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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Immer in Bewegung


Autor/in:

Belitz, Gunther


Herausgeber/in:

k. A.


Quelle:

HANDICAP, 2009, 16. Jahrgang (Heft 1), Seite 78-83, München: Belitz & Neumann


Jahr:

2009



Abstract:


Am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Fachhochschule Bielefeld ist das Kompetenzzentrum für Bewegungsvorgänge (KfB) angesiedelt. Dort wird das Verhalten von Rädern und Rollen wissenschaftlich untersucht und im Rahmen eines Forschungsprojekts auch die Optimierung des Rollstuhlkomforts erforscht. Der Autor fasst erste Ergebnisse und viel versprechende Ansätze für die zukünftige Entwicklung zusammen.

Das Projekt Optimierung des Rollstuhlkomforts hat sich auf manuelle Rollstühle fokussiert. Begonnen wurde mit einer repräsentativen Befragung von Rollstuhlnutzern, Therapeuten und Pflegekräften, Rollstuhlherstellern und Fachhändlern, um den Begriff des Komforts aufzuklären. Dabei stellte sich heraus, dass die Qualität vieler Rollstühle derart mangelhaft ist, dass sie für die Nutzer eher eine zusätzliche Behinderung darstellen.

Als wichtigste Kriterien für einen komfortablen Rollstuhl wurden von jeweils mehr als 80 Prozent der befragten Nutzer eine körpergerechte, gut angepasste Sitzposition, hohe Kippsicherheit und Fahrstabilität, große Wendigkeit und Manövrierfähigkeit sowie ein geringer Kraftaufwand beim Antrieb des Rollis angegeben. 88 Prozent der Nutzer erachteten eine gute Beratung und individuelle Anpassung als ziemlich bis äußerst wichtig. Diese erhalten sie im Reha-Fachhandel doch nur selten.

Für querschnittgelähmte Menschen gibt es seit langem hervorragende Aktivrollstühle und eine professionelle Betreuung schon in den Reha-Zentren. Optimierungsbedarf bestehe hingegen vor allem bei Menschen mit neurologischen Erkrankungen, die von leichten und aktivierenden Rollstühlen besonders profitieren würden. Außerdem gebe es in neurologischen Kliniken große Defizite beim Rollstuhlgebrauchstraining.

Stef Beumer hat den niederländischen Hilfsmittelhersteller Revab aufgebaut und 2005 verkauft und in Kleve eine neue Firma gegründet. Seiner Ansicht nach ist Sitzen ein dynamischer Prozess. O4 WheelChair präsentierte 2005 den ersten Roll-Stuhl mit einer Sitzeinheit wie ein Autositz in Leichtbauweise. Dieses so genannte RCA-Sitzsystem, das für Remote Continuos Adjustable steht, ist eine flexible und adaptive Konstruktion mit individueller Sitz- und Rückengeometrie.

Mittels einer Fernbedienung kann die Sitzeinheit stufenlos eingestellt werden. Dabei sorgen die dynamisch-elastischen Materialien für gute Federung und Dämpfung. Das Sitzsystem lässt sich mit unterschiedlichen, von O4 als Carrier bezeichneten Rollstuhl-Untergestellen zu einer funktionellen Einheit verschmelzen. O4 ist Partner des Forschungsprojekts und stellt seine Rollstühle für die Prüfungen und Messungen mit Probanden zur Verfügung. Außerdem liefert O4 verschiedene Lenkgabeln, Lenkräder und Kugellager.

Im Rahmen des Forschungsprojekts zeigte sich sehr deutlich, wo die Probleme im Alltagseinsatz liegen. Auf den letzten beiden REHACARE-Messen hatte die Fachhochschule Bielefeld ihre Apparaturen zusammen mit O4 im Sportcenter des Behinderten-Sportverband Nordrhein-Westfalen e.V. (BSNW) aufgebaut und eine Fahrwiderstandsoptimierung angeboten. Bei der Vier-Punkt-Waage wurde neben dem Gesamtgewicht von Fahrer und Rollstuhl auch die Lastverteilung auf die Räder ermittelt.

Dabei stellte sich heraus, dass bei vielen Nutzern zu viel Gewicht auf den vorderen Lenkrädern liegt. Dies macht den Rolli zwar kippsicherer, erhöht aber den Fahrwiderstand. Die Experten gehen hingegen davon aus, dass zwischen 80 und 90 Prozent des Gesamtgewichts auf den hinteren Antriebsrädern liegen sollten. Bei der Messung der Fahrwiderstände auf dem Rollstuhl-Ergometer mit Kraftsensoren zeigte sich beim schlechtesten Rollstuhl auf der REHACARE bei einer konstanten Geschwindigkeit von 6 km/h ein Energieaufwand, der etwa der Belastung beim Hochsprinten von Treppen entspricht.

Die Werte des leichtgängigsten Rollstuhls hingegen glichen denen eines gemütlichen Spaziergangs. Die Laufreifen spielen neben mangelhafter Konstruktion und individuellen Einstellungen eine zentrale Rolle beim Fahrwiderstand. So zeigte sich auf der REHACARE, dass der von den Herstellern empfohlene Luftdruck zu weniger als 50 Prozent eingehalten wurde. Dabei gilt sowohl für Antriebs- als auch für Lenkräder, dass harte Reifen den Fahrwiderstand reduzieren.

Professor Dr.-Ing. Ralf Hörstmeier, Maschinenbau-Professor an der Fachhochschule Bielefeld, möchte in einem nächsten Schritt alle Rollstuhl-Entwickler bei einer Fachtagung an einen Tisch bringen, um die Erfahrungen zu diskutieren und Maßnahmen zur Optimierung des Rollstuhlkomforts ins Auge zu fassen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Projekt Optimierung des Rollstuhlkomforts | REHADAT-Forschung




Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


HANDICAP - Das Magazin für Lebensqualität für Menschen mit Behinderungen und ihre Freunde
Homepage: http://www.handicap.de

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0130/7139


Informationsstand: 18.06.2009

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