass die Telefonagenten Behinderte sind, die zuvor arbeitslos waren und eine neue berufliche Chance in einem neuen zukunftsorientierten Beruf erhalten.

Das Land Rheinland-Pfalz bietet Schwerbehinderten in Integrationsfirmen insgesamt 200 Arbeitsplätze zur Vorbereitung auf einen Start in den Alltag des Berufslebens. Von der Regierung im Saarland werden drei Integrationsbetriebe (hier auch Selbsthilfefirmen genannt) sowohl konzeptionell als auch finanziell unterstützt. Daneben gibt es ein aus Bundesmitteln finanziertes Modellvorhaben des Bundesministeriums für Arbeit und soziale Angelegenheiten, das bevorzugt benachteiligte Jugendliche, junge Erwachsene und Schwerbehinderte, die darauf in einer Werkstatt für Behinderte vorbereitet wurden, gezielt für den allgemeinen Arbeitsmarkt fit machen soll.

Das Land Nordrhein-Westfalen berichtet, dass in den letzten Jahren Integrationsfirmen mit regulären Arbeitsplätzen unter besonderer Betreuung im Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt oder zur längeren Beschäftigung zunehmend an Bedeutung gewonnen haben und von der Landesregierung als wichtige Ergänzung des Maßnahmenkataloges zur Eingliederung behinderter Menschen in das Arbeitsleben gesehen werden. Das Ministerium habe geplant, insbesondere in Auswertung langjähriger Erfahrungen in Schweden einige Integrationsfirmen bis einschließlich 1999 auch mit Mitteln aus der Gemeinschaftsinitiative Beschäftigung der Europäischen Union - Aktionsbereich Horizon - zu fördern.

Integrationsfachdienste beziehungsweise Arbeitsassistenzen
Seit Anfang 1996 gibt es in Baden-Württemberg etwa 30 fast flächendeckend über das Land verteilte Fachdienste für die berufliche Eingliederung von Behinderten (FEB), die zunächst voll zu Lasten der Ausgleichsabgabe von den Hauptfürsorgestellen finanziert wurden. Sie werden als ein Instrument zur Arbeitsvermittlung, aber auch der Beratungshilfe bezeichnet. Neben der Akquirierung geeigneter Arbeitsplätze für Behinderte vermitteln sie geeignete Behinderte in reguläre Arbeitsverhältnisse, begleiten sie am Arbeitsplatz und ggf. übernehmen sie die Nachbetreuung und Beratung in Konfliktfällen.

Im Land Berlin gibt es ein breites Spektrum an Diensten, die im Bereich Integrationsberatung und Arbeitsassistenz tätig sind. Hierzu zählt auch das vom BMA im Rahmen eines Modellvorhabens geförderte Projekt 'Hilfen ins Arbeitsleben', dessen Ziel es ist, die Chancen Schwerbehinderter zur Beschaffung und Erhaltung eines Arbeitsplatzes zu verbessern. Der im Rahmen dieses Modells geschaffene Integrationsfachdienst, der an einen arbeitgebernahen Bildungsträger angegliedert wurde, wird nach dem modellhaften Ansatz des sog. Case-Managements betrieben und setzt neben klassischen Kommunikationsformen auch neue Technologien wie Internet und Intranet ein.

In Hessen werden die bestehenden Integrationsfachdienste als eine Ergänzung und Unterstützung der Fachdienste der Arbeitsverwaltung und der Hauptfürsorgestellen gesehen. Auch hier sind qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit beschäftigt, bei Arbeitgebern Arbeitsplätze für Behinderte ausfindig zu machen. Sie begleiten und betreuen dann die Behinderten, die als neue Beschäftigte auf diesen Arbeitsplätzen diese Hilfen brauchen, um die Integration dauerhaft zum Erfolg werden zu lassen.

In Nordrhein-Westfalen haben die Hauptfürsorgestellen im Rahmen der begleitenden Hilfen eigene Dienste eingerichtet beziehungsweise fördern modellhaft Maßnahmen der Integrationsbegleitung für spezielle Gruppen behinderter Jugendlicher und Erwachsener. Ziel ist die Beratung, Betreuung und Begleitung der Behinderten sowie die Beratung der Arbeitgeber. Das zuständige Ministerium will in Auswertung aller Aktivitäten die Entwicklung einer Gesamtkonzeption für die Integrationsbegleitung und Arbeitsassistenz in dem Land koordinieren.

In Rheinland-Pfalz sollen mit dem Modellprojekt Integrationsfachdienste/Arbeitsassistenzen ebenfalls für Schwerbehinderte geeignete Arbeitsplätze akquiriert sowie arbeitslose Schwerbehinderte intensiv eingearbeitet und betreut werden.

Mit Zuschüssen an Psychosoziale Dienste sollen Schwerbehinderte und ihnen gleichgestellte Behinderte mit dem Ziel einer möglichst dauerhaften Beschäftigung unterstützt werden. Die Beratung und Information von Arbeitgebern wurde in den letzten Jahren wesentlich verbessert. Die Zahl der Betriebsbesuche wurde in den letzten sechs Jahren mehr als verdoppelt. Neben den genannten Institutionen ist eine von Arbeitgebern, der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer getragene Einrichtung, RE-INTEGRA, Rheinland-Pfalz aktiv. Sie hat mit dazu beigetragen, dass der Beratungs- und Informationsumfang bei Arbeitgebern verbessert und intensiviert werden konnte. Sie kann auch auf gute Ergebnisse bei der Wiedereingliederung von Behinderten in das Berufsleben verweisen.

Das Saarland hat im September 1998 einen Integrationsfachdienst für Schwerbehinderte eingerichtet, der von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft und der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände getragen wird (finanziert aus Mitteln des Bundes). In Zusammenarbeit mit der Arbeitsverwaltung und der Hauptfürsorgestelle werden arbeitslose Schwerbehinderte in Beratungsgesprächen auf neue Arbeitsgebiete vorbereitet und auf entsprechende Stellen des allgemeinen Arbeitsmarktes vermittelt.

Arbeitsvermittlung von Behinderten
Die Arbeitsvermittlung von Behinderten gehört zu den Aufgaben der Arbeitsverwaltung. Wie aber auch aus den vorgehenden Schilderungen ersichtlich, ist sie Ziel und damit häufig auch Teil der von den einzelnen Bundesländern initiierten Aktivitäten.

In Baden-Württemberg wurde 1991 ein bisher immer wieder um ein Jahr verlängertes regionales Sonderprogramm 'Mehr Arbeitsplätze für Schwerbehinderte' aufgelegt. Ziel dieses mit Mitteln der Ausgleichsabgabe nach dem SchwbG finanzierten Sonderprogramms ist es, Arbeitgeber durch Zahlung monatlicher Lohnkostenzuschüsse anzuhalten, besonders schwer vermittelbare Schwerbehinderte einzustellen. Förderfähig sind tariflich entlohnte Dauerarbeitsverhältnisse oder befristete Arbeitsverhältnisse, wenn die Übernahme in ein Dauerarbeitsverhältnis in Aussicht gestellt wird.

Im Hinblick darauf, dass Schwerbehinderte, bedingt durch die schlechte Situation auf dem Arbeitsmarkt, verschlechterte Aussichten auf einen Arbeitsplatz im sog. ersten Arbeitsmarkt haben, wurde von den Werkstätten für Behinderte in Hessen damit begonnen, Außenarbeitsplätze zu schaffen und auszubauen. Beispielsweise konnte eine Werkstatt beim Statistischen Bundesamt Außenarbeitsplätze im EDV-Bereich einrichten.

Darüber hinaus gibt es in Hessen seit etwa neun Jahren erfolgreich zwei Arbeitsmarktprogramme für jüngere und ältere Schwerbehinderte mit jährlichen Mitteln in Höhe von etwa 6 Millionen DM. Das Landesprogramm für die Beschäftigung älterer Schwerbehinderter ist bis zum Jahr 2004 verlängert worden. Von beiden Programmen zusammen können jährlich rund 180 Betroffene profitieren. Diese Maßnahmen werden durch Ausnahmen bei Stellenbesetzungssperren, durch die Schaffung eines zentralen Einnahme- und Ausgabentitels im Landeshaushalt zur Beschäftigung von Hilfs- sowie Vorlesekräften, durch weitere Haushaltsvermerke, die die zusätzliche Einstellung erleichtern und das Einrichten eines Stellenpools für Schwerbehinderte ergänzt.

Als Erfolg in dem Bemühen, Schwerbehinderte auf Arbeitsplätzen des ersten Arbeitsmarktes unterzubringen, kann der Einsatz von Schwerbehinderten bei Mikroverfilmungsstätten in fünf hessischen Gerichten und in einem Aktendokumentationszentrum bezeichnet werden. Flankierend zu Initiativen dieser Art bietet der von der Landesregierung eingesetzte Beauftragte für die Eingliederung von Schwerbehinderten in die Landesverwaltung Maßnahmen an, mit denen er in den letzten 10 Jahren beachtliche Erfolge erzielen konnte. Er organisiert Seminare für Schwerbehindertenvertretungen und Verantwortliche in den Personalabteilungen, um sie über aktuelle Entwicklungen zu informieren und die Integrationsarbeit dadurch zu erleichtern und zu optimieren.

In Rheinland-Pfalz haben sich im Bereich der gemeinnützigen Arbeitnehmerüberlassung, die als zusätzliches arbeitsmarktnahes Instrument, vor allem zur Integration schwervermittelbarer Arbeitsloser, geschaffen wurde, von den acht gemeinnützigen Arbeitnehmerüberlassungsgesellschaften zwei etabliert (in Boppard und Trier), die sich auf die Vermittlung von Behinderten spezialisiert haben.

Im Saarland wurde ein Aktionsbündnis zur Verbesserung der Beschäftigungschancen von Menschen mit Behinderungen gebildet mit dem Ziel, ganz generell die berufliche Integration Behinderter auf breiter Front zu fördern. Ihm gehören das zuständige Ministerium, das Landesarbeitsamt Rheinland-Pfalz-Saarland, die Arbeitskammer des Saarlandes sowie der Landesbeauftragte für Behindertenfragen an. Als wichtigstes Ziel dieses Bündnisses wird die Verbesserung der Chancen zur Eingliederung und Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gesehen. Durch die Vernetzung vorhandener Einrichtungen, Projekte und Programme, durch die Bündelung der breit gefächerten Aktivitäten und ihre öffentlichkeitswirksame Darstellung soll ein entscheidender Beitrag zur Förderung der Beschäftigungsperspektiven dieser Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt erreicht werden.

Sonstige Programme
In Baden-Württemberg bezeichnet man als Dritter Weg den Versuch, auch diejenigen Schwerbehinderten in das Arbeitsleben wieder einzugliedern, die bisher durch alle Roste gefallen sind. Es handelt sich um ein Beschäftigungs- beziehungsweise Integrationsprojekt für Behinderte, die auch mithilfe besonderer Fachdienste auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt jetzt und auf absehbare Zeit nicht vermittelbar sind, für die auch die Werkstatt für Behinderte (WfB) nicht die adäquate Einrichtung zur Beschäftigung und Qualifizierung ist. Von dieser Mitte 1998 als Modellprojekt geschaffenen Einrichtung (bei der Diakonie in Stetten) wird erwartet, dass sie Beschäftigung, Qualifizierung, Vermittlung sowie eine weitere Förderung in Form arbeits- und berufsbegleitender Hilfen anbietet und vor der endgültigen Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt Übergangsmöglichkeiten schafft.

Das Land Nordrhein-Westfalen fördert für Menschen mit psychischen Behinderungen die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten in Firmen, die diesem Personenkreis einen sog. Zuverdienst als niedrigschwelliges Basisangebot bieten. Schon bestehende Zuverdienstfirmen arbeiten am Rande ihrer wirtschaftlichen Existenz und wurden von 1995 bis 1998 nur aus Landesmitteln und Mitteln der Gemeinschaftsinitiative Beschäftigung - Aktionsbereich HORIZON - unterstützt. Mit dem Angebot dieser Firmen soll eine Stabilisierung bei den Behinderten erreicht und deren Einstieg in eine berufliche Tätigkeit und Qualifizierung eröffnet werden.

Schlussbemerkung
Schon seit einiger Zeit werden immer wieder Zweifel angemeldet, wenn es um die Frage geht, wie, auf welchem Weg und mit welchen Mitteln den Gefahren eines arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Verdrängungswettbewerbs zu Lasten der Schwachen (Jugendliche, Behinderte, Frauen, Ältere, schlecht Ausgebildete) auf dem Arbeitsmarkt begegnet werden kann. Es scheint sich die Auffassung durchzusetzen, dass mit den streng regulierten staatlichen Leistungen (im Sinne von Wohlfahrt im Obrigkeitsstaat) der Personenkreis, dem geholfen werden soll, in seinen Integrationsbemühungen eher behindert wird. Stattdessen wird gefordert, den Behinderten als Kunden anzuerkennen, mit dem Vereinbarungen getroffen werden können und sollen und der dann verantwortlich den Eingliederungsprozess mitgestaltet. Dadurch, dass der Behinderte Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernimmt, kommt er in die Lage, auch eigene Potenziale zu entwickeln mit dem Ziel, seine Fähigkeiten zur Mitverantwortung festzustellen und zu stärken, um so schließlich uneingeschränkt mitbestimmen und mit Verantwortung übernehmen zu können.

Es bleibt abzuwarten, ob und inwieweit sich diese veränderte Einstellung auch auf die verschiedenen Bemühungen zur Integration der Behinderten in Beruf und Alltag auswirken kann.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Behindertenrecht - Fachzeitschrift für Fragen der Rehabilitation
Homepage: https://www.boorberg.de/3413888

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0059/2861


Informationsstand: 11.01.2001

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