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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Partizipation als Menschenrecht


Autor/in:

Wolfmayr, Franz


Herausgeber/in:

Verein Initiativ für behinderte Kinder und Jugendliche


Quelle:

Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 2005, 28. Jahrgang (Heft 3/4), Seite 90-99, Graz: Eigenverlag, ISSN: 1561-2791


Jahr:

2005



Abstract:


Franz Wolfmayr berichtet über das Dienstleistungsangebot der Chance B in Gleisdorf, Österreich. Dabei handelt es sich um ein regionales Dienstleistungsangebot, welches BewohnerInnen der Oststeiermark mit Behinderungen dabei unterstützt, ihr Leben zu leben.

Viele Menschen leben zu Hause in der Heimatgemeinde, 'mit alles, was zu einem erfüllten Leben gehört'. Auf- und Ausbau dieser Dienstleistungen haben sich an pädagogischen Konzepten orientiert. Wesentliche Grundlagen dafür waren zum Beispiel Kooperative Pädagogik, Normalisierungsprinzip und Empowerment Ansatz.

Die Orientierung an den Bedürfnissen der Personen mit Behinderung und ihrer Angehörigen in der Region leitet den Ausbau der Dienstleistungen. Die Orientierung an den Bedürfnissen der einzelnen Personen, die eine unterstützende Dienstleistung benötigen, leitet Inhalt und Methodik der Dienstleistungserbringung.

Die Orientierung an anthropologischen und entwicklungspsychologischen Grundannahmen leitet die Art der Beziehungsgestaltung. Und Arbeitsmethodik und Ziel der Dienstleistungen ist, dass die Personen mit Behinderung selbst und ihr Umfeld die Verantwortung für ihr Leben übernehmen können.

So verstanden ist der Ort der Leistungserbringung in erster Linie der Wohn-, Bildungs- oder Arbeitsort der unterstützten Personen. Chance B ist mit diesem Angebot zum Modell für viele Regionen geworden. Insbesondere für den ländlichen Raum ist dieses Konzept beispielhaft. Der bisherige Ansatz, die Personen, die Unterstützung bei der Lebensgestaltung benötigen, in zentralen Einrichtungen zusammenzufassen, hat sie ihrem Umfeld entfremdet.

Heutzutage gerät in manchen Ländern und Regionen der Ausbau solcher Angebote und damit die Einlösung vergleichbarer Lebensbedingungen vieler dort lebender Personen mit Behinderung ins Stocken. Neben budgetären Gründen werden unter anderem auch wieder Ergebnisse medizinischer Forschung dafür verantwortlich gemacht.

Wolfmayr hält es für notwendig, dass auch PädagogInnen, ManagerInnen von Dienstleistungsorganisationen, aber auch Personen mit Behinderung und ihre Angehörigen selbst, für die Umsetzung der Menschenrechte in Solidarität mit anderen benachteiligten Personengruppen in den Europäischen Staaten bewusst tätig werden.

Die unterschiedlichen sozialpolitische Grundsätze verschiedener Staaten machen Unterschiede in der praktischen Auswirkung deutlich. Auch bei herrschenden hohen Standards in der Unterstützung von Personen mit Behinderung. Es zeigt sich, dass ein Land, das die Person mit Behinderung in ihrer Entscheidungsfindung durch SozialarbeiterInnen unterstützt, eine an den Menschenrechten orientierte Sozialpolitik verfolgt und ein Land, das die Entscheidung durch die regionale Sozialarbeit traf, eher eine fürsorgeorientierte Sozialpolitik verfolgt.

Staaten, die sich in ihrer Sozialpolitik an der Umsetzung der Menschenrechte orientieren, haben Personen mit Behinderung strukturell auf allen gesellschaftlichen Ebenen integriert:
- sie haben offizielle Funktionen in der Gesetzgebung und der Verwaltung inne,
- sie übernehmen formelle Aufgaben in der Kontrolle der Umsetzung der Gleichstellungs- und der Behindertengesetze durch ihre Vertretungen,
- sie haben formelle beratende Funktionen für die Regierungen,
- es gibt Forschungseinrichtungen mit speziellen Lehrstühlen und Forschungsaufgaben im Bereich von Behinderung,
- alle öffentlichen und viele private Bereiche (Unternehmungen) sind verpflichtet, ihre eigene Behindertenpolitik zu formulieren und umzusetzen,
- individuelle und Gruppen betreffende Diskriminierungen in allen Lebensbereichen können sanktioniert werden.

Beispiele für diese Entwicklungen finden wir in Europa vorwiegend in englischsprachigen Ländern wie England, Schottland, Irland.

Anschließend geht der Autor auf die Dimensionen des menschlichen Lebens und die damit verbundenen zentralen Menschenrechte ein. Dabei spricht er folgende Punkte an:
- Zur Sicherung der menschlichen Existenz: das Recht auf Leben
- Zur Sicherung der menschlichen Identität: das Verbot, diskriminiert zu werden
- Zur Sicherung eines angemessenen Lebensstandards: das Recht auf Nahrung, Gesundheit und Wohnen
- Zur Sicherung der Privatsphäre: das Recht auf Privatleben
- Zur Sicherung des Denkens und der Spiritualität: das Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit sowie das Recht auf Bildung
- Zur Sicherung einer Wirtschaftlichen Tätigkeit: das Recht auf Arbeit und Schutz des Eigentums
- Zur Sicherung politischer Mitwirkung: das Recht auf freie Meinungsäußerung und politische Rechte
- Zur Sicherung vor Vertreibung, bei Flucht und im Exil: die Rechte von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen

Menschenrechte müssen in erster Linie durch die Staaten gesichert werden. Diese müssen die vertraglichen Verpflichtungen aus Menschenrechtskonventionen erfüllen. Grundsätzlich lassen sich bei der Verwirklichung aller aufgeführten Rechte drei Stufen von Verpflichtungen unterscheiden. Die erste Stufe bildet die staatliche Verpflichtung, die Rechte und Freiheiten der Menschen nicht zu verletzen. Die zweite Stufe umfasst die staatliche Verpflichtung, die Rechte und Freiheiten der Menschen gegenüber Dritten zu schützen. Die dritte Stufe bringt mit sich, dass der Staat die Menschenrechte zu gewährleisten hat.

Zur Durchsetzung der Menschenrechte gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Sie hängen jeweils davon ab, in welcher Art sie grundgelegt sind. Konventionen haben den höchsten Grad von Verbindlichkeit. Die darin festgelegten Rechte sind aber wieder nur einklagbar, wenn der jeweilige Nationalstaat die entsprechende Konvention ratifiziert, also angenommen hat.

Ein wesentlicher Mechanismus in der Umsetzung von Menschenrechten ist die öffentliche Kontrolle ihrer Umsetzung. Jede der Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen wird von einem eigenen unabhängigen Ausschuss überwacht.

Die Fülle der Menschenrechtsthemen ist enorm. Sie überfordert jede einzelne Person und jede einzelne Organisation, doch Europa kann sich überregional organisieren und so die Durchführung dieser Aufgaben teilen.

Damit Personen mit Behinderung sich am öffentlichen Leben beteiligen können, müssen sie in diesem Leben auftauchen, sie müssen anwesend sein. Indem Behindertenorganisationen Dienstleistungen anbieten, die ermöglichen, dass Personen mit Behinderung in ihren Gemeinden am alltäglichen Leben teilnehmen, schaffen sie eine wesentliche Voraussetzung dafür.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


behinderte menschen - Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten
Homepage: https://www.behindertemenschen.at/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0069/0021


Informationsstand: 06.09.2005

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