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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Für taubblinde Menschen ein Tor zur Welt: Elektronische Lesegeräte


Autor/in:

Demmel, Herbert


Herausgeber/in:

Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV)


Quelle:

Die Gegenwart, 1993, 47. Jahrgang (Heft 5), Seite 9, Bonn: Eigenverlag


Jahr:

1993



Abstract:


Elektronische Lesegeräte ermöglichen es, Druckschriften aller Art zu verarbeiten und in Sprache oder in Blindenschrift umzusetzen. Sie verfügen neben der üblichen Sprachausgabe entweder über eine Braillezeile oder sie können mit einer Braillezeile verbunden werden. Die Braillezeilen setzen sich aus 20, 40 oder 80 Modulen zusammen, das heißt, dass 20, 40 oder 80 Buchstaben in Blindenschrift ausgegeben werden können.

Wie ich aus meiner Beratertätigkeit weiß, sind elektronische Lesegeräte für taubblinde Menschen unschätzbare Hilfsmittel. Dass Lesegeräte Hilfsmittel im Sinne von § 33 Absatz 1 Sozialgesetzbuch V sind, steht seit den Optacon-Urteilen des Bundessozialgerichts vom 20. Mai 1987 - 8 RK 45/85 und vom 16. Dezember 1987 11a RK 1/86 fest. Weil die Folgen der Taubblindheit, die unbeschreibliche Isolation und die außergewöhnliche Schwierigkeit, das Grundbedürfnis der Information zu befriedigen, durch Lesegeräte mit Braillezeilen im erheblichen Umfang beseitigt werden können, muss die Erforderlichkeit dieser Hilfsmittel bejaht werden.

Zwar sind Lesegeräte mit Braillezeilen teurer als solche mit Sprachausgabe, doch weil Taubblinden nur mit dieser Technik der ausreichende Zugang zur Information erschlossen werden kann, liegt eine 'begründbare Relation zwischen Kosten und Heilerfolg', wie sie vom Bundessozialgericht gefordert wird (Urteil vom 21. November 1991 - 3 RK 43/89 - mit weiteren Nachweisen) vor. Dem Wirtschaftlichkeitsgebot von § 12 Absatz 1 SGB V wird also entsprochen, so dass die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen bejaht werden muss.

Die Situation, wie sie sich für taubblinde Menschen darstellt, lässt sich durch folgende Zitate aus einem Brief des taubblinden Reinhold Winter aus Hanau verdeutlichen: 'Die Technik ist für den einen eine Bereicherung, aber für den Taubblinden ist sie das Fenster zur Umwelt ... Hätte ich diese Technik (Lesegerät mit Braillezeile), würde ich diese gleich nutzen, um den Hörrest zu schonen. Dazu dann noch Ausschnitte aus Zeitungen, Bücher lesen usw. - ist das nicht der entscheidende Fortschritt? Man spricht so gerne vom Nachteilsausgleich, könnte man hier nicht den schlimmsten Nachteil ausgleichen, den doppelt Behinderte noch zur Blindheit haben? ...

Täglich hört man zwar von den Sorgen der Krankenkassen ... aber wie beginnt unser Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ist es etwa menschenwürdig, wenn ich hier sitze, den Stuhl spüre, auf dem ich sitze, das Essen zu mir nehme, das man mir vorsetzt und wenn ich Glück habe, auch einmal wie ein Tier ausgeführt werde? Ist das alleine die Würde des Menschen? Gehört nicht die Teilnahme am Leben dazu, die Möglichkeit zu wissen, was ringsum geschieht? Die Möglichkeit, so oft man will, Nachrichten aufzunehmen, ja, trotz allem einigermaßen an der Politik teilzunehmen? Was denn sonst macht die Würde des Menschen aus? Einen Platz, ein Lager, Nahrung, Luft hat doch jedes Lebewesen! ... dass jeder einen demütigenden Kampf gegen eine übermächtige Bürokratie kämpfen muss, um zu diesem Recht (Recht auf Information durch Gewährung eines Hilfsmittels) zu kommen, ist einfach zu viel!' Ich kann Herrn Winter nur beipflichten.


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Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Verbandszeitschrift Sichtweisen (vormals: 'Die Gegenwart')
Homepage: https://www.dbsv.org/verbandszeitschrift-sichtweisen.html

Sichtweisen erscheint in verschiedenen Formaten: als sehbehindertengerechte Schwarzschrift-Ausgabe, in Punktschrift zum Lesen mit den Fingern oder zum Hören auf der DAISY-CD 'DBSV-Inform', die zusätzlich die Hörzeitschriften der DBSV-Landesvereine enthält.

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0114/0006


Informationsstand: 25.05.1993

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