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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Schädigung des Zentralen Nervensystems


Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe durch berufliche Rehabilitation


Autor/in:

Gobiet, Wolfgang


Herausgeber/in:

Bundesagentur für Arbeit (BA)


Quelle:

Nürnberg: Eigenverlag, Online-Ressource, 2004, Stand: April 2004


Jahr:

2004



Abstract:


Aufgrund seiner komplexen Struktur reagiert das Gehirn auf schädigende Einflüsse mit ausgeprägten und langdauernden Störungen, welche in der Regel mit erheblichen Folgeschäden verbunden sind.

Ursächlich kommen in Betracht: Folgen von Unfällen (Schädel-Hirn-Verletzungen), Durchblutungsstörungen und Hirnblutungen sowohl spontan als auch infolge von Gefäßmissbildungen und nachfolgenden neurochirurgischen Eingriffen wie Angiomen und Aneurysmen, Entzündungen des Gehirns und seiner Hüllen, geburtstraumatischer oder kreislaufbedingter cerebraler Sauerstoffmangel und die Folgen degenerativer Erkrankungen wie multiple Sklerose oder Morbus Parkinson.

Aufgrund des komplexen und nicht immer vorhersehbaren Störungsbildes ist die schulische und berufliche Förderung äußerst schwierig. Sie bedarf grundlegender Kenntnisse der zu erwartenden Schädigungsfolgen, der notwendigen rehabilitativen Maßnahmen sowie des differenzierten, an der individuellen Situation ausgerichteten Förderinstrumentariums. Es ist unumgänglich, alle Möglichkeiten der medizinischen, schulischen und beruflichen Förderung zu nutzen. Dies betrifft sowohl Jugendliche als auch Erwachsene. Neben den organischen Folgen der erworbenen Hirnschädigung sind bei Jugendlichen die sozialen und beruflichen Bindungen und Entwicklungen noch nicht gefestigt. Auch die finanzielle Absicherung reicht häufig nicht aus, ein selbstständiges Leben zu führen. Bei Erwachsenen sind zusätzlich die psychosozialen und verhaltensmäßigen Folgen der Schädigung ausgeprägt, sodass auch hier eine gezielte Förderung notwendig wird.

Leitsymptome einer ausgeprägten Hirnschädigung bestehen in komplexen Folgeerscheinungen mit tieferen Graden der Bewusstseinsstörung bis zur Bewusstlosigkeit sowie schweren Störungen der unbewussten (vegetativen) Funktionen des Körpers, welche eine längere intensivmedizinische Behandlung erforderlich machen. Die meisten Patienten weisen auch nach Abschluss der Krankenhausbehandlung noch erhebliche Folgezustände auf.

Hierzu gehören besonders:
- Verminderung der intellektuellen-kognitiven Funktionen des Gehirns wie Konzentration, Aufnahme- und Denkfähigkeit, neu- und mittelfristiges Gedächtnis, optische und akustische Wahrnehmungsfähigkeit, Minderung der körperlichen und geistigen Belastbarkeit in zeitlicher Hinsicht, Störungen des Sprachverständnisses und der Sprachwiedergabe (Aphasie = Sprachbehinderung), Erkenntnis- und Handlungsstörungen (Agnosien und Apraxien), Wesensveränderung mit gestörter örtlicher, zeitlicher und situativer Orientierung sowie Verhaltens-auffälligkeiten, vor allem unter Stressbedingungen. Hier kann es zu einem mehr kindlich geprägten Verhaltensmuster mit distanzlosem Verhalten kommen. Charakteristisch sind auch frühzeitige Versagenszustände unter Belastungssituationen, welche durchaus aggressive Züge bewirken können (bei einer nicht zu bewältigenden Belastung).
- Motorische Hemmungen der Fein- und Grobbewegung in den oberen und unteren Extremitäten, der Koordinationsfähigkeit in den Händen, im Rumpf und im Kopf. Diese Funktionsverluste führen zu schweren Krankheitsbildern (Gehunfähigkeit, Rollstuhlabhängigkeit) und vegetativen (Harnblase, Stuhl- und Urinfunktion) Funktionsausfällen.
- Minderung der Oberflächen- und Tiefenempfindung (Sensibilität und Temperaturempfindung).
- Fehlsteuerung der so genannten unbewussten Körperfunktionen mit Blutdruckschwankungen, Neigung zu erhöhtem Schwitzen, Herzrhythmusstörungen aber auch Stoffwechselentgleisungen (Innere Krankheiten).
- Beteiligung des Sinnessystems mit Gesichtsfeldausfällen, einseitiger oder völliger Blindheit, erheblichem Verlust des Sehvermögens (Blindheit und Sehbehinderung), aber auch Auftreten von Doppelbildern.
- Ein- oder doppelseitige Minderung des Hörvermögens bis hin zur Ertaubung (Hörstörungen).
- Mitbeteiligung des Gleichgewichtsorganes mit Schwindelerscheinungen beim Sitzen oder Gehen, aber auch bei plötzlicher Kopfbewegung.
- Verlust des Riechvermögen mit nachfolgender Störung des Geschmacks.
- In der Spätphase nach der Verletzung kommt es bei etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen zum Auftreten von epileptischen Anfällen, welche in der Regel zwar medikamentös einstellbar sind, deren Beginn und Verlauf jedoch trotz der modernen Untersuchungstechnik nicht immer vorhersehbar sind (Anfallsleiden/Epilepsie).
- Beteiligung der Extremitäten und der Wirbelsäule mit Brüchen der Knochen und Schädigung der Gelenke (Körperbehinderungen).

Die beschriebenen Fähigkeitsstörungen des Gehirns können einzeln auftreten, werden jedoch normalerweise in Kombination beobachtet, wodurch die Auswirkung für den Betroffenen noch tief greifender und deren Wechselwirkungen nicht vorhersehbar sind.

Bei den meisten Betroffenen kommt es unter intensiver zielgerichteter und zeitlich ausreichender Förderung zu einer zunehmenden Besserung dieser Fähigkeitsverluste.

Nach degenerativen Erkrankungen wie der multiplen Sklerose können die Folgen sich zunehmend verschlechtern, sie verlaufen aber auch wellenförmig mit kürzeren oder engeren Abschnitten der gebesserten Leistungsfähigkeit oder kommen in Einzelfällen ganz zum Stillstand. Nach cerebralen Krampfanfällen ist ein ähnlicher Verlauf zu beobachten. Auch hier kann es unter medikamentöser Therapie zu einer völligen Symptomlosigkeit kommen. Die Anfälle treten aber auch in kürzeren oder längeren Abständen trotz guter medikamentöser Einschränkungen auf. Es kann sich auch das Erscheinungsbild ändern, indem große Anfälle mit plötzlicher Bewusstlosigkeit, Hinstürzen sowie körperlichen Reaktionen in kleine Anfälle übergehen mit angedeuteter Bewusstlosigkeit sowie rascher Erholung.

Altersstruktur
Nach unfallbedingten Schädel-Hirn-Verletzungen werden im Wesentlichen jüngere Patienten betroffen sein mit einem Durchschnittsalter um das 25. Lebensjahr. Zumeist befinden sie sich noch in der schulischen oder beruflichen Ausbildung, wobei im Gegensatz zu älteren Patienten der soziale und berufliche Bereich auch nach Abschluss einer entsprechenden Ausbildung keinesfalls gefestigt ist. Hirnblutungen treten in allen Altersgruppen auf. Dies betrifft auch Patienten nach Hirntumoren. Degenerative Erkrankungen sind in der Regel im mittleren und höheren Lebensalter anzutreffen. Allerdings gibt es auch eine Gruppe von jüngeren Betroffenen, welche von der Multiplen Sklerose befallen werden.

Bedeutung der medizinischen Rehabilitation
Wie die Erfahrung zeigt, reicht die spontane Erholungsfähigkeit des Gehirns in den meisten Fällen nicht aus, die eingetretenen Funktionsstörungen auszugleichen. Deshalb ist ohne eine konsequente und intensive medizinische Rehabilitation sowie anschließende schulische oder berufsfördernde Maßnahmen eine Eingliederung in den sozialen, schulischen oder beruflichen Bereich in der Regel nicht möglich. Dies bedeutet, dass Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation zwangsläufig auf die Krankenhausbehandlung folgen und der beruflichen oder schulischen Förderung vorgeschaltet sein müssen. Angesichts der dargestellten Komplexität der Folgen einer erworbenen oder angeborenen Hirnschädigung kann ohne gezielte Steuerung des Ablaufes die erfolgreiche Wiedereingliederung nur in Ausnahmefällen erwartet werden. Das heißt, ohne Kenntnis der zu erwartenden Folgeschäden des Krankheitsverlaufs sowie des Ablaufs der Reha-Kette (Rehabilitation, Phasen) ist eine fundierte Beratung und Förderung im Rahmen der sozialen, schulischen und beruflichen Wiedereingliederung nicht möglich (SGB IX).

Phasen der Rehabilitation
Die Rehabilitation dieser Patientengruppe wird in verschiedenen Abschnitten vollzogen:

- Frührehabilitation
Es gilt, den Patienten im Stadium der Bewusstseinstrübung oder der Bewusstlosigkeit anzuregen, um ihn zu geordneten und gezielten Handlungen auf geistigem und körperlichem Gebiet zu bringen (ADAMS = aktive direkte adaptierte multisensorische Stimulation). Ziel der Frührehabilitation ist zunächst die Wiederherstellung der geistigen, körperlichen und motorischen cerebralen Basisfunktionen wie Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit. Frühzeitig kann jedoch nicht nur auf reine Stimulationsverfahren zurückgegriffen werden wie sie in der Mehrzahl der Frührehabilitationsein-richtungen angewandt werden. Es ist vielmehr notwendig, durch gezielten Einsatz der taktilen, akustischen, visuellen und motorischen Aktivierung handlungsorientierte und reproduzierbare Leistungen aufzubauen. Somit ist das eigentliche Ziel der Frührehabilitation neben der weit gehenden lebenspraktischen Selbstständigkeit der Wiedererwerb der motorischen, kognitiven und verhaltensmäßigen Fähigkeiten mit ausreichender Beherrschung von Rechen-, Schreib- und Lesevermögen sowie der ausreichende sprachliche Ausdruck und die Fähigkeit zu objektbezogenen Handlungen (Arbeitstherapie) mit zunehmender körperlicher und geistiger Belastungsfähigkeit.

Nur Einrichtungen der Frührehabilitation, welche aufgrund der organisatorischen und personellen Ausstattung hierzu in der Lage sind, können für die Behandlung von Patienten nach erworbener Hirnschädigung in Frage kommen. Der zeitliche Bedarf ist wesentlich höher anzusetzen als dies in der Rehabilitation normalerweise der Fall ist. So werden Patienten im Durchschnitt 0.9 Jahre in der Frührehabilitation verbringen müssen, um tatsächlich alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Nahtlos und gleitend muss sich dann die medizinisch-berufliche Rehabilitation der Phase II anschließen. Schwerpunkt ist zunächst die Diagnostik der eingetretenen Funktionsstörungen, um durch Erstellung und Durchführung eines Behandlungsplanes mit kontinuierlicher durchgehender Therapie über ausreichend lange Zeit (1-2 Jahre) eine Besserung des Zustandsbildes zu erreichen.Wichtig: geeignete Einrichtung, ausreichende Behandlungszeiten, nahtlos, zielgerichtet.

- Medizinisch-berufliche Rehabilitation (Phase II)
Durch ein multidisziplinäres Team wird der Patient in seiner Gesamtheit (körperliches und geistiges Leistungsvermögen, soziale Kompetenz) weiter gefördert, um die Grundlagen für die berufliche oder schulische Eingliederung zu erreichen. Unter Berücksichtigung der komplexen Schädigungsfolgen liegt die Betonung vor allem auf dem multidisziplinären Charakter der Einrichtung. Somit kommt - wie bei der Frührehabilitation - nur eine begrenzte Anzahl von Reha-Einrichtungen in Frage. Keineswegs sind alle vorhandenen Kur- oder Rehabilitationseinrichtungen - auch wenn sie neurologisch ausgerichtet sind - geeignet, dem dargestellten Patientenkreis gerecht zu werden. Ein Zusammenschluss der geeigneten Einrichtungen erfolgt in der Bundesarbeitsgemeinschaft medizinisch-beruflicher Rehabilitationszentren der Phase II (Rehabilitation, medizinisch-beruflich).

Multidisziplinäre Betreuung
Unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche medizinische Rehabilitation ist die Mitwirkung verschiedener Berufsgruppen.Hierzu zählen: Rehabilitative Pflegekräfte, klinische Neuropsychologen, klinische Pädagogen, Neuropädagogen, Logopäden, Physiotherapeuten, Sprachtherapeuten, Freizeitpädagogen, Ergotherapeuten, Berufstherapeuten verschiedener Fachrichtungen, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter. Das multidisziplinäre Team wirkt unter der Leitung eines rehabilitativ und unfallmedizinisch sowie neurochirurgisch erfahrenen Arztes zusammen. Ein Schwerpunkt bildet dabei zunächst die Diagnostik der eingetretenen Behinderungen, um durch Erstellung und Durchführung eines individuellen und spezifischen Therapieplanes die Änderung des Zustandsbildes zu erreichen. Ausgangspunkt ist die Situation und Leistungsfähigkeit des Betroffenen vor dem Unfall - in sozialer, körperlicher und geistiger Hinsicht.

BERUFSWAHL

Stufenweiser Einstieg
Nach erworbener Hirnschädigung werden die Betroffenen plötzlich mit der Behinderung konfrontiert und aus der bestehenden Lebens-, sozialen, Ausbildungs- und beruflichen Situation herausgerissen. Bereits unter diesem Gesichtspunkt ergibt sich eine besondere Problematik bei der Berufswahl. Vor allem jedoch wegen der komplexen Folgeerscheinungen einer schweren Hirnfunktionsstörung benötigen die betroffenen Patienten hinsichtlich der schulischen und beruflichen Ausbildung oder der Umschulung einen stufenweisen Einstieg, und sie haben generell einen erhöhten Zeitbedarf.

Schulische Förderung
Falls eine weitere schulische Förderung aussichtsreich erscheint, sollten alle Möglichkeiten des gegliederten Schulsystems unbedingt genutzt werden (zum Beispiel Schule für Körperbehinderte), um eine optimale Ausgangssituation für die nachfolgende Ausbildung zu erreichen. Empfehlungen für qualifizierte schulische Abschlüsse oder für ein Studium sind jedoch nicht angebracht, wenn dies aufgrund der Befunde ausgeschlossen ist.

Instrumente der Berufsförderung
Frühzeitig muss entschieden werden, ob die Betroffenen unter Würdigung der medizinischen und therapeutischen Befunde überhaupt Aussicht haben, die ursprüngliche Schul-, Ausbildungs- oder Arbeitsfähigkeit zu erreichen. Im positiven Fall müssen sich die Therapieschwerpunkte schon während der medizinisch-beruflichen Rehabilitation (Phase II) in diese Richtung verlagern. Bestehen Zweifel, sollen die diagnostischen Instrumente der Arbeitserprobung oder Maßnahme zur Abklärung der beruflichen Eignung zum Einsatz kommen.

Bei diesem Vorgehen kann rechtzeitig entschieden werden, ob eine geeignete Berufsausbildung oder Umschulung in Frage kommt oder ob zunächst eine der folgenden beruflichen Fördermaßnahmen in einer Einrichtung der Phase II notwendig ist:
- Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen vor einer Berufsausbildung oder bei noch nicht abgeschlossener Ausbildung
- Anpassungsmaßnahmen über 3-6 Monate für Patienten, welche ihre Ausbildung zum Zeitpunkt des Unfalls abgeschlossen hatten
- oder: weitere schulische Förderung
- oder: Trainingsmaßnahme in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM)
- Rehabilitationsmaßnahmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unter entsprechender fachlicher Begleitung (zum Beispiel Integrationsmaßnahmen, abgestufte Belastungserprobung, Betriebspraktika)
- Rehabilitationsvorbereitungslehrgänge

Mögliche Einschränkungen im Leistungsprofil
Für die weitere Planung muss bedacht werden, dass die Situation nach erworbener Hirnschädigung durch erschwerte Denk- und Lernprozesse, Umstellungsunfähigkeiten, Anpassungsstörungen, verminderte Stressbelastung sowie psychoreaktive Störungen gekennzeichnet ist. Das heißt, bei den Betroffenen können kombinierte und komplexe Schädigungsfolgen auf körperlichem, geistigem, motorischem und verhaltensmäßigem Gebiet auftreten. Häufig werden auch Auffälligkeiten im Sozialverhalten beobachtet.

Es kommt zu gestörtem Anpassungsvermögen und verminderter Gruppenfähigkeit, zu Schwierigkeiten, Termine einzuhalten, bis hin zur Beeinflussung des Tagesrhythmus in dem Sinne, dass die Betroffenen häufig bis in die Mittagsstunden schlafen und dann nicht mehr in der Lage sind, einer geordneten Tätigkeit nachzugehen. Gründe sind in den Schädigungsfolgen mit nachfolgender Chronifizierung der Verhaltensstörung zu suchen. Häufig liegt die Ursache jedoch auch in einer nicht fachgerechten Rehabilitation, wo die Notwendigkeit eines formell und inhaltlich straff strukturierten Tagesablaufs in inhaltlicher und zeitlicher Hinsicht unzureichend berücksichtigt wurde. Auslöser können aber auch übermäßige Zeitspannen zwischen dem Unfall und dem Beginn der Rehabilitation oder zwischen Rehabilitationsende und Beginn der beruflichen Förderung darstellen (missverstandene Intervallbehandlung) oder vorzeitiger Abbruch der Behandlung in einer Einrichtung der Phase II.

Ein wesentlicher Faktor liegt auch in einer nicht sachgemäßen Beratung durch Außenstehende, denen die dargelegten Probleme und Notwendigkeiten fremd sind. Bei der erhöhten Beeinflussbarkeit und dem teilweise kritiklosen Verhalten schädelhirnverletzter Patienten neigen diese dazu, bevorzugt Ratschlägen und Beratungen zu folgen, welche für den Betroffenen einfacher erscheinen. Hierdurch wird dem Rehabilitanden häufig eine erfolgreiche Eingliederung verwehrt.

Patienten und das soziale Umfeld müssen ausreichend motiviert werden, den oft langen und mühseligen Weg der rehabilitativen und beruflichen Förderung konsequent zu gehen und nicht frühzeitig abzubrechen.

Realistische Einschätzung des Leistungsvermögens
Oft sind die Betroffenen nicht in der Lage, das eigene Leistungsvermögen einzuschätzen (Über- beziehungsweise Unterforderung). So entstehen Berufswünsche, die nicht der Realität entsprechen. Die Motivation ist oft ungesteuert und nicht zielgerichtet, wobei häufig Unsicherheiten in der Entscheidungsfindung beobachtet werden. Die Fachkräfte der Agenturen für Arbeit, Reha-Berater und Berufshelfer der gewerblichen Berufsgenossenschaften stehen vor der Schwierigkeit, die subjektiven Angaben des Patienten hinsichtlich der krankheitsbedingten Situation zu deuten und zu werten.

Verunsicherung kann entstehen durch Angaben und Wünsche des Patienten sowie der Angehörigen, die ebenfalls selten in der Lage sind, die Schädigungsfolgen klar einzuschätzen. In einer zeitlich befristeten Beratung oder Untersuchung lassen sich komplexe Ausfälle weder in vollem Umfang noch in ihrer Wechselwirkung feststellen. Hinzu kommt, dass isolierte ambulante Untersuchungen (zum Beispiel psychologische oder medizinische Befunde) eingeschränkt verwertbar sind, weil sie nur im Rahmen der gesamten Behinderung beurteilt werden können. Der nicht regelhafte Krankheitsverlauf birgt zudem eine erhebliche Unsicherheit in der Beurteilung. Deswegen sind die Ergebnisse der medizinischen Rehabilitation in geeigneten Einrichtungen der Phase II mit Früh- und weiterführender Rehabilitation, Arbeitsbelastungserprobungen, Abklärung der beruflichen Eignung, Arbeitstherapie und medizinisch-beruflichen Trainingsmaßnahmen als Entscheidungshilfe notwendig.

Berufe-Spektrum
Aufgrund der komplexen Störungen bei erworbener Hirnschädigung sind eine Reihe von beruflichen Anforderungen in der Regel zu vermeiden.

Hierzu zählen:
- erhöhte Anforderungen an intellektuelle und körperliche Belastbarkeit sowie Geschicklichkeit und Feinmotorik;
- verhaltensmäßige Stabilität;
- durchgehende Verantwortung oder erhöhte Kritikfähigkeit;
- stark wechselnde Anforderungsprofile in zeitlicher oder inhaltlicher Hinsicht.

Eine endgültige Aussage wird man auch hier erst durch eine gezielte Belastungserprobung, Arbeitserprobung oder Abklärung der beruflichen Eignung nach ausreichender und nahtloser Förderung im Bereich der Phase II (1-2 Jahre) erhalten.

Grundsätzlich als gut geeignet haben sich folgende Berufe bewährt:
- kaufmännische Berufe,
- Berufe in Büro und Verwaltung,
- Technischer Zeichner/Technische Zeichnerin, Bauzeichner/Bauzeichnerin,
- Holz verarbeitende Berufe,
- logistische Berufe.

Berufe mit EDV-Unterstützung sind gut geeignet, da durch die technischen Möglichkeiten motorische und visuelle Störungen kompensiert werden können (zum Beispiel CAD, Textverarbeitung). Hier sind jedoch oft Arbeitsplatzanpassungen durch technische Hilfen (zum Beispiel Einhandtastaturen oder vergrößerte Schrift) notwendig.

BERUFLICHE EINGLIEDERUNG

Berufsausbildung
Im Einzelfall kann eine Berufsausbildung in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarkts angestrebt werden. Hier ist die Möglichkeit bei Betroffenen aus dem kaufmännischen/theoretischen Bereich günstiger als nach handwerklicher Tätigkeit. Überwiegend (über 90 Prozent) wird jedoch - nach einer Phase der Berufsvorbereitung - eine institutionelle Förderung der Berufsausbildung notwendig sein, die nur durch geeignete Berufsbildungswerke, Berufsförderungswerke oder sonstige Reha-Einrichtungen zu leisten ist.

Zeitpunkt zur Überleitung in die Berufsförderung/Berufsbildung:
Die Behandlung im Bereich der Phase II hat das Ziel, die krankheitsbedingte Störung durch Einsatz aller medizinisch/therapeutischen Möglichkeiten zu bessern. Im Berufsbildungs-/Berufsförderungswerk soll der Betroffene lernen, mit der eingetretenen Behinderung im schulisch-beruflichen Bereich eingegliedert zu werden. Der verfrühte Übergang aus der Einrichtung der Phase II in das Berufsförderungs-/Berufsbildungswerk oder in die Arbeitserprobung auf dem freien Arbeitsmarkt kann bei den Betroffenen zu sozialen und beruflichen sowie schulischen Problemen führen.

Aufgrund der komplexen Schädigungsformen müssen Maßnahmen zur Berufsvorbereitung, zur Berufsausbildung oder Umschulung inhaltlich und zeitbezogen dem spezifischen Erscheinungsbild der Behinderung entsprechen, und es ist eine enge Verzahnung der medizinisch-beruflichen Rehabilitation (Einrichtungen der Phase II, siehe oben) mit den sich anschließenden Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation gefordert. So benötigen Patienten nach erworbener Hirnschädigung zunächst eine meist vierwöchige Adaptationsphase, um sich auf die neue Situation einzustellen. Darauf sollte eine diagnostische/therapeutische Phase von vier bis acht Wochen folgen. In dieser Zeit wird das individuelle Leistungsvermögen unter äußeren und inneren Bedingungen geprüft. Falls notwendig, werden Korrekturen im therapeutischen Sinne vorgenommen.

Ein wesentliches Ziel dieser Diagnostik ist es, die eingetretenen organischen Störungen und Auffälligkeiten im Sozialverhalten zu erkennen und abzubauen. Vor Beginn der eigentlichen beruflichen Förderung ist es unumgänglich, das Sozialverhalten so weit zu stabilisieren, dass ein erfolgreicher Verlauf möglich erscheint. Erst dann kann entschieden werden, ob direkt eine Maßnahme der beruflichen Förderung durchgeführt werden kann, oder ob die bestehenden Defizite den erneuten Aufenthalt in einer Einrichtung der Phase II notwendig machen. Die schulisch-berufliche Förderung muss nach einem individuellen Förderplan und in integrativen Kleingruppen erfolgen, ausgehend von den Ergebnissen der diagnostischen Phase (beziehungsweise nach einer Abklärung der beruflichen Eignung oder Arbeitserprobung) sowie den Beurteilungen der Rehabilitationseinrichtungen der Phase II.

Die Einrichtungen zur beruflichen Förderung hirngeschädigter Patienten und Patientinnen müssen in ihrer personellen und inhaltlichen Ausstattung dem komplexen Störungsbild (intellektuell, kognitiv und motorisch) Rechnung tragen. Deshalb ist es notwendig, dass am Prozess der beruflichen Rehabilitation Pädagogen, Psychologen, Meister und Ausbilder mit behinderungsspezifischer Qualifikation und Erfahrung beteiligt sind, wobei die kontinuierliche Führung des Patienten durch Ärzte und Sozialarbeiter gesichert wird. Außerdem muss eine begleitende Therapie, zum Beispiel durch Krankengymnasten, Pädagogen, Logopäden und Ergotherapeuten sichergestellt werden (Reha-Fachdienste).

Wenn die Berufsausbildung in einem Betrieb möglich ist, sollte in jedem Fall die Betreuung durch eine erfahrene Ambulanz einer Klinik gewährleistet sein. Die Förderung durch die Agentur für Arbeit umfasst unter anderem ausbildungsbegleitende Hilfen (abH), technische Hilfen und Ausbildungszuschüsse (Finanzielle Förderung). Des Weiteren können Prüfungsmodifikationen, eine Verlängerung der Ausbildungszeit oder eine Berufsausbildung nach besonderen Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen beantragt werden.

Chancen und Risiken
Bei konsequenter Durchführung der beschriebenen Rehabilitationsschritte nach schwerer Hirnschädigung und degenerativen Erkrankungen - mit frühzeitiger Einleitung der weiteren schuli-schen und beruflichen Förderung - haben die meisten Patienten eine gute Möglichkeit, in das Schul-/Berufsleben integriert zu werden. Untersuchungen an größeren Gruppen dieser Patienten haben jedoch gezeigt, dass nach ausgedehnter Schädigung ohne die beschriebene nahtlose Förderung bei höchstens einem Drittel der Betroffenen eine erfolgreiche berufliche Eingliederung zu erreichen ist. Nur etwa 18 Prozent der Betroffenen erreichen eine betriebliche Berufsausbildung. 14 Prozent kamen nach Umschulungsmaßnahmen in eine entsprechende Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. 28 Prozent besuchten eine Werkstatt für behinderte Menschen. Die übrigen Betroffenen blieben ohne berufliche Tätigkeit.

Die Untersuchung an einer Vergleichsgruppe von Patienten, bei denen konsequent alle beschriebenen Maßnahmen durchgeführt wurden, ergab, dass über 60 Prozent aller Erwachsenen und über 70 Prozent aller Schüler und Auszubildenden schulisch beziehungsweise beruflich mit Erfolg integriert werden konnten. Im kaufmännischen Bereich erreichten 66 Prozent der Betroffenen eine Vollzeitbeschäftigung (28 Prozent im Unfallbetrieb, 38 Prozent nach Umschulung). Im gewerblich-technischen Bereich waren es 62 Prozent (22 Prozent im Unfallbetrieb, 40 Prozent nach Umschulung). Bei Personen, die vor der Verletzung eine Anlerntätigkeit ausgeübt hatten, betrug die Eingliederungsquote 74 Prozent, wobei hier im Wesentlichen berufliche Umsetzungen durchgeführt wurden. 22 Prozent erreichten eine höhere berufliche Qualifizierung. Bei den Auszubildenden waren es 69 Prozent, welche nach beruflichen Fördermaßnahmen ihre Ausbildung fortsetzen konnten, 33 Prozent allerdings in einem anderen Berufsbereich.

- Im Original ist eine Tabelle abgebildet, die hier nicht wiedergegeben werden kann. -

Werden alle Möglichkeiten der medizinischen und beruflichen Rehabilitation ausgeschöpft, haben über 60 Prozent der Betroffenen wieder die Möglichkeit, erfolgreich auf dem freien Arbeitsmarkt integriert zur werden. Erfolgt die Behandlung diskontinuierlich, sind es deutlich unter 30 Prozent. Ohne eine entsprechende Behandlung haben nur wenige Betroffene die Möglichkeit, aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen.

Wie eine genaue Analyse zeigt, waren die negativen Verläufe weniger durch die Schwere der ursprünglichen Hirnschädigung als durch einen ungünstigen Verlauf des Rehabilitationsprozesses verursacht. Diese Erkenntnis zwingt alle Beteiligten, gerade bei Patienten mit erworbener oder angeborener Hirnschädigung eine optimale Beratung und eine spezifische medizinische und berufliche Rehabilitation durchzuführen. Hierdurch wird nicht nur ein erheblicher Gewinn an Lebens- und Berufschancen für die Betroffenen erreicht. Die dargelegten Zahlen lassen auch die enorme Bedeutung einer sachgerechten Behandlung von Patienten mit Hirnschädigung aus volkswirtschaftlicher Sicht erkennen.


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Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bundesagentur für Arbeit (BA)
Homepage: https://www.arbeitsagentur.de/veroeffentlichungen/veroeffent...

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Referenznummer:

VT0043


Informationsstand: 24.04.2007

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