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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Situationen, Lebenswelten, Biografien - Persönliche Budgets im konkreten Fall


Autor/in:

Kastl, Jörg Michael


Herausgeber/in:

Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung e.V. (BAG UB)


Quelle:

impulse, 2006, Nummer 38 (Ausgabe 2), Seite 3-10, Hamburg: Eigenverlag, ISSN: 1434-2715


Jahr:

2006



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Abstract:


SGB I und SGB IX schreiben die Regelungen zum Persönlichen Budget vor, das an Menschen mit Behinderungen ausgezahlt werden soll. Dort heißt es, die Budgets sollen so bemessen sein, dass sie den individuellen Bedarf decken, um am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen oder um Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben zu erreichen.

In den Jahren 2001 bis 2005 wurde in Baden-Württemberg ein Modellprojekt zur Erprobung des Persönlichen Budgets durchgeführt. Erst durch die Berichte der Empfänger ist es möglich zu ermitteln, was tatsächlich ihr individueller Bedarf ist und was sie zur Teilhabe am Gesellschafts- und Arbeitsleben brauchen. Der Autor stellt in seinem Vortrag deshalb fünf Teilnehmer an dem Projekt und deren Geschichte vor.

Als erstes wird Hannes W. porträtiert. Er hat eine psychische Erkrankung, hört Stimmen und hat starke Ängste. Seine Ausbildung kann er 1985 nur gerade so zum Abschluss bringen. Ende der 80er Jahre kommt es bei ihm erstmals zu starken psychotischen Episoden. Darauf folgen stationäre Aufenthalte in Kliniken und zur Erhaltung seiner Erwerbsfähigkeit auch zu Arbeitsmaßnahmen und sozialpsychiatrischer Betreuung. Ende der 1990er Jahre nehmen bei ihm Suizidtendenzen zu und insgesamt verschlechtert sich sein Zustand so weit, dass er schließlich Rente wegen Erwerbsunfähigkeit zugesprochen bekommt.

Im Jahr 2003 wird ein Antrag auf Persönliches Budget für Hannes W. bewilligt, in welchem ihm 600 Euro zugesprochen werden. Diese geben ihm die Freiheit, Hobbies wie Gitarre und Karate auszuüben, die ihn in seinem Alltag stabilisieren. Aber er muss das Geld auch nutzen, um weitere Klinikaufenthalte und erneute krankheitliche Rückschläge zu finanzieren.

Das zweite Beispiel ist das von Helene K., einer ebenfalls psychisch erkrankten Frau, die hauptsächlich unter Depressionen, Ängsten und Zwangssymptomen leidet. Mit Hilfe ihres Mannes und ihrer Schwester organisiert sie den größten Teil ihres Alltags. Mit dem Persönlichen Budget, das ihr zusteht, hat sie ferner auch die Möglichkeit, andere helfende Verwandte mit Geschenken und Geld zu entlohnen. So bewahrt sie sich vor vollständiger Abhängigkeit von diesem Personenkreis. Dies gibt ihr das Gefühl, dass ihr Leben lebenswerter ist als vor Erhalt des Budgets.

Die Brüder Gerhard und Manfred S., beide mittlerweile über 60, konnten sich mit ihrem Persönlichen Budget Hilfen organisieren, um trotz ihren Behinderungen im Haus ihrer Eltern bleiben zu können. Nach dem Tod der Mutter waren die beiden auf sich gestellt. Da sie noch weitgehend selbstständig sind, gelang ihnen die Organisation ihres Alltags einigermaßen. Mit einer gesetzlichen Betreuerin sowie mit ihrer Teilnahme an einem Projekt des ambulant betreuten Wohnens konnten die Sauters den Umzug in ein Heim verhindern.

Peter L. ist gehörlos und gilt als geistig behindert. Nach dem Tod seines Vaters als letztem Angehörigen stellt sich die Frage, wo er wohnen kann beziehungsweise ob er in ein Heim ziehen muss. Da die Lohmanns in ihrer Kleinstadt sehr gut integriert waren und Peter somit über einen tragenden Freundeskreis verfügt, erfährt er von diesem viel Unterstützung bei der Durchsetzung seines Wunsches auf selbstständiges Wohnen in ambulanter Betreuung. Gegen die Vorstellungen von Behörden und professionellen Betreuern erreicht er dieses Ziel schließlich. Das Persönliche Budget ermöglicht ihm dies von finanzieller Seite her.

Bei Kathrin H., heute Ende vierzig, wird Mitte der 80er Jahre eine multiple Sklerose mit chronisch progressivem Verlauf diagnostiziert. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte schränkte sich ihre Bewegungsfähigkeit dramatisch ein. Ihre Ehe hält der Belastung nicht stand, weshalb Frau H. mit ihrer Tochter allein in ihrer Eigentumswohnung bleibt. Diese lässt sie behinderungsgerecht umbauen.

Ihre Erwerbsfähigkeit wird zunehmend geringer, gleichzeitig steigt ihre Pflegebedarf. Die H.s wollen jedoch trotz ihrer schwierigen Lage in ihrer Wohnung bleiben. Aus diesen Gründen stellt Kathrin H. 2002 einen Antrag auf Persönliches Budget. Dieses wird ihr neben anderen Leistungen erst 2004 nach langem Hin und Her zugesprochen. Die langwierigen Diskussionen mit den Behörden kosteten nicht nur Zeit, sondern auch Geld und Nerven und stellten sich nach Bewilligung des Antrages zusätzlich noch als vollkommen unnötig heraus.

Aufgrund der positiven wie negativen Aspekte zum Persönlichen Budget in den Beispielen, zieht der Autor das Fazit, dass die Bewilligung von Geldern vereinfacht oder zumindest nicht allein bürokratischen Aspekten unterworfen werden kann und soll. Am sinnvollsten ist die Bewilligung des Budgets, wenn nicht genau bekannt ist, was der Budgetnehmer braucht. Schließlich liegt die Stärke der Zahlungen darin, Spielräume zu ermöglichen.


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Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


impulse - Fachmagazin
Downloadmöglichkeit bei der BAG UB unter:
Homepage: https://www.bag-ub.de/veroeffentlichung/typ/958

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0141/3376


Informationsstand: 29.09.2006

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