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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Notizen zur Kritik einer Bioethik


Autor/in:

Köpcke-Duttler, Arnold


Herausgeber/in:

k. A.


Quelle:

Behindertenrecht, 2000, 39. Jahrgang (Heft 6), Seite 167-169, München: Boorberg, ISSN: 0341-3888


Jahr:

2000



Abstract:


Das Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte bezüglich der Anwendung von Biologie und Medizin veranlasst wiederholt zur Sorge um die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Vertreter einer utilitaristischen Bioethik haben schwerstbehinderten Neugeborenen das Lebensrecht abgesprochen, da sie sich selber noch nicht als 'zukünftige Wesen' sehen könnten und schlagen vor dem Lebensrecht eines Neugeborenen die Interessen der Gesellschaft, der hungernden Kindern der 3. Welt, der noch nicht gezeugten gesunden gegenüberzustellen.

Kritiker befürchten, dass der im Grundgesetz verankerte Schutz der Würde des Menschen, seiner körperlichen und seelischen Integrität ausgehöhlt werde und Befürwortern der Bioethik ein Zugriff auf das menschliche Leben gelänge. Kritisiert werden Humanexperimente, die Reduktion de einmaligen Menschen auf einen Vertreter der Spezies, die proklamierte Gleichrangigkeit von Menschenwürde und Forschungsfreiheit. Der Mensch unterläge einer kollektiven Verpflichtung, hinter die das Recht auf Leben und Gesundheit unter Umständen zurücktreten müsse um im Vordergrund Nutzen der Erforschung von Krankheiten für zukünftige Patienten zu betrachten. Das Interesse der Wissenschaft und Wirtschaft am fötalem Gewebe nimmt zu. Sechs Verbände der Behindertenhilfe haben 1998 in Kassel in einer Proklamation die Bioethik als Bedrohung menschlichen Lebens durch medizintechnische Entwicklungen kritisiert.

In den biologischen Vorstößen zeige sich, dass das Vertrauen in die Unantastbarkeit des Lebens durch den Zugriff der Biomedizin, der Humangenetik nicht mehr gewährleistet sei. Niemand habe das Recht mit und an Menschen fremdnützige Forschungen zu betreiben, nur weil sie ihren Willen nicht äußern könnten. Nicht Einwilligungsfähige seien vor Organentnahme zu schützen. In solcher Forschung verdeutlicht sich, wenn man über den Tellerrand medizinischen und biologischen Forschung hinausschaut, die Entsolidarisierung einer Gesellschaft, in der Behinderung und Anderssein immer weniger akzeptiert, als Defekt missachtet, schließlich als Kostenverursacher und Ballast verachtet und verworfen werden.

In dem Menschenrechts-Übereinkommen ist weiterhin eine Passage über fremdnützige Forschung an Nichteinwilligungs-fähigen (Neugeborene, Schwerstkranke, geistig Behinderte) enthalten. Die Formulierung des Art.17 Absatz 2 des Übereinkommens enthält nicht die Zielsetzung, dem Betroffenen direkt zu nutzen. Hubert Hüppe hat darauf aufmerksam gemacht, dass der gleiche Personenkreis unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls für die Entnahme regenerierbaren Gewebes vorgesehen ist, wenn kein einwilligungsfähiger Spender zur Verfügung stehe. Mit Recht kritisiert er, mit der Ermöglichung rein fremdnützlicher Forschung an Nichteinwilligungsfähigen finde ein gravierender Paradigmenwechsel statt. Nicht allein er hat auf den Widerspruch zu Art.7 Absatz 2 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte hingewiesen. Nach diesem völkerrechtlichen Vertrag darf kein Mensch ohne seine Zustimmung medizinischen oder wissenschaftlichen Versuchen unterworfen werden. Es wäre eine Alternative einen Katalog aufzustellen, in dem zum Beispiel bestimmte Erkrankungen oder Forschungsgegenstände aufgezählt werden.

Die nichttherapeutische Forschung verstößt gegen die Idee Menschen in existenziellen Grenzsituationen der Hilflosigkeit, Gefährdung und Ausgeliefertheit zu schützen. Der Rechtsphilosoph Hasso Hofmann erinnert daran, dass der Verfassungsgrundsatz aus den entsetzlichen Erfahrungen von Verachtung der Humanität und Erniedrigungen des Menschen im nationalsozialistischen Reich hervorgegangen ist.

Der Gedanke der Solidarität in einer konkreten Anerkennungsgemeinschaft fordere die Anerkennung des anderen Menschen in seiner individuellen Besonderheit mit allem, was er als Teil des Ganzen einbringe. Damit ist ein hohes Schutzniveau für einwilligungsunfähige Menschen bei der humangenetischen Forschung zu verbinden, um jeder Gefahr einer Instrumentalisierung vorzubeugen. Sonderregelungen für Einwilligungsunfähige, die derern Menschenrechte einschränken dürfen nicht statuiert werden. Das 'Forschungsverbot an Nicht-Zustimmungsfähigen' muss aufrechterhalten werden, auch wenn der Forschungsprozess mit Blutentnahmen anhebt wie im Fall des St.-Joseph Stifts Eisingen. Auch eine Blutuntersuchung stellt einen invasiven Eingriff dar, der von einzelnen Menschen als erheblich belastend erfahren werden kann. Zulässigkeitsvoraussetzung für krankheitsbezogene Forschung ist die pers. Einwilligung.

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe plädiert für ein Forschungsgesetz in Deutschland, in dem der Forschungsrahmen, der Schutz des Betroffenen und der Umgang mit Forschungsergebnissen klar geregelt werden. Die Schutzrechte der Schwächeren in der Gesellschaft dürfen nicht zur Disposition gestellt werden.

Auch Dithmar Mieth warnt vor einer Instrumentalisierung des Menschen im ethischen Sinn der Leugnung ihrer Würde da damit die Grenzen der wissenschaftlichen Freiheit dort gezogen werden, wo vorrangig geschützte 'Rechtsgüter' tangiert sind. Zudem muss entgegen jenem humangenetischen Reduktionismus und Absolutheitsanspruch eine kreative Vielfalt kontroverser wissenschaftlicher Ansichten ermöglicht werden entgegen der eingeschränkten antrophologischen Vorstellung der Mensch sei 'eine DNS-gesteuerte Maschine'. Zu erinnern ist an die Geschichte der Ärztedeklarationen seit dem Jahr 1947, an die Deklaration von Helsinki, zwischen dem Heilversuch mit ärztlicher Indikation im konkreten Einzelfall und der ausschließlich fremdnützigen Forschung.

Alle Versuche, ob in Verbindung mit ärztlicher Versorgung oder nicht-therapeutisch, verlangen die Anerkennung des Rechts der Versuchsperson auf Wahrung ihrer Unversehrtheit. Keinesfalls darf sich wiederholen, dass die Versuchsbesessenheit und die voranzerrende Logik der Forschung die Zweifel an der Notwendigkeit und der Zulässigkeit der Untersuchung von Blutproben von Zigeunerzwillingen und kriegsgefangenen Russen betäuben und die Würde missachten, in der jeder Mensch lebt ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seine Leistungen, seinen gesellschaftl. Status, seinen körperlichen oder geistigen Zustand. Keinem Menschen darf sie genommen werden; jeder Mensch ist in seiner Würde zu achten, gerade da sie so sehr antastbar ist.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Behindertenrecht - Fachzeitschrift für Fragen der Rehabilitation
Homepage: https://www.boorberg.de/3413888

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0059/3154


Informationsstand: 21.05.2001

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