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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Tinnitus

Wenn Geräusche zur Qual werden



Autor/in:

Dickerhof, Klaus


Herausgeber/in:

Deutscher Schwerhörigenbund e.V. (DSB)


Quelle:

DSBreport, 2007, Heft 3, Seite 10-17, Berlin: Eigenverlag, ISSN: 0172-7753


Jahr:

2007



Abstract:


Führende deutsche Wissenschaftler berichten über das Krankheitsbild Tinnitus, dessen Symptome, seinen Verlauf sowie mögliche Behandlungs- und Präventionsmaßnahmen. Eine erhebliche Anzahl der Bevölkerung leidet unter teilweise unerträglichen Schmerzen, verursacht durch Phantomgeräusche, deren Ursache noch weiter erforscht werden müssen.

Nach Schätzungen fühlen sich Millionen Deutsche durch ihren Tinnitus im Alltag belästigt, bei vielen führt Tinnitus sogar zu Konzentrations- und Schlafstörungen, Depression und Angstzuständen. Aufgrund seiner Subjektivität ist das Tinnitusphänomen naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden nur beschränkt zugänglich. Deshalb sind die verantwortlichen auditorischen Mechanismen noch weitgehend ungeklärt, ihr Verständnis wäre aber für eine Therapie und Prävention von zentraler Bedeutung.

Im Gehirn führen verminderte oder fehlende Erregungen oft zur Überkompensation. Einige Nervenzellen erhalten zu wenig Hemmung und werden ständig erregt: Man hört einen Tinnitus. Experimente ergaben weiterhin erstmalig direkte Hinweise auf eine mögliche Beteiligung von limbischen Gehirnstrukturen (Amygdala) an der Tinnitusentstehung. Eine Beeinträchtigung des Hörvermögens kann zu Tinnitus führen. Stress ist dabei der entscheidende Faktor.

Eine Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusus) kann vorliegen, wenn Menschen auf Geräusche mit unangenehmen oder gar schreckhaften, körperlichen und seelischen Reaktionen reagieren. In der Folge werden dann zunehmend Geräusche vermieden, wodurch es wieder zur Verstärkung der Geräuschempfindlichkeit kommt.
Der fehlende Lautheitsausgleich bei Schwerhörigkeit (Recruitment) kennzeichnet ein Phänomen bei Schwerhörigen, die gleichzeitig empfindlich gegen alles zu laute sein können. Dabei konzentriert sich die Geräuschempfindlichkeit auf die Töne und Frequenzen, in denen der Hörverlust am größten ist.
Die Zusammenhänge zwischen Schwindel, Schwerhörigkeit und Tinnitus erklären sich zum Teil aus anatomischen Gegebenheiten: Im Innenohr liegen das Gleichgewichtsorgan und das Hörorgan unmittelbar nebeneinander. Wichtigster Schritt der Therapie ist es, vom behandelnden zum wieder handelnden Menschen mit eigener Kompetenz zurückzufinden. Dies erreicht man am ehesten über eine ausführliche Information über die Ursachen des Schwindels sowie gegebenenfalls eine zusätzliche psychologische Begleitung.

Die Behandlung von chronischem Tinnitus mit medizinischen Methoden im Sinne einer direkten Beeinflussung der Ohrgeräusche ist bis heute nicht möglich. Das Therapieziel ist, dass die Ohrgeräusche im Alltag möglichst selten und weniger störend wahrgenommen werden. Die Patienten sollen Strategien erlernen, sich selbst aktiv von den Ohrgeräuschen abzulenken und sich trotz erhöhter Stressbelastung besser entspannen zu können. Zum Behandlungskonzept gehört eine umfangreiche Aufklärung über das neurophysiologische Tinnitus-Modell. Dazu kommen Gespräche über Belastungsfaktoren und Bewältigungsmöglichkeiten, Entspannungsübungen und Stressmanagement, Sport und Bewegungstherapie, Bäder und Massagen sowie Schulung der Hörwahrnehmung auf Außengeräusche.

Ein stationärer Aufenthalt in einer Tinnitus-Klinik muss als medizinische Rehabilitationsmaßnahme beantragt werden. Kostenträger ist bei Berufstätigen die Rentenversicherung, ansonsten die Krankenkasse. Zur Notwendigkeit einer stationären Rehabilitation muss bei Berufstätigen die berufliche Leistungsfähigkeit gefährdet oder vermindert sein. Bei nicht Berufstätigen erfordert der herabgesetzte Gesundheitszustand eine stationäre Behandlung. Ambulante Therapiemöglichkeiten müssen ausgeschöpft sein beziehungsweise nicht zur Verfügung stehen.

Die Erkenntnis, dass chronischer Tinnitus nicht im Ohr, sondern im Gehirn entsteht, erklärt, dass die Ursachen, die den Tinnitus auslösen, zwar oft im Ohr, oft aber auch in anderen Bereichen liegen, zum Beispiel in Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems oder des Nervensystems und des Gehirns, in Stoffwechselerkrankungen, Funktionsstörungen der Muskeln und Bänder der Halswirbelsäule und in akuten sowie chronischen psychischen Überbelastungen (Stress). Die Diagnostik und Behandlung von chronischem Tinnitus erfordert deshalb immer eine sehr sorgfältige multidisziplinare Beteiligung verschiedener medizinischer Spezialfächer. Wichtig ist zunächst, den Tinnitus mit seinen Eigenschaften durch eine genauere Befragung des Patienten (Anamnese) und durch eine Tinnitusanalyse genau zu klassifizieren und dadurch erste Schlüsse auf seine Ursache zu ziehen. Eine gute Diagnostik ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung von chronischem Tinnitus. Die ungezielte Anwendung von Infusionen, Bestrahlungen, zum Beispiel mit Lasern, oder Beruhigungsmitteln wird den heute bestehenden Kenntnissen über den Tinnitus nicht gerecht und erfolgt oft zum Schaden der Betroffenen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


DSBreport
Das Erscheinen der Zeitschrift wurde 2010 eingestellt.
Homepage: https://www.schwerhoerigen-netz.de/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0129/6269


Informationsstand: 01.10.2007

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