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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Suchterkrankungen - Drogen


Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe durch berufliche Rehabilitation


Autor/in:

Fürst, Carola; Beierlein, Hans


Herausgeber/in:

Bundesagentur für Arbeit (BA)


Quelle:

Nürnberg: Eigenverlag, Online-Ressource, 2004, Stand: April 2004


Jahr:

2004



Abstract:


Der gesellschaftlichen Integration und beruflichen Rehabilitation von Drogenkonsumenten wird zunehmend mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Noch bis Ende der 90er Jahre war Drogenabhängigkeit ein Ausschlusskriterium für die Aufnahme in berufliche Rehabilitationseinrichtungen oder in andere berufliche Angebote. Dies zeigte sich auch im Leistungsrecht mit einer klaren Trennung von medizinischer, beruflicher Rehabilitation und sozialer Integration. Öffentliche Leistungen zur beruflichen Integration von Drogenkonsumenten konnten, wenn überhaupt nur über Förderinstrumente für Jugendliche, Arbeitslose, Langzeitarbeitslose oder psychisch kranke Menschen erreicht werden. Die hohe Arbeitslosigkeit von Drogenabhängigen fordert zum Handeln auf.

So wurde die stabilisierende Wirkung von Arbeit und beruflicher Integration in der Drogenhilfe erkannt und in eigenständige berufliche Angebote in vielen Städten umgesetzt. Diese erfolgreichen Integrationsmodelle können für Kooperationen von Berufs- und Drogenhilfe und zur Etablierung von neuen Förderinstrumenten aufgegriffen und bundesweit verbreitet werden. Berufliche Rehabilitation kann analog zum Netz von Hilfen für Drogenkonsumenten differenziert gestaltet werden. Eine individuelle Integrationsplanung berücksichtigt frühzeitig präventive Strategien für jugendliche Drogenkonsumenten, Rehabilitations-Konzepte für langzeitabhängige Drogenkonsumenten und spezifische Maßnahmen für bestimmte Zielgruppen.

BESCHREIBUNG

Begriffsklärung und Sichtweisen
Aussagen zur beruflichen Rehabilitation von Drogenabhängigen bedürfen der Eingrenzung. Aus dem breiten Spektrum des Konsums von Drogen, Medikamenten und Genussmitteln, den vielfältigen Suchtvarianten in unserer Gesellschaft, muss ein Bezug zu den konkreten Personen und ihrer jeweiligen Entwicklung von Drogenabhängigkeit gefunden werden. Erklärungsmuster von Sucht, politische und fachliche Vorstellungen des Umgangs mit Drogenabhängigen und persönliche Sichtweisen erzeugen ein Spannungsfeld. Die folgenden Aussagen zur beruflichen Rehabilitation beziehen sich vorwiegend auf Drogenabhängigkeit (drug dependence) von illegalen Substanzen. Als Hauptsubstanz des Konsums werden Rauschdrogen wie Opiate, im intravenösen Gebrauch, Kokain oder Amphetamin in einem riskanten und problematischem Konsummuster vermutet. Daneben sind Mischkonsum (Politoxikomanie) mit weiteren psychoaktiven Substanzen, Medikamenten, Substituten und auch Alkohol zu berücksichtigen.

Problematischer Drogenkonsum wird definiert als ein Drogenkonsum, der das Risiko schwerer physischer, psychologischer oder sozialer Folgen für den Konsumenten signifikant erhöht ... (EBDD 1999, 10). Die konsumierten Substanzen unterscheiden sich in ihrer Wirkweise, Dosierung und durch die möglichen Konsumformen und Kombinationsvarianten: Sniefen, Rauchen/Inhalieren, Spritzen, Essen/Trinken sind mit bestimmten Risiken und offensichtlichen Folgeerscheinungen, Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial verbunden. Für die umfangreiche Darstellung von Konsumformen und Substanzwirkungen muss auf die Fachliteratur sowie Infomaterial und Websites der Drogenhilfe verwiesen werden (vergleiche Böllinger und andere 1995; Heudtlass/Stöver 2000; Schmidbauer/Scheidt 1998).

Die Sicht von Drogenabhängigkeit als Krankheit und mögliche Begleiterscheinungen und Krankheiten sind Basis für die medizinische und berufliche Rehabilitation. Leistungsrechtlich von Bedeutung sind die Anerkennung einer Schwerbehinderung und die Einstufung als Rehabilitand.

Schwerbehinderung und Drogenabhängigkeit
Die Anerkennung einer Schwerbehinderung bei Drogenabhängigkeit wird nach den Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit befristet möglich, wenn nach chronischem Gebrauch von Rauschmitteln körperliche und/oder psychische Abhängigkeit mit entsprechenden psychischen Veränderungen und sozialen Einordnungsschwierigkeiten einhergehen. Nach einer Entziehungsbehandlung/Therapie wird eine Heilungsbewährung über einen Zeitraum von etwa 2 Jahren abgewartet, in dem eine Behinderung anzunehmen ist (vergleiche BMA 1998, 61 f).

Bei Substitutionsmaßnahmen/-therapien wird in der Regel in der Praxis ein GdB (Grad der Behinderung) von 30 - 50 Prozent ausgesprochen. Eine langfristige Anerkennung des GdB kann durch chronische Krankheiten wie HIV, Aids und verstärkt Hepatitis B und C möglich werden. Weitere Anerkennungsbefunde können durch organische Schäden und körperliche Beeinträchtigungen mit und ohne Bezug zur Drogenbiografie vorliegen.

Verstärkte Aufmerksamkeit erhalten so genannte 'Doppeldiagnosen' oder der Begriff der 'Komorbidität', die zeitlich parallel zur Suchtkrankheit auftretende psychiatrische Krankheitsbilder beschreiben, die ebenfalls eine Anerkennung möglich machen (vergleiche Löhrer 1999, 15f). Doppeldiagnosen werden oft nicht erkannt, da im Kontakt mit Drogenkonsumenten psychische Probleme, Depression und Angst als konsum- und drogenbedingte Symptome erwartet werden. Die Fachlichkeit und geeignete Einrichtungen für diese Problematik müssen erst noch weitgehend entwickelt werden. Aufgrund der bisher erfahrenen Ausgrenzung und Stigmatisierung als Drogenkonsument oder Junkie, fällt es vielen Rehabilitanden schwer, in einer subjektiv positiv wahrgenommenen Lebensphase - in der die berufliche Integration endlich umgesetzt werden kann - eine Schwerbehinderung zu beantragen. Hier sind ein intensives Eingehen auf die Befürchtungen und Informationen zu den sinnvollen Integrationswegen, die sich durch das SGB IX eröffnen, wichtig. Gerade für Substituierte und gesundheitlich stark eingeschränkte Personen eröffnen sich über diese Integrationsleistungen langfristige berufliche Perspektiven.

Begleiterscheinungen von Drogenabhängigkeit
Persönliche, soziale und gesellschaftliche Problemlagen (psycho-soziale Rehabilitation) werden leistungsrechtlich getrennt von der beruflichen, zum Teil auch medizinischen Rehabilitation abgegrenzt. Der Integrationserfolg ist besonders im Bereich der Drogenhilfe von einer ganzheitlichen Sichtweise abhängig. Ohne Schuldenregulierung, neue soziale Beziehungen, befriedigende Wohnsituation, Bewältigung von Prostitutions- oder Missbrauchserfahrungen, Auseinandersetzung mit begrenzter Lebenserwartung bei chronischen Krankheiten und anderes fehlt die tragende Basis der Integration. Beides ist wichtig, die engagierte Bewältigung der berufsbezogenen Aufgaben und Qualifizierungsprozesse und das Eingehen auf die Situation der Betroffenen. Methodisch und organisatorisch können Lösungen zur psycho-sozialen Betreuung entwickelt werden, die den Wunsch nach Normalität und Unauffälligkeit, aber auch notwendiger Unterstützung berücksichtigen. Dabei benötigen Drogenabhängige eine als echt empfundene Bereitschaft zur persönlichen Auseinandersetzung.

PROZESSCHARAKTER VON INTEGRATION UND REHABILITATION

Kooperation von Drogenhilfe und Rehabilitationsinstitutionen
Die Drogenhilfe differenziert sich in ambulante, teilstationäre, stationäre und kombinierte Beratungs- und Behandlungsangebote. Hervorzuheben sind auch die Substitution und Ansätze akzeptierender, niedrigschwelliger Drogenarbeit, deren Bedeutung für die berufliche Integration noch relativ wenig dargestellt wurde. Die Anbindung von beruflicher Rehabilitation an stationäre Langzeittherapien, Adaptions- und Nachsorgephasen entspricht bisher bekannten Ansätzen im Hilfesystem.

Gesamt-Rehabilitation im Kontext biografischer Prozesse
Die Drogenhilfe entwickelt ihre beruflichen Angebote und die begleitende soziale Betreuung in einer ganzheitlichen Sichtweise und spricht vom Gesamt-Rehabilitationsprozess. (vergleiche Frietsch 2000, 181f) Damit fällt der Blick auf sich wechselseitig bedingende biografische Prozesse:

- Im Original ist ein Schaubild abgebildet, das hier nicht wiedergegeben werden kann -

Dies greift auch der Fachverband Sucht e.V. mit seinen Überlegungen zum SGB IX auf, in denen eine Gesamtrehabilitationsstrategie vorgeschlagen wird, mit der die Übergänge zwischen der medizinischen, sozialen, schulischen und beruflichen (Re-)Integration aufeinander abgestimmt werden sollen. Über individuelle Integrationspläne soll frühzeitig, zum Beispiel schon in der medizinischen Rehabilitation ein Case-Management für weitere Schritte und Leistungen erfolgen. Als Leistungspartner können: Integrationsämter (ehemals Hauptfürsorgestellen), Rehabilitationsinstitutionen, Agenturen für Arbeit, Kranken- und Rentenversicherung, Jugendhilfe, Sozialämter und Drogenhilfe einbezogen werden. Die Dauer der Maßnahmen ist flexibel und individuell nach der Situation und den Indikationen zu gestalten. Ferner wird eine enge Anbindung an das Netzwerk der Drogenhilfe angestrebt. Für diese fachlichen Vorgaben müssen neue Finanzierungswege, Vergütungsvereinbarungen und Vorleistungsverpflichtungen in Absprache mit den möglichen Leistungsträgern gefunden werden. Die Behandlungskontinuität ist auch bei suchtspezifischen Unterbrechungen, zum Beispiel bei Rückfallbearbeitung sicher zu stellen.

Drogenbiografie
Drogenabhängigkeit ist ein biografischer Prozess mit unterschiedlicher Dauer und Konsummustern. Durch Szene, Peer-Group, Inhaftierung und anderes werden Sozialisationsprozesse und über die mögliche Wirkweise von psychoaktiven Substanzen physische und psychische Entwicklungen ausgelöst, die eine berufliche Integration erschweren können. Das Training von Schlüsselqualifikationen, Sozialkompetenz, der Umgang mit betrieblichen Autoritätsformen und die Übernahme von Verantwortung wird deshalb einen verstärkten Zeitanteil in allen Angeboten erhalten müssen.

Arbeitslosigkeitsbiografie von Drogenabhängigen
Drogenkonsumenten und Sozialwissenschaft benennen den engen Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Drogenabhängigkeit. Durch ihr Zusammenwirken verstärken sich Marginalisierungsprozesse, die eine berufliche Integration erschweren. Arbeitslosigkeit, besonders Langzeitarbeitslosigkeit ist ein psychosozialer Stressor (vergleiche Kieselbach 1999,22f), der die psychischen und sozialen Probleme von Drogenabhängigen negativ beschleunigen kann. Problematische Auswirkungen von Arbeitslosigkeit erhalten im Kontext mit Drogenabhängigkeit spezifische Ausprägungen, die in der Rehabilitation berücksichtigt werden müssen: neue Tagesstruktur ohne Szenekontakte und Beschaffungsverhalten; Kontaktverlust durch Distanzierung von der gewohnten Konsumgruppe; hohe Verschuldung aus der Drogenkonsumzeit; negative Prognosen aufgrund von chronischen Krankheiten wie Hepatitis oder HIV und andere.

Arbeits- und Schulbiografie
In der Schul- und Berufsbiografie von Drogenkonsumenten finden sich häufig fehlende Schulabschlüsse, abgebrochene Berufsbildungen, nicht erfolgte Berufseinmündung und Entwertung von Qualifikationen und beruflichen Kenntnissen. Charakteristika sind zudem lange Unterbrechungen der Erwerbsarbeit durch Inhaftierung, stationäre Therapien und Zeiten der Szenezugehörigkeit. In Beschäftigungszeiten fallen kurzzeitige, niedrig qualifizierte Jobs, Schattenarbeit und öffentlich subventionierte Beschäftigung (vergleiche Klemm-Vetterlein 1995, 2000). Die Lernkompetenz muss durch geeignete Methoden wieder erworben werden. Die berufliche Schwellenproblematik hat sich vielfach durch Langzeitarbeitslosigkeit und Drogenkonsum verschärft. Bei vorhandenen Berufsausbildungen kann eine Rückkehr nicht empfehlenswert sein, wenn diese mit exzessivem Drogenkonsum verbunden war, oder die aktuelle gesundheitliche Situation die Rückkehr in das alte Berufsbild verhindert. Qualifizierung, (Erst-)Ausbildung oder Umschulung müssen deshalb einen hohen Stellenwert in der Angebotsstruktur erhalten.

Die Integrationsleistung von Erwerbsarbeit und ihre stabilisierende Funktion für Drogenkonsumenten verdeutlicht sich insbesondere in Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten der Drogenhilfe. Arbeitsplätze bieten die Basis für eine erfolgreiche Integration und Stabilisierung der Drogenabstinenz. Dies sind neben legalem Gelderwerb vor allem auch soziale Kontakte, Erfolg, Tätigkeit, Selbstwertgefühl usw. Arbeit kann belastend und entlastend sein. Trends in der Arbeitswelt, zum Beispiel technische Veränderungen, Massenarbeitslosigkeit, Leistungsverdichtung, Tarife und Arbeitszeit, neue Produktionstechnik, Entwertung von Qualifikationen und Berufsbildern betreffen nicht nur den ersten Arbeitsmarkt, sondern beeinflussen auch die berufliche Rehabilitation in ihrer Arbeitsweise und Erfolgsaussichten, dem Erleben von Arbeit und der Branchen- oder Produktwahl. Daraus resultiert für berufliche Konzepte eine Sicht von Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum, sozialer und beruflicher Integration als individuellem, sozialem und gesellschaftlichem Prozess. Drogen- und Berufshilfe bilden ein Netzwerk von Angeboten für individuelle Situationen und Lebenslagen.

BERUFLICHE REHABILITATION UND FACHLICHE STANDARDS

Rahmenziel: nachhaltige berufliche Integration
Der Zielanspruch einer nachhaltigen beruflichen Integration und Rehabilitation am allgemeinen Arbeitsmarkt ist die Grundlage aller Angebote. Die Wege dorthin wurden fachlich differenziert. Wer es nicht oder noch nicht schaffen kann, soll trotzdem die individuell mögliche, beste berufliche Einbindung finden. Gestaltungselemente des Integrationsprozesses sind eigene berufliche Angebote, Projekte und Integrationsfirmen der Drogenhilfe; Kooperationsformen von Drogenhilfe, Firmen und Bildungsträgern; Beratungsangebote wie zum Beispiel Integrationsfachdienste oder die Öffnung von vorhandenen Angeboten und Strukturen der Rehabilitation für ehemalige Drogenabhängige und Substituierte.

Berufshilfe in Trägerschaft der Drogenhilfe: Jobprojekte - Beschäftigung - Qualifizierung
Berufliche Angebote in Trägerschaft der Drogenhilfe sind Jobprojekte (stundenweise Beschäftigung, Zuverdienst), Beschäftigungs-, Qualifizierungs- und Ausbildungsprojekte und Integrationsfirmen (Soziale Betriebe). Schulische Qualifikationen werden in einigen Einrichtungen, zum Beispiel in Kombination mit stationärer Therapie ermöglicht.

Die berufsbezogenen Projekte sind in der Regel für bestimmte Zielgruppen ausgerichtet (ehemalige Drogenkonsumenten, Nachsorge, Frauen, Substitution, akute User) und durch eine Differenzierung in Wochenstunden, Leistungs- und Qualifikationsanforderungen den jeweiligen Indikationen angepasst. Für diese bieten sie Alternativen und Integrationsmöglichkeiten über legalen Gelderwerb, neue Tagesstrukturen, Normalität, soziale Kontakte, Entschuldung, Ausbildung und Qualifizierung in nachgefragten Berufen, Umgang mit neuer Technik, Anspruchserwerb auf Leistungen usw. Arbeitsangebote bieten eine schnelle Situationsänderung und Chance auf dauerhafte Verbesserungen. Dies verdeutlicht sich im Rollenwechsel vom Klienten, zum Mitarbeiter einer sozialen Firma, der qualifizierte und bezahlte Leistungen und Arbeiten für Kunden umsetzt. Dazu sind allerdings angemessene Arbeits-, Leistungsbedingungen, individuelle Förderung und soziale Betreuung notwendig.

Neue Sichtweisen in der berufsbezogenen Drogenhilfe
Aus Beschäftigungsversuchen, die Mitte der 80er Jahre initiiert wurden, entwickelte sich ein eigenständiger Ansatz im Arbeitsfeld der Drogenhilfe. Frühere Konzepte setzten berufliche Rehabilitation als letzten Schritt nach der erfolgreichen Therapie hinten an. Heute wird in Arbeitsprojekten bereits auch in Phasen des Substanzgebrauchs (akut, reduziert, ausstiegsorientiert) oder der Substitution beschäftigt, qualifiziert und integriert. Maßstab ist die aktuell, real abrufbare Arbeits- und Leistungsfähigkeit, eine zeitnahe Situationsveränderung, die als Prozess und Entwicklung der gesamten Persönlichkeit betrachtet wird.

Standards der beruflichen Integration im Netz der Drogenhilfe
Zusammenfassend werden einige fachliche Anforderungen für die berufliche Integration von Drogenkonsumenten in Projekten und Integrationsbetrieben benannt:
- Differenzierung nach Konsumphasen in Zielgruppen (Nachsorge, Substitution, Akutkonsumenten usw.);
- Überschaubarkeit des Projektes, kompakte, kleine flexible Einheiten;
- Gutes Betriebsklima und Arbeitsatmosphäre, feste Arbeitsteams;
- Zeitgemäße Ausstattung, Produktionsmittel, qualifiziertes Fachpersonal:
- Wirtschaftliche, soziale und drogenfachliche Orientierung: Social firm für Drogenabhängige;
- Nachgefragte zukunftsfähige Arbeitsfelder, Branchen oder hohe Spezialisierung in Nischen;
- Differenziertes Leistungsniveau, angemessene Qualitäts- und Arbeitsanforderungen;
- Enge Anbindung an die Drogenhilfe, um an deren fachlichen Entwicklungen teilzunehmen;
- Kooperationsfähigkeit mit anderen Institutionen, Betrieben, Arbeitgebern;
- Verschiedene Bausteine/Module/Profile: flexible Verlaufsformen und/oder stufenweise Integration/ Qualifizierung;
- Differenzierte Einstiegswege: Tagesjobs (Zuverdienst), Teilzeitjobs, berufliche Orientierung;
- Beschäftigung, Qualifizierung, Ausbildung;
- Dauerarbeitsplätze, Betreuung am externen Arbeitsplatz;
- Praktika, Arbeitnehmerüberlassung, Arbeitsplatzakquise;
- Verweildauer an individuelle Entwicklungen, Fort- und Rückschritte angepasst;
- Integrierte Betreuung (Drogenkonsum, Person, Lebenswelt, Schulden, Justiz) plus Kooperation mit Fachberatungsstellen;
- Anlehnung an tariflichen Verdienst plus differenzierte Leistungsanreize;
- Beratungskompetenz zu Arbeit, Arbeitslosigkeit, beruflichen Angeboten in jeder Beratungsstelle, Drogenhilfeeinrichtung aufbauen, Qualifizierung des Personals.

(Vergleiche FDR 1997, mudra 1985-2000)

BERUFLICHE ANGEBOTE FÜR DROGENABHÄNGIGE

Im Kontext eines Netzes von beruflichen Angeboten tritt die Drogenhilfe selbst als Träger, Verbundpartner auf oder in die Kooperation ein. Ferner können drogenfachliche Beratung für Firmen, Bildungszentren, Bildungsmaßnahmen oder allgemeinen Beschäftigungsprojekten usw. bereit gestellt werden. Die Angebotspalette sollte je nach Situation am regionalen Arbeitsmarkt und den vorhandenen beruflichen Integrationsinstitutionen umgesetzt werden.

PROJEKT- UND BETRIEBSFORMEN

Jobprojekte
Charakteristika:
- Interne Betreuung
- Kooperation mit Streetwork Substitutionsambulanz
- Zuverdienstgrenzen (Alhi/Sozialhilfe)
- Auch Teilzeitbeschäftigung möglich
- 6 bis 15 Wochenstunden
- einfache Arbeitsanforderungen/Tätigkeiten
- Anleitung oft durch Sozialarbeiter, wenig Fachkräfte aus der Wirtschaft
- Arbeitsteams 3-6 Personen mit permanenter Anleitung
- Berufliche Orientierung, Arbeitserprobung
- Tagesstruktur, Motivation
- legaler Gelderwerb
- stufenweiser, niedrigschwelliger Arbeitseinstieg
- Vermittlung in Beschäftigungsprojekte
- Oft Low-budget-Projekte mit niedriger öffentlicher Finanzierung
- Offensive Marktteilnahme zur Finanzierung
- Eigenerwirtschaftung 40-60 Prozent
Projekte: Zürich, Nürnberg, Hamburg, Berlin, Wien und andere

Beschäftigungsprojekte
Charakteristika:
- Betreuung im Projekt
- Beschränkte Marktteilnahme
- 19-38,5 Wochenstunden
- Zuweisungskriterien
- Befristung 1-3 Jahre
- Gruppengröße 4-10 Personen
- Fixierung auf bestimmte Arbeiten/Branchen
- Produktionsausstattung eingeschränkt wegen fehlender Finanzierungsmöglichkeiten
- Maßnahmenorientierung
- Eigenerwirtschaftung 15-30 Prozent, selten höher- Arbeitsteilung Fachpersonal/Sozialarbeit
- Oft zu wenig Fachpersonal
- Viele Substituierten-Projekte
- Sehr verbreitetes Angebot, Zugang auch zu nicht spezifischen Maßnahmen für Arbeitslose
- Abhängigkeit von Fördermitteln/-politik
- Arbeitsfähigkeit, berufliche Schlüsselkompetenzen trainieren

Projekte/Adressen/Informationen: http://www.bagarbeit.de

Qualifizierungs- und Ausbildungsbetriebe
Charakteristika:
- Anerkennung als Ausbildungsbetrieb notwendig
- Qualifiziertes Fachpersonal
- Geeignete Aufträge/Kontinuität
- Moderne Produktionsmittel/Betriebsstandards
- Gründungsaufwand erheblich
- Betreuungsschlüssel branchenabhängig
- Entwicklungsstarke Berufsbilder notwendig
- hohe Leistungsanforderungen
- oft Nachsorgeorientierung
- Betreuung intern und extern
- Vorbereitungsphase sinnvoll
- Module/Phasen/Praktika
- Kooperation mit Firmen/Bildungsträgern
- Kleingruppen 2-6 Personen
- Vollzeit, weniger Teilzeit
- Kostenintensiv, Eigenerwirtschaftung möglich, teilweise auch rechtlich ausgeschlossen
- Begrenzte Förderdauer
- Theorie/Praxis, neue Lernmethoden
- Dauer 1-3 Jahre
- Zuweisung durch Kostenträger

Integrationsfirmen
Charakteristika:
- Offensive Marktteilnahme
- marktgängige Förderungen
- GdB, Schwerbehinderung vorausgesetzt
- SGB IX einbezogen
- hohe Akquisitionsarbeit notwendig
- Investitionsbedarf für Dauerarbeitsplätze
- Teil einer aktiven Firmenbewegung aus der Psychiatrie heraus
- unbefristete Dauerarbeitsplätze
- Kooperation mit Industrie
- Koppelung mit Zuverdienstfirmen
- hohe Eigenerwirtschaftung 40-80 Prozent- gute Ausstattung/Modernisierung
- Arbeitsbetreuung intern plus externe Betreuung

Projekte/Literatur/Adressen: siehe unter http://www.integrationsfirmen.de

Bildungsmaßnahmen
Charakteristika:
- Große Gruppen 12-20 Personen
- Vermittlungsquote vorgegeben
- Gute Arbeiterkontakte
- Finanzdruck durch Vergleichsangebote
- Sinnvoll in Ballungsräumen
- Praktika
- Theorie- und Qualifizierungsphasen
- drogenbezogene Betreuung oft extern

Integrationsfachdienste
Bieten flächendeckend nach dem neuen SGB IX in allen Bezirken der Agenturen für Arbeit Beratungsleistungen für Arbeitslose oder auch für Beschäftigte zum Erhalt eines Arbeitsplatzes an. Eine berufsbezogene Beratung von Drogenkonsumenten muss in allen Bereichen der Drogenhilfe als Standard im Hilfesystem entwickelt werden.

Weitere Angebote und Kooperationen
An der Schnittstelle von medizinischer, sozialer und beruflicher Rehabilitation existieren weitere Angebote:
- Nachholen von Schulabschlüssen
- Berufsbildungs-, Trainingszentren, RPK
- Ausbildungsbegleitende Hilfen
- Kombination Therapie/Schule/Ausbildung
- Arbeitstherapie
- Arbeitserprobung
- (gemeinnützige) Arbeitnehmerüberlassung
- Zeitarbeit
- Führerscheinerwerb, Kurse, Zertifikate
- BSHG-Mehraufwand
- Qualifikations-ABM
- Fort- und Weiterbildung

Öffentliche Förderung von Beschäftigung, Qualifizierung und Ausbildung
Arbeitsprojekte oder Soziale Firmen benötigen zu ihrer Existenz und qualitativ guter Arbeit öffentliche Förderungen. Der Anteil der Eigenfinanzierung aus Produktion und Dienstleistung liegt zwischen 20 - 80Prozent und wird durch Arbeitsfeld, Konzept, Fachlichkeit, Leistungsvermögen, graduelle Ausprägung oder Beschränkung der Markteilnahme, Produktionsausstattung usw. bedingt. Durch anteilige Mischfinanzierungen beteiligen sich mehrere öffentliche Geldgeber an den Kosten. Wichtige Akteure sind hier Integrationsämter und Agenturen für Arbeit, Kommunen, Bezirke, Landes- und Bundesregierungen und die Europäische Union.

Die Leistungen entstammen nur zum Teil gesetzlichen Rechtsansprüchen zur beruflichen Rehabilitation. Drogenprojekte akquirieren deshalb Fördermittel aus dem Feld der Jugendberufshilfe, Mitteln zur Integration von Langzeit-Arbeitslosen und schwerbehinderten Menschen (psychisch kranken Menschen) in ihr Finanzkonzept. Viele Subventionen sind freiwillige Leistungen aus befristeten Förderprogrammen. Modellprogramme zur beruflichen Integration von Drogenkonsumenten wurden von Ländern und Bund nur sekundär initiiert. Wirtschaftsförderungen konnten bisher von Sozialen Firmen nur in Ausnahmen erreicht werden. Soziale Firmen kombinieren in ihren Finanzierungsstrategien unterschiedlichste Subventionen: Individualförderungen (für Lohn, Beschäftigung, Unterhalt); Betreuung, Fachanleitung, Qualifizierung, Ausbildung; Investitionen/ Arbeitsplatzeinrichtung; Projektkosten, Verwaltung und Management; soziale Integration, Vermittlung und Nachbetreuung.

PRAXISPROBLME, CHANCEN UND GRENZEN

Schlaglichtartig werden einige Themen aus der Praxis von Integrationsangeboten für Drogenabhängige benannt:

Beigebrauch und Drogenkonsum
Der Umgang mit längerfristigen Rückfällen oder Beigebrauch bei Substitution erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, Fachkompetenz, Sensibilität und Verantwortung. Interventionen erfolgen angepasst an die Zielsetzung und jeweilige Zielgruppe des beruflichen Angebotes. Die aktuell zu erbringende Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung dient in Akzeptanz-orientierten Jobprojekten als Minimalanspruch für die Mitarbeit. Kontinuierlicher Beigebrauch, Rückfälle, Konsum, Substanzbewertung (Cannabis, Alkohol) werden in Qualifizierung- und Ausbildungsprojekten, bei beschäftigten Substituierten oder mit klarer Nachsorgeorientierung differenzierter betrachtet und in der sozialpädagogischen Betreuung bearbeitet und sanktioniert. Durch die Etablierung differenzierter Angebote für bestimmte Zielgruppen wie zum Beispiel Substituierte oder Nachsorgeklienten können klare Zielabsprachen ermöglicht werden. Wichtig ist auch die Beteiligung von drogenerfahrenen Betroffenen, Mitarbeit von Ex-Usern an der Normfindung und deren Kontrolle und eine enge Zusammenarbeit mit der Drogenhilfe. Über die Kooperation mit der Drogenhilfe können zeitnahe Interventionen (ambulante Therapie, Drogenberatung, Nachsorgegruppe, Entgiftung und anderes) vermittelt werden.

Leistungsgrenzen
In der beruflichen Integration von Drogenkonsumenten zeigen sich erhebliche Leistungsschwankungen und individuelle Leistungsgrenzen. Die physische und psychische Belastbarkeit muss erst wieder trainiert und entwickelt werden. Nebenwirkungen von Medikamenten und gesundheitliche Probleme aufgrund von chronischen Krankheiten wirken sich immer wieder im Rehabilitationsprozess, der von starken Diskontinuitäten gekennzeichnet ist, aus. Durch die Arbeitserfahrungen sollen Verbesserungen und eine realistische berufliche Zielsetzung gefunden werden. Davon zu unterscheiden sind Integrationsprobleme wie zum Beispiel Arbeitsmotivation, periodisches Auftreten von Höchstleistung und Leistungsabfall, Über- und Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten, problematische Verhaltensweisen usw. Im Projekt müssen dafür positive Rahmenbedingungen geschaffen werden: realistische Planung von Leistung und Aufträgen; Gruppenbildung mit ausreichend Fachpersonal, leistungsfähigen Mitarbeiter; erfüllbare Eigenerwirtschaftung, technische Ausstattung, Aushilfen und Ersatzpersonal und so weiter.

Soziale Betreuung
Soziale Betreuung wird während oder nach der Arbeitszeit vorwiegend durch interne Sozialarbeiter und weniger in externer Kooperation mit der Drogenhilfe bereitgestellt. Formen sind die informelle Kommunikation am Arbeitsplatz, Einzel- und Gruppengespräche. Der Kontakt mit 6 bis 40 Wochenstunden erlaubt ein intensives kennen lernen, bringt aber auch das dringende Bedürfnis nach Normalität und Arbeitskommunikation ohne pädagogische Ansprüche. Aufgrund der Arbeitsbeziehung keimt der nachvollziehbare Wunsch, alle Betreuungsleistungen (Drogenkonsum, Person, Wohnen, Entschuldung, Rechtsfragen ..) im Projekt abzurufen, ohne Terminabsprachen mit Beratungsstellen. Mit Fortschritten in der beruflichen Integration konzentriert sich die Betreuung mehr auf arbeitsbezogene Themen. Trägerintern sind aufgrund der zweifachen Beziehung Arbeitnehmer/ Klient Absprachen zu Szenekontakten, gegenseitiger Information usw. erforderlich. Weitere Stichworte: Zeitanteile von Betreuung/Arbeit, Überlastung, Auftragsdruck, Rollenvielfalt und Betreuung; Langzeitbetreuung bei mehrjähriger Verweildauer; Erkennen psychischer Probleme; Austausch mit Fachpersonal; Betreuung der Partner, bevorzugte Betreuung (Entgiftung, ambulante Therapie, Schuldenberatung und so weiter); Übergabe bei Beschäftigungsende, Nachbetreuung und so weiter.

Integrationsdauer und Erfolge
Für die berufliche Integration von Drogenabhängigen wurde eine prozessorientierte Sichtweise, bezogen auf die Stabilisierung der Drogenbiografie, psycho-soziale Entwicklung und der beruflichen Rehabilitation vorgeschlagen. Die Dauer dieser Prozesse wird individuell verschieden sein, die vorgesehen Förderdauer oft überschreiten, manchmal auch mehrere Anläufe, Fort- und Rückschritte bringen. Die Praxis unterschiedlicher Arbeits- und Qualifizierungsangebote zeigt allein durch das Angebot von Arbeitsplätzen und Maßnahmen und verstärkt durch individuelle Integrationserfolge eine nicht erwartete Auswirkung in der Drogenszene: Arbeit, Ausstieg aus der Drogenabhängigkeit, Sehnsucht nach Normalität wird thematisiert und aktiviert.


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Dokumentart:


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Bezugsmöglichkeit:


Bundesagentur für Arbeit (BA)
Homepage: https://www.arbeitsagentur.de/veroeffentlichungen/veroeffent...

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Referenznummer:

VT0044


Informationsstand: 24.04.2007

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