Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Schwerbehindertenausweis bei Lernbehinderung


Autor/in:

Zelfel, Rudolf C.


Herausgeber/in:

LERNEN FÖRDERN - Bundesverband zur Förderung Lernbehinderter e.V.


Quelle:

Lernen fördern, 1997, 17. Jahrgang (Heft 3), Seite 7-8, Köln: Eigenverlag, ISSN: 0720-8316


Jahr:

1997



Abstract:


Bereits mehrfach hat sich LERNEN FÖRDERN mit dem Thema Schwerbehindertenausweis für Menschen mit Lernbehinderung beschäftigt. So haben wir 1991 die damals neue Interpretationshilfe (3/91) zu 'Lernbehinderung' und ein Interview mit Philbert Magin, damals im Beirat für Rehabilitation, abgedruckt. 1995 (LF 2/95) haben wir den Schriftverkehr mit dem Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung veröffentlicht. Mit den Veröffentlichungen wollten wir vor allem erreichen, dass diese Interpretationshilfe, die weitgehend in Fachkreisen und im Verband unbekannt war, stärker genutzt wird. In vielen Veranstaltungen in Ortsvereinen, Landesverbänden und im Bundesverband haben wir die Vor- und Nachteile diskutiert.

Es ist nicht die Aufgabe des Bundesverbandes, die Beantragung eines Ausweises zu empfehlen. Diese Entscheidung müssen Betroffene beziehungsweise Eltern stets selbst treffen, es muss dabei aber abgewogen werden, welche besonderen Hilfen durch die Anerkennung als Schwerbehinderter erschlossen werden können.
Schwerbehinderter im Sinne des Schwerbehindertengesetzes (SchwbG) ist eine Person, die einen Grad der Behinderung von mindestens 50 von Hundert aufweist. Schwerbehinderten Gleichgestellte sind Menschen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 30 Prozent. Für diese gelten ebenfalls viele Bestimmungen des Gesetzes.

Wozu dient die Anerkennung als Schwerbehinderter?
Um als Behinderter die wegen der Behinderung notwendigen Hilfen in Anspruch nehmen zu können, ist es grundsätzlich nicht erforderlich, dass ein bestimmter Grad der Behinderung festgestellt und in einem Ausweis bescheinigt wird. Leistungen wie etwa sonderpädagogische Förderung oder berufliche Erstrehabilitation beruhen nicht auf der Anerkennung als Schwerbehinderter nach dem Schwerbehindertengesetz. Für einige Hilfen oder, genauer gesagt, für die Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen für Behinderte ist die Anerkennung als Behinderter notwendig. Diese erteilt das Versorgungsamt auf Antrag. Zugrunde gelegt werden dabei in der Regel die 'Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit', die soeben neuerschienen sind und für 'Lernbehinderung' klar formuliert wurden.

Für welche Hilfen benötigt man die Anerkennung als Behinderter und den Behindertenausweis?
Grundsätzlich werden fast alle Leistungen (Nachteilsausgleich), die im Schwerbehindertengesetz aufgeführt sind, an anerkannte Behinderte oder Gleichgestellte gewährt. Für unseren Bereich sollen die wichtigsten Bestimmungen zur Berufseingliederung für Schwerbehinderte oder Gleichgestellte aufgeführt werden.

Beschäftigungspflicht des Arbeitgebers
Jeder Arbeitgeber mit mehr als 15 Arbeitsplätzen muss mindestens 6 Prozent mit schwerbehinderten Arbeitnehmern besetzen. Erfüllt er die Quote nicht, muss er eine Abgabe von DM 200 pro nicht besetzten Platz zahlen.

Besonderer Kündigungsschutz
Sobald ein Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate besteht, genießen Behinderte einen besonderen Kündigungsschutz. Vor der Kündigung, deren Frist mindestens vier Wochen betragen muss, muss die Zustimmung der Hauptfürsorgestelle eingeholt werden.

Anrechnung auf Pflichtplätze
Nur anerkannte Behinderte oder Gleichgestellte zählen bei der Besetzung der Pflichtplätze. Schwerbehinderte Auszubildende können bis zu dreifach auf die Pflichtquote angerechnet werden.

Leistungen der Hauptfürsorgestelle, zum Beispiel Lohnkostenzuschüsse, Hilfen im Berufsleben, Integrationshelfer, Arbeitsassistenten sind an die Anerkennung als Schwerbehinderter oder Gleichgestellter gebunden.

Andere Leistungen
Auch andere Leistungen setzen den Behindertenausweis voraus, wie etwa kostenlose Beförderung im Nahverkehr, steuerliche Berücksichtigung, Ermäßigungen bei Sportveranstaltungen und vieles andere. Auch die Arbeitsvermittlung für Schwerbehinderte beim Arbeitsamt verlangt in der Regel den Ausweis.

Lohnt es sich, den Ausweis zu beantragen?
In Anbetracht der schwierigen Arbeitsmarktlage, die sich für Lernbehinderte in den nächsten Jahren nicht wesentlich verbessern wird, ist es notwendig, vorhandene Hilfen noch stärker zu nutzen. Noch gibt es für behinderte Arbeitnehmer Regelungen und finanzielle Hilfen, die für Nichtbehinderte in diesem Umfang nicht zur Verfügung stehen. Gezwungen wird selbstverständlich keiner, einen Ausweis zu beantragen, wenn er ohne diesen gesetzlich garantierten Nachteilsausgleich zurecht kommt. Er ist aber eine große Hilfe, bestehende Arbeitsverhältnisse sicherer zu gestalten.

Ich bin doch nicht behindert
'Ich bin doch nicht behindert', 'Ich möchte mein Kind nicht als Behinderten abstempeln' sagen viele unserer Jugendlichen oder Eltern, wenn die Frage des Behindertenausweises diskutiert wird. Ob sich jemand 'behindert' fühlt, wird nicht durch den Ausweis bestimmt, sondern allein durch das persönliche Lebensgefühl. Ein Ausweis dient nur dazu, den Nachteil gegenüber anderen Menschen, die nicht behinderungsbedingte Einschränkungen haben, auszugleichen. Er ist sozusagen die Eintrittskarte zu diesen Leistungen.

'Einmal behindert - immer behindert', ist ebenfalls eine Befürchtung, die Eltern von der Beantragung eines Ausweises abhält. Grundsätzlich werden Behindertenausweise nur befristet ausgestellt und in vielen Fällen in gewissen Abständen neu überprüft. Sollten sich die Voraussetzungen verbessern oder verschlechtern, wird ein neuer Grad der Behinderung festgestellt. Dies kann auch jederzeit auf Antrag erfolgen.

Zusammengefasst:
Es ist immer eine persönliche Entscheidung, eine Anerkennung als Schwerbehinderter zu beantragen, für die es zwischen Vor- und Nachteilen abzuwägen gilt. Wer die Beantragung des Behindertenausweises aber grundsätzlich ablehnt, auch wenn die Voraussetzungen vorliegen, muss sich darüber im klaren sein, dass er bedeutende Hilfen im Arbeitsleben nicht in Anspruch nehmen kann.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


LERNEN FÖRDERN
Homepage: https://lernen-foerdern.de/publikationen/zeitschrift/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0077/2007


Informationsstand: 10.11.1997

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