Inhalt

Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Autismus


Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe durch berufliche Rehabilitation


Autor/in:

Martin, Matthias


Herausgeber/in:

Bundesagentur für Arbeit (BA)


Quelle:

Nürnberg: Eigenverlag, Online-Ressource, 2004, Stand: April 2004


Jahr:

2004



Abstract:


Autistische Syndrome sind gekennzeichnet durch eine hochgradige interpersonelle Kontaktstörung. Bei autistischem Verhalten handelt es sich um eine tief greifende Entwicklungsstörung. Mehr oder weniger scharf wird der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) von einer autistischen Persönlichkeitsstörung (Asperger-Syndrom) abgegrenzt. Die Art der beruflichen Eingliederung ist vor allem abhängig von dem erreichten Leistungsniveau und der Sprachentwicklung. 15 bis 20 Prozent der Betroffenen gehören zu der Gruppe mit hohem Funktionsniveau. Für sie kommt eine Ausbildung in einem Berufsbildungswerk (BBW) oder in einer sonstigen Reha-Einrichtung in Frage; Übergänge auf den Arbeitsmarkt sind dann möglich. Für autistische junge Menschen mit mittlerem oder niedrigem Funktionsniveau ist eine Beschäftigung in der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) anzustreben.

BESCHREIBUNG

Verbreitung:
Vier bis fünf von 10 000 Kindern und Jugendlichen sind von einem frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) betroffen. Unter Zugrundelegung dieser Zahlen muss in der Bundesrepublik mit etwa 5 000 autistischen Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen fünf und 15 Jahren gerechnet werden. Das Asperger-Syndrom ist mit vier bis sieben pro Tausend betroffene Kinder häufiger als der frühkindliche Autismus.

Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom):

Der frühkindliche Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die bereits vor dem 30. Lebensmonat diagnostizierbar ist.

Wesentliche Kennzeichen der Störung sind:
- qualitative Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen Beziehungen;
- Beeinträchtigungen der Kommunikation und der Fantasie; ein deutlich eingeschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen (zwanghaftes Bestehen auf Gleicherhaltung der Umweltbedingungen mit Panik und Angst bei Veränderungen, mannigfaltige stereotype Verhaltensweisen, das heißt sich wiederholende Bewegungen, Äußerungen und Haltungen);
- besondere Sprachauffälligkeiten: Nach verzögerter Sprachentwicklung lernen die Kinder erst spät, die eigene Person mit ich zu bezeichnen, die erlernte Sprache wird oft nicht kommunikativ benutzt und ist durch sprachliche Neubildungen (Neologismen) und durch Dysgrammatismus gekennzeichnet. 50 Prozent der autistischen Kinder entwickeln keine Sprache auf der Bedeutungsebene;
- die Intelligenzentwicklung ist häufig gestört. Bei etwa 75 Prozent der autistischen Menschen sind die geistigen Fähigkeiten eingeschränkt;
- annähernd ein Drittel der Betroffenen entwickelt bis zum frühen Erwachsenenalter ein Anfallsleiden (Epilepsie).

Unter dem Gesichtspunkt der beruflichen Integrationsmöglichkeit kann man den frühkindlichen Autismus nach dem erreichten Entwicklungsniveau unterteilen. Die Höhe dieses Niveaus wird beeinflusst durch Merkmale wie das Ausmaß des autistischen Rückzugs, durch Sprachauffälligkeiten, das erreichte Leistungsniveau und das Vorhandensein besonderer Fertigkeiten.

Dabei lassen sich grundsätzlich drei Stufen differenzieren:
1) Autistische Menschen mit hohem Entwicklungsniveau (15 bis 20 Prozent aller autistischen Jugendlichen) sind zurückgezogen, kontaktgestört und haben reduzierte soziale Fertigkeiten, besitzen aber durchschnittliche, manchmal überdurchschnittliche intellektuelle oder sprachliche Fähigkeiten. Sie können sich später von der Kontaktstörung etwas befreien, bleiben aber auffällig im sprachlichen Bereich, im Denken und im Sozialverhalten. Beispielsweise sprechen sie gestelzt und beachten gesellschaftliche Konventionen wenig. Frühkindlich Autistische mit einem hohen Entwicklungsniveau werden als high-functioning-Autismus (HFA) bezeichnet. Es ist umstritten, ob das Asperger-Syndrom zuverlässig von high-functioning-Autismus abgegrenzt werden kann, einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass dies möglich ist. Eine weitere offene Frage ist, ob das Asperger-Syndrom und der high-functioning-Autismus lebenslänglich anhalten und stabile Zustände darstellen, oder ob es im Verlauf Übergänge von einer Störung zur anderen gibt.

2) Autistische Menschen mit mittlerem Entwicklungsniveau sind in ihren Intelligenzleistungen oft eingeschränkt, ziehen sich stärker zurück und sprechen entweder gar nicht, sehr reduziert oder schwer verständlich. Sie zeigen später deutlichere emotionale Auffälligkeiten sowie vielfach Stereotypien und zwanghaftes Verhalten.

3) Autistische Menschen mit niedrigem Entwicklungsniveau weisen ähnliche Merkmale auf wie die mittlere Gruppe, haben aber noch deutlichere Defizite im intellektuellen Bereich (etwa vergleichbar den Schweregraden einer mittleren bis schweren geistigen Behinderung), in der Wahrnehmung und in der Motorik. Auch im Jugendlichen- und Erwachsenenalter bleiben Intelligenzminderung, Stereotypien, zum Teil fehlende Sprachentwicklung und zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten bestehen.

Autistische Persönlichkeitsstörung (Asperger-Syndrom):

Beim Asperger-Syndrom überwiegt deutlich das männliche Geschlecht. Auch hier steht im Vordergrund die qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion und Kommunikation. Sehr charakteristisch sind die hochspezialisierten Sonderinteressen der Betroffenen (zum Beispiel Auswendiglernen von Fahrplänen, hochspezifische Interessen für das Wetter oder den Schmelzpunkt aller Metalle). Die Sprache ist früh und vollständig ausgebildet, besitzt aber keinen kommunikativen Charakter. Die kognitive Entwicklung ist normal. Das Syndrom ist mit der Kategorie der schizoiden Störungen im Kindesalter verwandt, allerdings ist unklar, in welchem Maße sich beide Syndrome überschneiden. Differenzialdiagnostisch müssen ferner Störungsbilder mit Schizophrenie, Zwangsstörungen, Tourette-Syndrom, non-verbale Lernstörungen und verschiedene andere Störungen des Kindes- und Jugendalters in Erwägung gezogen werden. Im frühen Erwachsenenalter kann die Unterscheidung zwischen annähernd normal begabten Personen mit frühkindlichem Autismus und solchen mit Asperger-Syndrom schwierig sein, da die Verhaltensweisen sich dann sehr ähneln.

Prognosen lassen sich wie folgt aus mehreren Längsschnittuntersuchungen über autistische Kinder und Jugendliche zusammenfassend ableiten: Ein bis zwei Prozent sind im Erwachsenenalter fast unauffällig, 5 bis 15 Prozent bewegen sich im Grenzbereich zur psychopathologischen Auffälligkeit, 16 bis 25 Prozent bleiben weiterhin auffällig, lassen sich aber relativ gut in beschützten Institutionen betreuen, bei 60 bis 75 Prozent muss die Prognose als schlecht bis sehr schlecht bezeichnet werden, das heißt, sie sind stets auf fremde Hilfe angewiesen. Etwa die Hälfte der schwerer beeinträchtigten Personen muss langfristig in betreuenden Institutionen untergebracht werden (zum Beispiel Einrichtungen beziehungsweise Wohngruppen für geistig behinderte Menschen). Diese Quote steigt mit dem Lebensalter an. Autistische Symptome werden vor allem verhaltenstherapeutisch behandelt (zum Beispiel Einüben von Verhaltensmustern). Die Analyse der Lebenswege frühkindlicher Autisten im Erwachsenenalter zeigt, dass im dritten und vierten Lebensjahrzehnt noch Zugewinne an Kompetenz und Autonomie eher im Arbeitsleben als im häuslichen Bereich erzielt werden. Die signifikant günstigeren Verläufe des Asperger-Syndroms setzt sich auch im Erwachsenenalter fort. Der Mangel an Empathie und sozialen Kontaktmöglichkeiten wird von den Betreffenden als Verlust erlebt.

BERUFSWAHL


Schulbesuch:

Die schulische Situation autistischer Kinder und Jugendlicher ist insgesamt nicht befriedigend geregelt. Betroffene mit mittlerem und niedrigem Funktionsniveau besuchen meist Schulen für geistig Behinderte (annähernd 60 bis 70 Prozent), Schülerinnen und Schüler mit höherem Funktionsniveau besuchen Förderschulen/Schulen für Lernbehinderte oder auch - im Rahmen der Einzelintegration - Grund-, Haupt- und Realschulen, die von nicht behinderten Kindern besucht werden. Die Berufsorientierung ist dabei - im Rahmen des Berufswahlunterrichts - an den Inhalten des jeweiligen Schultyps ausgerichtet.

Anzustreben ist, dass möglichst viele autistische Kinder an integrativen Maßnahmen teilnehmen, da durch das gemeinsame Lernen mit nicht autistischen Kindern soziale Anregungen und Entwicklungsanreize im sozialen und emotionalen Bereich gegeben sind. Ohne entsprechende Integrationsmaßnahmen müssen auch gut begabte autistische Kinder häufig die genannten Sonderschulen besuchen, schwächer begabte werden aufgrund autismusspezifischer Symptome gelegentlich auch aus Sonderschulen ausgeschult (Heimunterbringung oder Betreuung durch die Eltern).

Berufliche Beratung:

In allen Fragen der Berufswahl leistet die Agentur für Arbeit Hilfestellung, und fördert - je nach individuellem Bedarf - die berufliche Eingliederung. Im Mittelpunkt steht dabei die persönliche Beratung der Jugendlichen, in enger Zusammenarbeit mit den Eltern (Angehörigenarbeit) und der Schule. Mehrere persönliche Beratungsgespräche sind notwendig, um zu Ergebnissen zu gelangen. Aufgrund des besonderen Sprachgebrauchs autistischer junger Menschen (komplizierte, symbolische Ausdrucksweise) kann es vielfach zu Missverständnissen kommen. Deshalb ist es wichtig, vertraute Personen (Betreuer und Eltern) auch als Übersetzer an den Gesprächssitzungen zu beteiligen. Zur Klärung der beruflichen Eignung und in Fragen der Diagnostik ziehen die Mitarbeiter des REHA-Teams in der Regel den Ärztlichen und den Psychologischen Dienst der Agentur für Arbeit hinzu.

Berufliches Spektrum:

Grundsätzlich ungeeignet sind Berufe und Tätigkeiten, die Gruppen- oder Teamarbeit erfordern, die mit Publikumsverkehr oder wechselnden Aufgaben verbunden sind. Dagegen lassen sich ausgeprägte Sonderinteressen und -fähigkeiten, auf die bereits hingewiesen wurde, auch im Hinblick auf Ausbildung und Beruf nutzen. Autistische junge Menschen können sich nur äußerst schwer auf neue Situationen und Bedingungen umstellen. Insofern sind prinzipiell Berufe und Tätigkeiten gut geeignet, bei denen Arbeiten in gewohnter Weise, täglich gleich bleibend und in ruhiger, vertrauter Umgebung ausgeführt werden. So wurde im Einzelfall die Ausbildung in Berufen wie Gärtner/Gärtnerin, Tischler/Tischlerin oder Handelsfachpacker/Handelsfachpackerin erfolgreich absolviert. Einschränkend ist jedoch darauf hinzuweisen, dass nur etwa zehn Prozent der autistischen jungen Menschen sich den Anforderungen einer Berufsausbildung gewachsen zeigen, weil neben dem erreichten kognitiven Leistungsniveau die psychopathologischen Auffälligkeiten entscheidend für die Ausbildungsfähigkeit sind.

BERUFLICHE EINGLIEDERUNG


Berufsvorbereitung:

Autistischen jungen Menschen muss im Prozess der Berufswahl - aufgrund der benannten Umstellungsschwierigkeiten - viel Geduld entgegengebracht und ein erhöhter Zeitbedarf eingeräumt werden. Viele verfügen nach Abschluss ihrer schulischen Bildung noch nicht über eine berufliche Reife, die eine Berufsausbildung auf direktem Weg aussichtsreich erscheinen lässt. Es ist deshalb sinnvoll, eine längere Phase der Berufsvorbereitung vorzuschalten, als Vorstufe für eine Integration in anerkannte Ausbildungsberufe. Auf diese Weise lässt sich zugleich vermeiden, dass es im Einzelfall zur Ablehnung prinzipiell ausbildungsfähiger Jugendlicher kommt, die dann meist an eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) verwiesen werden.

Betriebliche Berufsausbildung:

Nur in ganz seltenen Fällen wird es gelingen, autistische junge Menschen mit dem höchsten Entwicklungsniveau zur Ausbildung an verständnisvolle Betriebe zu vermitteln. Sie bedürfen stets einer besonderen Betreuung, denn sie haben fast immer Schwierigkeiten in der sozialen Anpassung oder in der Bewältigung neuer und unvorhergesehener Ereignisse. Bei einer betrieblichen Berufsausbildung sind deshalb ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) erforderlich; außerdem ist eine finanzielle Förderung für Betriebe möglich (Ausbildungszuschüsse).

Berufsbildungswerk (BBW):

1993 haben in 28 Berufsbildungswerken in Deutschland 75 junge Menschen mit Autismus oder mit autistischen Zügen eine Ausbildung absolviert. Wie aus Untersuchungen hervorgeht, ist zum Zeitpunkt der Aufnahme in das Berufsbildungswerk nur bei jedem Zweiten die Symptomatik bekannt. Offensichtlich handelt es sich bei dem genannten Personenkreis um junge Menschen mit mittlerem und hohem Funktionsniveau: Drei Viertel verfügen über einen Hauptschulabschluss oder einen höheren Bildungsabschluss. Die Jugendlichen wurden vorwiegend in regulären Ausbildungsgängen (und nicht nach besonderen Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen) ausgebildet. Es ist aber bisher nur in wenigen Fällen gelungen, die Absolventen in eine adäquate berufliche Tätigkeit zu vermitteln. Der Bundesverband Hilfe für das autistische Kind empfiehlt aufgrund der vorliegenden Erfahrungen mit der Ausbildung autistischer Jugendlicher in Berufsbildungswerken eine Konzentration auf sechs bis acht - regional gestreute - Einrichtungen (BBW) im Bundesgebiet, in denen mehrere autistische Jugendliche gleichzeitig eine Berufsausbildung erhalten können.

Aufnahme in ein BBW:

Diagnostische Erkenntnisse müssen dem BBW umfassend mitgeteilt werden, weil nur so einem (Ausbildungs-) Abbruch vorgebeugt werden kann. Die Kenntnis der Gesamtproblematik autistischer Bewerber, aber auch ihrer besonderen Begabungen und Fähigkeiten ist Grundvoraussetzung für die Erstellung eines autismusspezifischen individuellen Förderplans. Es ist wichtig, dass Berufsbildungswerke, die von Autismus betroffene Ausbildungsbewerber aufnehmen, über eine Kontaktperson verfügen, die sich mit der Problematik autistischer Menschen hinreichend auskennt. Eine solche Kontaktperson kann die Mitarbeiter im Wohn- und Ausbildungsbereich auf ihre Aufgaben angemessen vorbereiten und diese nach der Aufnahme des Jugendlichen anleiten und beraten sowie die Kontakte zu Eltern und externen Therapeuten halten. Die Aufnahme in ein Berufsbildungswerk sollte vorbereitet werden durch ein intensives Vorstellungsgespräch, an dem Eltern und möglichst auch externe Betreuer und Therapeuten beteiligt sind. Ein mindestens zwei- bis dreitägiges Probewohnen sollte Jugendlichen und Betreuern die Gelegenheit bieten, sich besser kennen zu lernen. Wegen der Umstellungsschwierigkeiten ist gegebenenfalls über einen längeren Zeitraum als üblich eine Phase der Abklärung der beruflichen Eignung und Arbeitserprobung zu organisieren. Die besonderen Schwierigkeiten autistischer Ausbildungsteilnehmer macht es häufig notwendig, von allgemeinen Vorgehensweisen abzusehen.

Ausbildungsbedingungen im BBW:

Die Ausbildung in einem BBW wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie sich so modifizieren lässt, dass sie auf die speziellen Schwierigkeiten autistischer Menschen Rücksicht nimmt. Folgende Bedingungen erscheinen angemessen: Die Ausbildungsgruppe ist möglichst klein zu halten und muss von einem einzigen Ausbilder (konstante Bezugsperson) geleitet werden. Der Arbeitsplatz ist individuell zu gestalten, als Einzelarbeitsplatz mit Schutz vor Publikumsverkehr. Unter Umständen sollte in Abstimmung mit der zuständigen Stelle (Kammer) auf bestimmte Ausbildungsinhalte verzichtet werden. Außerdem ist die Ausbildungszeit von vornherein länger anzusetzen als bei behinderten Auszubildenden ohne autistisches Syndrom. Bei den Ausbildern sind spezielle Kenntnisse über das Behinderungsbild notwendig. Entsprechendes gilt für die fachkompetente Betreuung im Internat (Wohnen) des Berufsbildungswerks.

Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM):

Etwa 50 bis 60 Prozent der autistisch behinderten Menschen werden nach abgeschlossener Schulbildung in die Werkstatt für behinderte Menschen aufgenommen. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Betroffenen findet jedoch keine Aufnahme in eine Werkstatt für behinderte Menschen. Dies ist begründet durch besonders starke Verhaltensschwierigkeiten (etwa starke Stereotypien, Aggressionen oder Autoaggressionen). Wenn die Betroffenen in Alltagsverrichtungen und in der Selbstversorgung (Waschen, Anziehen, Essen, Toilettengang) auf Hilfe angewiesen sind, gelten sie vielfach aufgrund ihres außerordentlichen Pflegebedürfnisses als nicht in eine Werkstatt für behinderte Menschen integrierbar. Häufig scheitert die Aufnahme in eine Werkstatt für behinderte Menschen bereits im Eingangsverfahren, weil autistische Menschen beim Übergang in eine andere Lebenssituation besonders gefährdet sind. Wegen der besonderen Umstellungsschwierigkeiten muss eine langsame Gewöhnung an die neue Umgebung gewährleistet sein, etwa durch zunächst nur stundenweise Anwesenheit während des Eingangsverfahrens. Auch hier gilt das Prinzip der Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern und Therapeuten, um eine Aufnahme in die Werkstatt für behinderte Menschen zu gewährleisten.

Berufsbildungsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen:

Nach erfolgreich abgeschlossenem Eingangsverfahren erfolgt die Übernahme in den Berufsbildungsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen. Diese Fördermaßnahme dauert nach der Werkstättenverordnung maximal zwei Jahre. Es ist zu überprüfen, ob diese Zeit ausreicht, um autistische Menschen auf eine Tätigkeit im Arbeitsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen vorzubereiten. Während der Berufsbildungsphase muss im Rahmen eines individuellen Förderplans erprobt werden, unter welchen Bedingungen eine Eingliederung möglich ist. Hierzu gehört auch die Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen sowie ein berufsschulisches Angebot. Der Übergang vom Berufsbildungsbereich in den Arbeitsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen sollte flexibel gestaltet werden, durch gleitende Übergänge, die den individuellen Fähigkeiten und Belastungsmöglichkeiten angepasst sind und der besonderen Störanfälligkeit autistischer Menschen bei einer Veränderung von Abläufen Rechnung tragen. Die Zuweisung in eine Abteilung für Schwerstbehinderte sollte erst dann erfolgen, wenn alle anderen Möglichkeiten der Förderung ausgeschöpft sind.

Arbeitsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen:

In den Arbeitsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen wird sich ohne Probleme nur eine kleine Gruppe autistisch behinderter Menschen eingliedern. Der weitaus größere Teil wird bei den gegenwärtigen Gegebenheiten durch schwankende Leistungen und durch ein wechselhaftes Verhalten imponieren, sodass immer wieder ein Ausschluss aus dem Arbeitsbereich droht. Die Rahmenbedingungen und die Bedingungen der Produktion führen oft zu Überforderung. Die Integration gelingt am besten in Kleingruppen, und wenn der Produktionsablauf möglichst gleichbleibend und ohne Wechsel organisiert ist, sodass sich das Arbeitstempo individuell anpassen lässt. Außerdem muss die Möglichkeit zu einer Krisenintervention durch therapeutisch erfahrene Betreuer gegeben sein, wie auch eine kontinuierliche Anleitung und Supervision der Mitarbeiter der Werkstatt für behinderte Menschen.

Rehabilitationseinrichtungen für psychisch kranke und behinderte Menschen:

Eine Bündelung medizinischer (psychiatrischer), beruflicher und psychosozialer Maßnahmen lässt sich bei psychopathologisch stärker gestörten autistischen jungen Menschen in einer Rehabilitationseinrichtung für psychisch kranke und behinderte Menschen erreichen (Rehabilitation, medizinisch-beruflich). Hier können psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungsmaßnahmen, das Training der Fähigkeiten zur selbstständigen Lebensführung, die Abklärung von beruflicher Eignung und Neigung, die Durchführung von berufsvorbereitenden Maßnahmen, Arbeitserprobung, Praktika sowie Arbeitstrainingsmaßnahmen koordiniert und intensiv durchgeführt werden. Ziel dieser Reha-Einrichtungen ist es, die Fähigkeiten der Rehabilitanden so weit zu entwickeln, dass eine Wiedereingliederung auf dem jeweils erreichten Niveau möglich wird (zum Beispiel beschützter Arbeitsplatz, Ausbildung im Berufsbildungswerk, im Berufsförderungswerk oder im Betrieb, Integration in die Werkstatt für behinderte Menschen).

Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt:

Die allgemeine Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt lässt es zunehmend schwierig erscheinen, für die intellektuell nicht oder nur geringfügig beeinträchtigten jungen Menschen mit Autismus-Syndrom eine entsprechende Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden, selbst wenn sie über einen qualifizierten Bildungsabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Es sind verschiedene Modelle entwickelt worden, um die stufenweise Integration autistisch behinderter Menschen in öffentliche Arbeitsprozesse möglich zu machen. Dies betrifft eine nachgehende Betreuung beim Übergang von einer Ausbildung in Reha-Einrichtungen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt oder auch in Selbsthilfefirmen, die begleitende Betreuung durch psychosoziale Dienste oder Arbeitsassistenzen, flexible Formen der Probebeschäftigung.

Weitere Beispiele sind ausgelagerte Produktionsgruppen der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM), die zusammen mit einem Gruppenleiter der Werkstatt für behinderte Menschen in einem Wirtschafts- oder Dienstleistungsbetrieb arbeiten. So können die Arbeits-, Produktions- und Sozialbedingungen eines Betriebs erlernt werden, als Vorstufe für eine spätere berufliche Integration in einen solchen Betrieb. Auf diese Weise ist es möglich, individuelle Beschäftigungsplätze - im Sinne eines anerkannten Werkstattplatzes - in Betriebe auszulagern. Solche Beschäftigungsplätze können umgewandelt werden in teilgeschützte Arbeitsplätze außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen. Diese Maßnahmen müssen durch fachkundige Kontaktpersonen begleitet werden, die sowohl den Betrieb wie die Mitarbeiter beraten. Die Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bedeutet nicht zuletzt, dass bei der Auswahl der Tätigkeitsbereiche die kommunikativen Besonderheiten autistischer Menschen berücksichtigt werden, dass an Flexibilität, Kommunikationsbereitschaft und soziale Kompetenz nicht zu hohe Anforderungen gestellt werden und dass bezüglich der Arbeitsabläufe, des Arbeitsrhythmus und des Zeitdruckes bei der Arbeit entsprechende Zugeständnisse möglich sind. Am günstigsten ist eine kleine Arbeitsgruppe mit festen sozialen Beziehungen und Regelungen.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Graue Literatur / Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bundesagentur für Arbeit (BA)
Homepage: https://www.arbeitsagentur.de/veroeffentlichungen/veroeffent...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

VT0036


Informationsstand: 24.04.2007

in Literatur blättern