Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Der japanische Weg ins Arbeitsleben


Autor/in:

Leonhardt, Annette; Sachsenhauser, Katja


Herausgeber/in:

Verband Sonderpädagogik e.V. (vds)


Quelle:

Zeitschrift für Heilpädagogik, 2007, 58. Jahrgang (Heft 12), Seite 487-496, München: Reinhardt, ISSN: 0513-9066


Jahr:

2007



Abstract:


Die Autorinnen stellen den Einstieg hörgeschädigter Schulabsolventen in das Arbeitsleben beziehungsweise die berufliche Eingliederung Hörgeschädigter in Japan vor.

Grundlage der Untersuchung ist ein DAAD-Projekt zum Thema: Das Hörgeschädigtenwesen in Deutschland und Japan - eine Studie zur vergleichenden Hörgeschädigtenpädagogik im internationalen Kontext des Lehrstuhls für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Shiga-Universität in Otsu sowie der Universität in Tsukuba in Japan.

Zur Verdeutlichung der Situation der jeweiligen Länder werden zunächst die Ausbildungssysteme in Deutschland und Japan allgemein vorgestellt. Während in Deutschland für Schulabgänger eine spezifische Ausbildung in einem Fachbereich vorgesehen ist, werden in Japan junge Menschen mit bestimmten Schlüsselqualifikationen in einem Betrieb zum Generalisten ausgebildet. Sie verbleiben dazu in jeder Abteilung für mehrere Jahre und erwerben dort neue Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für den Betrieb nützlich erscheinen. Das bedeutet, dass der jeweilige Arbeitnehmer für den Betrieb über die Jahre hinweg immer wertvoller wird, wobei vom Einzelnen ein entsprechendes Engagement bezüglich Fortbildung und Flexibilität verlangt wird. Allerdings können japanische Schüler bereits zwei Jahre vor dem Abitur Schwerpunkte in der Fächerkombination wählen, mit denen sie auch berufliche Qualifikationen sammeln können.

Um Menschen mit Hörbehinderung in Japan bestmöglich auf den oben geschilderten beruflichen Alltag vorbereiten zu können, bestehen Bildungseinrichtungen, die im weiteren exemplarisch vorgestellt werden.

Die National School for the Deaf, University of Tsukuba in Ichikawa City ist die einzige nationale Schule darunter. An ihr kann die gesamte Schulbildung von der Grundschule bis zum Abitur durchlaufen werden. Da sich das Einzugsgebiet der Senior Highschool über ganz Japan erstreckt, sind die Schüler in einem Internat untergebracht. Ihre Standards orientieren sich größtenteils an den der Schulen mit hörenden Schülern, um eine breite und an die allgemeinen Anforderungen angepasste Ausbildung zu gewährleisten. In den höheren Klassen gibt es Unterricht in Gebärdensprache. Die Schule hat drei Grundsätze zur Ausbildung ihrer Schüler gesetzt:

1. Die Entwicklung der Potenziale der Schüler bestmöglich entwickeln.
2. Beteiligung und Engagement in der pädagogischen Forschung und Weiterbildung, um neue und geeignete Lehr- und Trainingsmethoden anzuwenden.
3. Lehrerausbildung durchführen und Weiterbildungen für Lehrer anderer Schulen für Hörgeschädigte.

Mit diesen Grundsätzen sowie mit spezieller Ausbildung in Fächern wie Business und Computer, Kunst und Design sowie Zahntechnik bemüht sich die Schule ihren Schülern einen möglichst guten Start ins Berufsleben zu geben.

Die Tokyo Metropolitan Katsushika School for the Deaf wurde aus zwei bereits länger bestehenden Schulen gegründet. Mit dem Zusammenschluss entstand ein Schulkonzept, das die Vermittlung von Wissen und die Ausbildung von Fähigkeiten gleichermaßen berücksichtigt. So wird auf dieser Schule stark darauf geachtet, dass die Schüler von Anfang an eine individuelle Förderung erhalten, die an ihren Anlagen und Fähigkeiten orientiert ist. Um eine optimale Betreuung zu gewährleisten, werden regelmäßige Besprechungen mit einzelnen Schülern durchgeführt sowie Informationsveranstaltungen veranstaltet und Eltern zu Einzelbesprechungen einberufen. Außerdem gibt es intensive Vorbereitungen und Unterstützung für die Aufnahmeprüfungen an weiteren Bildungsinstitutionen sowie eine umfassende Nachbetreuung der Entlassungsschüler.

Weitere Bildungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten für Menschen mit Hörbehinderung bestehen in Rehabilitationszentren wie dem National Rehabilitation Center for Persons with Disabilities und dem National Vocational Rehabilitation Center for Persons with Disabilities in Tokorozawa City im Großraum Tokio. Dort werden die unterschiedlichsten Trainings- und Rehabilitationsleistungen erbracht. So wird zum Beispiel gehörlosen Menschen Gebärdensprache beigebracht, Kurse in allgemeiner Bildung wie japanische Sprache oder Mathematik angeboten oder in Kursen berufliche Fertigkeiten wie Metallverarbeitung vermittelt.

Während das National Rehabilitation Center alle Menschen mit Behinderung unterstützt, ist das National Vocational Rehabilitation Center speziell für Menschen mit Hörschädigung vorgesehen. Dazu berät es einerseits Arbeitnehmer und evaluiert deren Fähigkeiten und Fertigkeiten. Gleichzeitig bekommen auch Arbeitgeber, die Hörbehinderte beschäftigen, Unterstützung. Spezielle Schulungen für Arbeitnehmer werden in den Bereichen Maschinen, Elektronik, Wartung und Instandhaltung von Computersystemen, Entwicklung von Software, Systembetreuung, bürokaufmännische Tätigkeiten sowie Buchhaltung angeboten.

Nach der erfolgreichen Vermittlung in ein Arbeitsverhältnis warten auf viele Japaner mit Hörbehinderung weitere Schwierigkeiten: zwar sieht die japanische Rechtsprechung vor, dass für gewisse Situationen Dolmetscher vom Arbeitgeber engagiert werden sollen. In der Realität reichen die finanziellen Mittel dafür aber meist nicht aus oder organisatorische Gründe sprechen gegen ihre (kurzfristige) Einstellung. So sind hörgeschädigte Arbeitnehmer auf die Unterstützung ihrer Arbeitskollegen und Vorgesetzten angewiesen. Für viele bedeutet das eine Benachteiligung, die in schlechten Aufstiegschancen, Kommunikationsproblemen und Missverständnissen resultiert.

Deshalb hat die Japanese Federation of the Deaf, die sich seit sechs Jahrzehnten für die Belange Hörgeschädigter einsetzt, sich zum Ziel gesetzt, die Öffentlichkeit noch mehr auf die Situation Hörgeschädigter am Arbeitsplatz aufmerksam zu machen. Dazu führt sie eine Studie zur Arbeitszufriedenheit Hörgeschädigter durch. Mit den Ergebnissen erhofft man sich eine größere gesellschaftliche Anerkennung der Hörgeschädigten in der Arbeitswelt. Dieses Engagement stieß auch im deutschsprachigen Raum auf Interesse, so dass neue Projekte in dem Bereich gestartet wurden.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Zeitschrift für Heilpädagogik
Homepage: https://www.verband-sonderpaedagogik.de/zeitschrift/index.ht...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0132/6440


Informationsstand: 18.12.2007

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