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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Bericht über die 8. Nationale ICF-Anwenderkonferenz am 10.3.2010 in Leipzig


Autor/in:

Ewert, Thomas


Herausgeber/in:

k. A.


Quelle:

Die Rehabilitation, 2010, 49. Jahrgang (Heft 4), Seite 256-258, Stuttgart: Thieme, ISSN: 0034-3536


Jahr:

2010



Abstract:


Die 8. ICF-Anwenderkonferenz wurde im Rahmen des 19. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums in Leipzig in Kooperation von der Deutschen Rentenversicherung Bund und der Arbeitsgruppe ICF der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW) organisiert und durchgeführt. Primäres Ziel der ICF-Anwenderkonferenz ist es, über aktuelle Entwicklungen und Projekte in der ICF-Anwendung zu informieren und den Erfahrungsaustausch zu fördern.

Bei der Veranstaltung wurden neun Fachbeiträge mit unterschiedlichen Schwerpunkten vorgestellt. Generell kann ein steigendes Interesse an der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) festgestellt werden. In diesem Jahr wurden im Kontext des Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums insgesamt vier Veranstaltungen zur ICF durchgeführt, beim vorhergehenden 18. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium 2009 war die ICF-Anwenderkonferenz noch die einzige Veranstaltung, die sich exklusiv mit der ICF befasste.

Die Beiträge:

Dr. Thomas Ewert und Dr. Manfred Rohwetter gaben zur Eröffnung einen Rückblick über relevante Publikationen und ICF-Aktivitäten des vergangenen Jahres. Danach folgte ein Hinweis auf den für 2010 angekündigten ICF-Updateprozess der Weltgesundheitsorganisation. Dieser beinhalte keine Revision der ICF mit grundlegenden Änderungen, sondern beziehe sich insbesondere auf die Beseitigung von unklaren Passagen und formalen Fehlern. Eine neue Version der ICF sei nicht zu erwarten.

Stefanie Baron stellte unter dem Titel 'Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsstörungen bei psychischen Erkrankungen (Mini-ICF-APP)' einen inzwischen kommerziell verfügbaren Fragebogen vor. Die Mini-ICF-APP wurde in Anlehnung an die ICF und das Groningen Social Disabilities Schedule II entwickelt. Abgebildet werden soll die Komponente 'Aktivitäten und Partizipation' der ICF, soweit diese durch psychische Erkrankungen beeinträchtigt sein kann.

Mit dem Mini-ICF-APP solle eingeschätzt werden, in welchem Ausmaß ein Patient in seinen Fähigkeiten bei der Durchführung von Aktivitäten beeinträchtigt ist. Berichtet wurde über Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß von Fähigkeitsstörungen und psychopathologischen Maßen sowie der Arbeitsfähigkeit beziehungsweise die Dauer von Arbeitsunfähigkeit. Das Instrument wurde bei 213 Patienten der psychosomatischen Rehabilitation als änderungssensitiv beurteilt.

Dr. Markus Bassler gab einen kurzen Bericht über das Satellitensymposium 'Implementierung der ICF in der psychosomatischen Rehabilitation' vom Vormittag. Der Bericht bezog sich auf folgende Beiträge: Hanno Irle: 'Implementierung der ICF in der psychotherapeutisch/psychosomatischen Rehabilitation aus Sicht der Deutschen Rentenversicherung Bund'; Markus Bassler: 'ICF-Implementierung (Klinik Carolabad)'; Volker Köllner: 'Implementierung der ICF in der psychosomatischen Rehabilitation - Erfahrungsbericht aus der klinischen Praxis'; Michael Linden: 'Fremdrating von ICF bei psychischen Störungen', Manfred Nosper: 'Selbstrating ICF bei psychischen Störungen', Anna Brütt u.a.: 'Zur Entwicklung und psychometrischen Überprüfung eines an der ICF orientierten Instrumentes zur Erfassung von Aktivitäten und Partizipation bei Patienten in stationärer psychotherapeutischer Rehabilitationsbehandlung'.

Dr. Sabine Grotkamp referierte über die 'Berichterstattung über die AG 'ICF' des Fachbereichs II der DGSMP' und ging auf die Bedeutung der personbezogenen Faktoren im Rahmen der sozialmedizinischen Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) ein. Die bereits vom MDK publizierten Vorschläge seien in der Vergangenheit zum Teil kontrovers diskutiert worden.

Um die unterschiedlichen Standpunkte trägerübergreifend und berufsgruppenunabhängig intensiver erörtern zu können, wurde unter der Ägide der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die diese Diskussion fortsetzen und ein Statement für den Vorstand der DGSMP erstellen soll. Bislang haben vier Arbeitstreffen stattgefunden. Weitere Treffen verfolgen das Ziel, sich anhand der derzeit vorliegenden Kurzfassung auf eine Gliederung der Komponente der personbezogenen Faktoren zu einigen.

Dr. Ewert griff in dem Beitrag 'Anmerkungen zum Begriff der Funktionsfähigkeit' zentrale Punkte und Textstellen der ICF auf. Es wurde auf zum Teil nicht eindeutige Passagen in der ICF hingewiesen, welche den Begriff der Funktionsfähigkeit definieren. Als Fazit wurde festgehalten, dass Funktionsfähigkeit als Oberbegriff sich auf jegliche Art von Schädigung der Körperstrukturen/Körperfunktionen und Beeinträchtigungen von Aktivitäten und Partizipation beziehe.

In der Diskussion wurde der Nutzen des im deutschen Vorwort zur ICF enthaltenen Begriffs der funktionalen Gesundheit kritisch beurteilt und festgestellt, dass der Begriff der Funktionsfähigkeit für die Beschreibung von gesundheitsbezogenen Sachverhalten genutzt werden könne, wie dies auch international üblich sei.

Dr. Heinz Mairhofer berichtete über die 'Anwendung der ICF in Österreich'. Trotz der noch nicht gesetzlich festgeschriebenen Verpflichtung, die ICF einzusetzen, würde diese zunehmend im rehabilitativen Bereich angewendet. Als Beispiel wurde auf ein Pilotprojekt für die Ermittlung von Hilfebedarf hingewiesen. Im Bereich der Behindertenhilfe wurden zwei Anwendungsbereiche unterschieden: allgemeine Beschreibung der Fähigkeiten von Personen (Klienten), zum Beispiel bei der Aufnahme, sowie die Analyse der Fähigkeiten im Zusammenhang mit einem speziellen Ziel. Im Anschluss folgte ein Überblick über weitere Akteure und Entwicklungen in Österreich sowie über die Vernetzung der ICF-Aktivitäten und eine jährlich stattfindende ICF-Konferenz.

Dr. Karl Ibes referierte zum Thema 'Teilhabe am Arbeitsleben: Die ICF als Diagnose-, Steuerungs- und Evaluationsinstrument in den Beruflichen Trainingszentren Deutschlands'. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Beruflichen Trainingszentren (BTZ) habe ein Projektgruppe ins Leben gerufen, um die Nutzung der ICF in ihren Einrichtungen verbindlich als zukünftigen Qualitätsstandard vorzubereiten. Berichtet wurde über Eckpunkte eines Projektantrages, welcher sich in Vorbereitung befinde.

Ziel des Projektes sei es, eine für die BTZ anwendbare Version zu entwickeln und als Standard in den beteiligten BTZ zu implementieren. Eine moderne EDV-basierte Applikation werde angestrebt. Für die MitarbeiterInnen der verschiedenen Berufsgruppen seien umfangreiche Schulungen vorgesehen, um damit eine berufsgruppenübergreifende und qualifizierte Anwendung zu gewährleisten. Durch die Implementierung werde sich der Arbeitsablauf voraussichtlich verändern und eine intensivere Zusammenarbeit bewirkt. Eine ICF-basierte Dokumentation und ein Berichtwesen sollen eingeführt werden.

Claudia Golke sprach in ihrer Präsentation 'Die Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e.V. - Multiplikatoren im Bereich der ICF-Qualifizierung' sowohl grundsätzliche als anwendungsbezogene Fragen an. So sei die ICF in den Kursen von Bobath-Instruktoren beziehungsweise Bobath-Lehrenden bereits verankert. Diese Kurse seien alltagsorientiert konzipiert und es werde Wert auf gemeinsam mit dem Klienten festgelegte, erreichbare und messbare Partizipationsziele gelegt.

In den Bobath-Arbeitsgruppen könnten über ICF-orientierte interdisziplinäre Assessments Fallbeispiele bearbeitet, Rehabilitationsziele festgelegt und Interventionsmaßnahmen geplant werden. In den Bobath-Arbeitsgruppen würden viele in der Befragung 'Qualifizierung zur ICF' (W. Lay, T. Ewert, F. Schliehe; AG ICF der DGRW 2007/2008) genannten Wünsche und Erwartungen umgesetzt - wie zum Beispiel die Inhalte der Qualifizierung, die zielgruppenspezifische Ausrichtung von Qualifizierungsangeboten oder der zeitliche Aufwand und die Lehrformate. Am Beispiel der seit 1999 bestehenden Bobath-Arbeitsgruppe Seesen an den Asklepios-Kliniken Schildautal wurde die Umsetzung des ICF-Modells in einer berufsgruppen- und trägerübergreifenden Arbeitsgruppe veranschaulicht.

Prof. Petra Gromann sprach über ein Projekt zur 'Erprobung einer ICF-Item-Kurzfassung zur Bedarfsermittlung in der Eingliederungshilfe'. Der individuelle Teilhabeplan (ITP) Hessen sei ein Instrument zur Bedarfsermittlung und zeitbasierten Finanzierung. Er enthalte ICF-basierte Beschreibungen von Items zu Umweltfaktoren, Schädigungen, Aktivitäten und Teilhabe, die in ihrer Ausprägung festgehalten werden, um die Bedarfsermittlung zu unterstützen.

Zuerst wurden diese Items 2008 in Wiesbaden erprobt und 2009 in zwei Landkreisen in Hessen implementiert. Der ITP gelte für alle Zielgruppen der Eingliederungshilfe erwachsener Menschen und werde bei Personen mit psychischen Behinderungen, Abhängigkeitserkrankungen, geistigen Behinderungen, mehrfachen körperlichen und Sinnesbehinderungen eingesetzt (circa 2000 Leistungsfälle). Zum Februar 2010 wurde auf der Grundlage der ICF-basierten Einschätzung von Bedarfen die Finanzierung aller ambulanten, teilstationären wie stationären Leistungsfälle auf eine einheitliche Basis umgestellt. Parallel wurden alle Anwender von Leistungserbringern und Leistungsträgern evaluiert. Die ICF-bezogenen Evaluationsergebnisse legen den Schluss nahe, dass die ICF in einem ausreichenden Maß verständlich ist, jedoch die Implementierung mit erheblichem Schulungsbedarf verbunden ist.

Dr. Hans-Martin Schian referierte über 'ICF: Bedarfsfeststellungsverfahren, Standortbestimmung, Assessment?' Er wies auf die Bedeutung der ICF bezüglich der Bedarfsfeststellungsverfahren hin und hob die damit verbundene erweiterte Sichtweise sowie die Vermeidung voreiliger Schlüsse hervor. Im Zusammenhang mit dem europäischen Projekt 'Measuring Disability and Health in Europe' und den Konsequenzen für die Schweiz, betonte er die Bedeutung der Kontextfaktoren. Zugleich wies er auf die Gefahr hin, dass durch ein unkoordiniertes Vorgehen bei der Implementierung der ICF ein 'Wildwuchs' bei den Assessments verursacht werden könnte. Abschließend wies er auf die Arbeiten einer europäischen Expertenkommission hin, die in den 90er Jahren ein Profilingsystem entwickelt hätte.

Fazit:

Die Vorträge zeigten einmal mehr die Breite der Aktivitäten im Bereich der ICF auf. Angesichts der zahlreichen Vorträge war die Zeit für Diskussionen begrenzt, welche dennoch lebhaft geführt wurden und oft aufgrund der beschränkten Zeit nicht zu Ende geführt werden konnten. Besonders erfreulich war, dass ein Übersichtsbeitrag aus Österreich zur Anwendung der ICF realisiert werden konnte. Es bleibt festzuhalten, dass die ICF in immer weitere Bereiche und mit zunehmendem Detaillierungsgrad implementiert wird.

Zudem zeichnet sich in einzelnen Bereichen eine Verknüpfung von der Finanzierung von Leistungen mit Ergebnissen eines ICF-basierten Assessments ab. Das dem Grundgedanken der ICF dabei widersprechende Element ist mitunter, dass einige Projekte als 'Insellösungen' ohne überregionale und breite Vernetzung implementiert werden. So besteht nach wie vor die Gefahr, dass es hinsichtlich der Anwendung der ICF zu unterschiedlichen Realitäten und Sichtweisen kommen kann, was immer dann höchst problematisch wird, wenn die unterschiedlichen Anwendungsformen nicht mehr miteinander kompatibel sind.

Ausblick:

Die ICF-Anwenderkonferenz als allgemeines, intersdisziplinäres und versorgungssystemübergreifendes Informationsforum ist inzwischen eine feste Instanz in Deutschland. Sie bietet einen Rahmen für den Austausch von Informationen über vielfältige Aktivitäten und Projekte zur ICF-Anwendung und trägt damit zu ihrer Vernetzung bei, selbst wenn keine verbindlichen Vorgehensweisen von der ICF-Anwenderkonferenz beschlossen werden. Der begonnene Weg einer stärkeren Zusammenarbeit mit andern deutschsprachigen Ländern soll fortgesetzt werden, um gegenseitig von den Erfahrungen zu profitieren. Herausforderungen, denen sich Anwender der ICF konfrontiert sehen, machen nicht vor Landesgrenzen halt.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Die Rehabilitation - Zeitschrift für Praxis und Forschung in der Rehabilitation
Homepage: https://www.thieme.de/de/rehabilitation/profil-1887.htm

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0063/8367


Informationsstand: 19.10.2010

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