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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Teilleistungsstörungen


Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe durch berufliche Rehabilitation


Autor/in:

Esser, Günter


Herausgeber/in:

Bundesagentur für Arbeit (BA)


Quelle:

Nürnberg: Eigenverlag, Online-Ressource, 2004, Stand: April 2004


Jahr:

2004



Abstract:


Menschen mit Teilleistungsstörungen weisen unterschiedliche Leistungsdefizite auf, die sie sowohl in ihrer Ausbildung wie auch bei der Berufsausübung beeinträchtigen können. Es kommt daher entscheidend auf Art und Ausmaß der Störungen an. Weitgehend ohne Leistungseinbußen sind Menschen mit einfachen Artikulationsstörungen und umschriebenen motorischen Störungen.

Im Gegensatz dazu ist bei Lese-Rechtschreibstörungen, Rechenstörungen und Sprachstörungen mit teilweise deutlichen Beeinträchtigungen zu rechnen. Bei Störungen des Lesens und Rechtschreibens sowie der Sprache sind vor allem Ausbildungen und Berufe aus dem technisch-handwerklich-naturwissenschaftlichen Bereich zu empfehlen.

Im Fall von Rechenstörungen kommen vor allem Berufe in Betracht, bei denen die Betroffenen ihre in der Regel normalen sprachlichen Fähigkeiten nutzen können. Als problematisch hinsichtlich der beruflichen Eingliederung können sich bei einem Teil der Betroffenen zusätzliche psychische Auffälligkeiten erweisen.

ALLGEMEINE DEFINITION

Teilleistungsstörungen kennzeichnen Leistungsdefizite in begrenzten Funktionsbereichen, die trotz hinreichender Intelligenzleistungen, regelmäßiger Förderung sowie einer körperlichen und seelischen Gesundheit der Betroffenen auftreten und nicht aus einer entsprechenden Behinderung erklärt werden können. Solche Teilleistungsstörungen betreffen:
- einfache Artikulationsstörungen,
- expressive und rezeptive Sprachstörungen,
- Störungen des Lesens und Rechtschreibens,
- Rechenstörungen,
- Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen.

Eingrenzung: Voraussetzung für die Diagnose einer Teilleistungsstörung ist eine im Verhältnis zum Funktionsdefizit gute Intelligenz der Betroffenen sowie das Fehlen einer Sinnesschädigung (schwere Beeinträchtigung der Seh- oder Hörfähigkeit) sowie das Fehlen einer umschriebenen neurologischen Erkrankung.

Teilleistungsstörungen müssen somit von Lernbehinderung, geistiger Behinderung, Hörschädigung, Sehbehinderung sowie cerebralen Bewegungsstörungen (Körperbehinderungen) abgegrenzt werden. Die Teilleistungsstörung sollte, um als solche zu gelten, weitgehend isoliert auftreten und schwerwiegend sein. Das heißt, wir haben es mit einer möglichst scharf umgrenzten Teilbehinderung zu tun, während die übrigen kognitiven und körperlichen Funktionen im Wesentlichen nicht eingeschränkt sind.

EINFACHE ARTIKULATIONSSTÖRUNGEN

Definition: Die korrekte Artikulation aller Sprachlaute muss von Kindern zunächst erlernt werden. Die Entwicklungsfortschritte sind dabei unterschiedlich rasch, die Variation der Verläufe groß. Von einer Teilleistungsstörung der Artikulation wird erst dann gesprochen, wenn das Kind in seinen Artikulationsleistungen deutlich von der Norm abweicht. Ungefähr ein Drittel der betroffenen Kinder behält diese Auffälligkeit bis ins Erwachsenenalter. Am häufigsten sind Artikulationsfehler im Bereich der Zisch-Laute (s, sch, st, sp, ch), seltener bei bestimmten Lautkombinationen (zum Beispiel bl, nk, fl, br, kr, dr oder kn).

Artikulationsstörungen treten auch im Zusammenhang mit verschiedenen organischen Erkrankungen und Leistungsminderungen auf, zum Beispiel in Folge
- von Kiefern-Gaumen-Spalte oder anderer anatomischer Anomalitäten;
- eines Hörverlustes;
- im Rahmen eines allgemeinen Entwicklungsrückstandes
- oder im Zusammenhang mit weiteren Störungen der expressiven oder rezeptiven Sprache.

Störungen der Artikulation mit einem dieser genannten Hintergründe werden jedoch nicht zu den Teilleistungsstörungen der Artikulation gezählt. Die Diagnose darf also nur gestellt werden, wenn die genannten Grundbeeinträchtigungen ausgeschlossen sind.

Kinder mit Artikulationsstörungen zeigen nicht häufiger Schulleistungsprobleme als ihre Altersgenossen ohne entsprechende Störungen. Dies gilt sowohl für das Grundschulalter als auch für die Karriere an weiterführenden Schulen. Immerhin 70 Prozent dieser Kinder besuchen das Gymnasium oder die Realschule. Sie erbringen dabei die gleichen Durchschnittsnoten in den Hauptfächern wie leistungsfähige Kinder ohne Teilleistungsstörung.

Sprachliche und nichtsprachliche Intelligenz sind altersgemäß ausgeprägt; lediglich die Konzentrationsleistung kann teilweise vermindert sein. Im Hinblick auf Ausbildung und Beruf gibt es grundsätzlich keine spezifischen Einschränkungen. Ein Drittel der jungen Menschen mit Artikulationsstörung durchlief in der Kindheit zusätzliche psychische Auffälligkeiten, die vor allem Aufmerksamkeitsstörungen und motorische Unruhe (hyperkinetische Störungen) betreffen. Außerdem finden sich in der Vorgeschichte Einnässen, Ess- oder Schlafstörungen. Die Gesamtheit dieser Auffälligkeiten hat sich jedoch bereits im Jugendalter zurückgebildet, sodass zum Zeitpunkt der Berufsausbildung nicht mit besonderen psychischen Beeinträchtigungen zu rechnen ist.

Erklärungsansätze: Nach dem jetzigen Kenntnisstand wird eine milde Form von Entwicklungsverzögerung im Bereich des Zentralnervensystems für die Gesamtheit der Auffälligkeiten angenommen. Die meisten der betroffenen Personen sind männlich (ungefähr 83 Prozent). Schwerwiegende Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen finden sich genauso wenig wie Störungen des Elektroenzephalogramms (EEG). Der psychosoziale Hintergrund der betroffenen Personen weist in der Regel keine Besonderheiten auf. Insgesamt gilt die Ätiologie (Krankheitsursache) als wenig gesichert.

Berufswahl und Berufsausbildung: Die Gruppe der jungen Menschen mit Teilleistungsstörungen im Bereich der Artikulation bedarf keiner besonderen beruflichen Integration. Prinzipiell stehen bei Berufswahl und Berufsausbildung alle Möglichkeiten und Wege offen, wobei wie bei jedem anderen jungen Menschen die persönliche Neigung und das Fähigkeitsprofil beachtet werden müssen. Bei einigen schweren Formen der genannten Artikulationsstörungen sind Berufe mit intensivem Kundenkontakt nicht geeignet.

Berufliche Wiedereingliederung, Neuorientierung und Weiterbildung: Als Hauptursache für die Notwendigkeit einer Wiedereingliederungsmaßnahme sind einfache Artikulationsstörungen nur schwer vorstellbar. Ist eine solche Maßnahme wegen anderer psychischer Probleme jedoch notwendig, können zusätzliche Artikulationsstörungen die Wiedereingliederung erschweren. Personen mit psychischen Problemen, insbesondere Angststörungen und depressiven Erkrankungen, sind durch Artikulationsstörungen nicht selten zusätzlich in ihrem Selbstbild beeinträchtigt beziehungsweise sehen in ihren Artikulationsstörungen einen wichtigen Grund für ihre Selbstwertprobleme.

Unabhängig von den Artikulationsstörungen sollte stets eine Behandlung der psychischen Grunderkrankung erfolgen, in deren Verlauf auch entsprechende Befürchtungen bezüglich der Wirkung der Artikulationsstörung auf Andere bearbeitet werden können. Die Entscheidung über Weiterbildungsmaßnahmen sollte vom Vorliegen von Artikulationsstörungen nicht beeinflusst werden, es sei denn die Störungen sind so gravierend, dass sie den Umgang mit anderen Menschen deutlich beeinträchtigen.

EXPRESSIVE UND REZEPTIVE SPRACHSTÖRUNGEN

Definition: Expressive Sprachstörungen äußern sich in einem eingeschränkten aktiven Wortschatz, der Schwierigkeit in der Auswahl passender Begriffe und durch zahlreiche grammatikalische Fehler (besonders bei der richtigen Auswahl von Pronomen, der Bildung von Komparativ und Superlativ sowie der Zeiten) . Eine Störung der rezeptiven Sprache zeigt sich vor allem darin, dass eine vergleichsweise geringe Zahl von Begriffen verstanden wird, dass insbesondere inhaltsähnliche Begriffe häufig verwechselt werden. Auch das Verständnis grammatikalischer Strukturen ist beeinträchtigt; daneben wird der Einfluss der Sprachmelodie auf den Sinngehalt der Sprache nicht ausreichend verstanden. Personen mit expressiven und rezeptiven Sprachstörungen vermeiden das aktive Sprechen und ersetzen häufig sprachliche Kommunikation durch nicht-sprachliche Kommunikation, also insbesondere Gesten.

Die genannten Symptome sind auch im Zusammenhang mit anderen Störungen oder organischen Erkrankungen zu beobachten. Am häufigsten können Menschen mit einer Teilleistungsstörung der expressiven oder rezeptiven Sprache mit geistigbehinderten Menschen verwechselt werden. Abzugrenzen ist auch gegenüber ausgeprägten Formen der Schwerhörigkeit und schweren Formen des Autismus. Personen mit einer Teilleistungsstörung der expressiven und rezeptiven Sprache werden häufig in ihren intellektuellen Fähigkeiten unterschätzt. Zwischen den genannten Sprachstörungen und Lese-Rechtschreibstörungen besteht ein breiter Überschneidungsbereich.

Etwa 60 Prozent der sprachgestörten Menschen sind auch lese-rechtschreibschwach. Ungefähr drei Viertel der Betroffenen hatten starke Schulleistungsprobleme, etwa die Hälfte besuchte die Förderschule für Lernbehinderte, noch nicht einmal jeder Zehnte war in der Lage, das Gymnasium oder die Realschule zu absolvieren. Wahrscheinlich als Folge der schlechten Schulkarriere sind die Zukunftsvorstellungen bezüglich des eigenen Berufes weniger konkret und weniger realistisch. Charakteristisch ist die extrem hohe Differenz zwischen sprachlicher und nichtsprachlicher Intelligenz.

Die sprachliche Intelligenz bewegt sich fast immer im Bereich der Behinderung. Außerdem sind die Konzentrationsfähigkeit und das Kurzzeitgedächtnis in vielen Fällen deutlich beeinträchtigt. Als junge Erwachsene sind noch über ein Drittel der Betroffenen zusätzlich psychisch auffällig. Die Auffälligkeiten konzentrieren sich auf den Bereich der Sozialstörungen (Verhaltensstörungen), aber auch auf emotionale Probleme, vor allem Ängste und Depressionen (Psychische Erkrankungen).

Erklärungsansätze: Als Ursache für umschriebene Sprachentwicklungsstörungen werden von einigen Forschern genetische Faktoren angenommen. Die hohe Bedeutung zusätzlicher psychosozialer Belastungen, insbesondere aus der frühen Kindheit, weist auf ein Vulnerabilitätsmodell (vulnerabel = verwundbar, verletzbar) hin, das bei Beeinträchtigungen des Spracherwerbs insbesondere dann zu manifesten Störungen führt, wenn eine angemessene Förderung, wahrscheinlich gerade in den ersten Lebensjahren, fehlt.

Berufswahl und Berufsausbildung: Menschen mit Teilleistungsstörungen im Bereich der expressiven oder rezeptiven Sprache werden in ihren Fähigkeiten meist unterschätzt und irrtümlich als lernbehindert oder geistigbehindert eingestuft. An erster Stelle muss daher eine Bestimmung der kognitiven Leistungsfähigkeit mit Hilfe eines Tests zur Erfassung der nichtsprachlichen Intelligenz erfolgen. Damit ist das allgemeine Niveau, auf dem eine Berufsausübung erfolgen kann, definiert. Daneben bedarf es einer genauen Diagnose der weiteren Funktionen (zum Beispiel der sprachlichen Intelligenz, der Konzentrationsfähigkeit, der Gedächtnisleistungen). Berücksichtigung finden sollten ebenfalls mögliche Verhaltensprobleme, die sich - vor allem durch eine Verminderung der Leistungsmotivation - negativ auf die Berufskarriere auswirken können. Schließlich ist das eingeschränkte Selbstwertgefühl und das mangelnde Vertrauen zur eigenen Leistungsfähigkeit zu beachten.

Für viele junge Menschen mit expressiven oder rezeptiven Sprachstörungen steht zu Beginn der beruflichen Karriere der nachträgliche Erwerb eines qualifizierten Schulabschlusses. Dies ist häufig zunächst der Hauptschulabschluss, bei bisher günstigerem Verlauf der Schulkarriere aber auch der Besuch von Fachschulen oder Fachoberschulen mit dem Schwerpunkt im technischen Bereich. Die Berufswahl sollte vorzugsweise in einer nicht sprachdominierten Sparte erfolgen. Unter Berücksichtigung der eventuell eingeschränkten Motivation sind Tätigkeiten zu bevorzugen, die zu einem rasch sichtbaren Erfolg führen. Auch bei guter Begabung ist in der Regel der Weg über einen Ausbildungsberuf mit anschließender Qualifikation zum Meister oder Techniker dem direkten Besuch einer Fachhochschule vorzuziehen.

Berufliche Wiedereingliederung, Neuorientierung und Weiterbildung: Expressive und rezeptive Sprachstörungen erschweren entscheidend die berufliche Qualifikation und führen häufig zu niedrigeren Berufsabschlüssen. Aus diesem Grunde und wegen der oft zusätzlich vorhandenen psychischen Probleme werden Wiedereingliederungsmaßnahmen sehr viel häufiger notwendig. Personen mit Sprachstörungen zeigen bei Umschulungen ähnliche Probleme wie in der Primärausbildung. Diese betreffen geringere Lernfortschritte im theoretischen Unterricht, sofern die Inhalte primär über die Sprache vermittelt werden. Bildliches Anschauungsmaterial wie technische Zeichnungen oder die grafische Darstellung von Zusammenhängen erleichtern das Verständnis. Berücksichtigt werden müssen zusätzlich die teilweise eingeschränkte Leistungsmotivation und noch bestehende psychische Probleme. Dem Begabungsprofil entsprechend sind Umschulungsmaßnahmen in technische und handwerkliche Berufszweige empfehlenswert.

STÖRUNGEN DES LESENS UND RECHTSCREIBENS

Definition: Kinder, die trotz hinreichender kognitiver Leistungsfähigkeit, regelmäßiger schulischer Förderung, genereller körperlicher und seelischer Gesundheit große Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens haben, werden als lese-rechtschreibschwach bezeichnet. Die Lesestörung zeigt kein einheitliches und diagnostisch kennzeichnendes Symptombild. Im Gegensatz zu früheren Annahmen gibt es keine legasthenietypischen Fehler, sondern Verwechslungen, Umstellungen und Auslassungen von Buchstaben (sogenannte Reversionen und Inversionen) sind genauso überproportional häufig wie andere Fehlerarten. Diese Schwierigkeiten führen zu Fehlern beim Zusammenlesen der gelernten Buchstaben (Synthesemängel) und im ganzheitlichen Erfassen von Wortgestalten (Analysemängel). Generell sind Lesegeschwindigkeit und Sinnerfassung des Gelesenen herabgesetzt. Rechtschreibfehler gehen einher mit einem nicht abgeschlossenen oder noch nicht gelungenen Lesevorgang. Entsprechend treten die gleichen Fehler gehäuft auf, die auch bei der Leseschwäche zu beobachten sind.

Während die Schwierigkeiten des Leseprozesses durch entsprechende Förderprogramme vielfach behebbar sind, halten sich die Rechtschreibschwächen mitunter hartnäckig bis ins Erwachsenenalter. Bei mangelnder Ausübung des Rechtschreibens können sie sich bis zum so genannten 'funktionalen Analphabetismus' entwickeln. Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung haben zwangsläufig in hohem Umfang Schulleistungsprobleme, die sich in schlechten Noten, Klassenwiederholungen und dem Besuch eines niedrigeren Schultyps manifestieren. Der durchschnittliche Schulabschluss der betroffenen Jugendlichen bleibt demnach deutlich hinter dem von Gleichaltrigen zurück. Im Jugendalter ist eine etwas positivere Entwicklung der Schulkarriere zu beobachten. Es besteht eine deutliche Überschneidung zwischen Lese-Rechtschreibstörung und Störungen der expressiven und rezeptiven Sprache. Etwa 60 Prozent der lese-rechtschreibschwachen jungen Erwachsenen haben in der Vorgeschichte Sprachentwicklungsrückstände. Dazu ist mit einem erhöhten Prozentsatz psychischer Störungen zu rechnen (ungefähr 40 Prozent), wobei im Grundschulalter noch Ablenkbarkeit und Überaktivität dominieren, im Jugend- und jungen Erwachsenenalter dagegen vor allem Sozialstörungen im Vordergrund stehen.

Erklärungsansätze: Als Ursache für eine spezifische Lese-Rechtschreibschwäche werden überwiegend genetische, in Einzelfällen auch durch Hirnschädigungen bedingte Störungen der Informationsverarbeitung angenommen. Der zusätzliche hohe Zusammenhang mit psychosozialen Belastungen - ähnlich wie bei expressiven und rezeptiven Sprachstörungen - macht auch hier ein Vulnerabilitätsmodell wahrscheinlich. Es ist unbestritten, dass selbst bei guter und bester Förderung schwere Formen der Lese-Rechtschreibschwäche auftreten können. In einem solchen Fall ist von einer erheblichen Beeinträchtigung der visuellen, auditiven und sprechmotorischen Informationsverarbeitung auszugehen. Wenn die Defizite der Informationsverarbeitung nur ein leichtes oder mittleres Niveau erreichen, spielt die angemessene Stimulation der informationsverarbeitenden Systeme eine entscheidende Rolle. Klinisch relevante Störungen sind in diesen Fällen vor allem dann zu erwarten, wenn zusätzlich Defizite in der Förderung des Kindes bestehen. Dabei spielen nicht nur die Anregung selbst, sondern auch die Lernvoraussetzungen (zum Beispiel emotionale Sicherheit, ruhiger, geordneter Tagesablauf) eine Rolle.

Als besonders ungünstig im Verlauf erweisen sich Störungen, die von starken psychosozialen Belastungen begleitet sind. Auch der Zusammenhang zwischen Lese-Rechtschreibstörung und Verhaltensstörungen ist zum Teil durch psychosoziale Belastungen zu erklären, die beiden zugrunde liegen. So können Verhaltensstörungen durch Lese-Rechtschreibstörungen, Misserfolge in der Schule sowie eine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit erheblich verstärkt werden.

Berufswahl und Berufsausbildung: Die berufliche Entwicklung vieler junger Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung ist gefährdet. Die meisten bevorzugen Ausbildungen, bei denen die Lese-Rechtschreibfähigkeiten keine wesentliche Rolle spielen. Durch die erhöhte Rate von Schulabbrüchen und bei einem vergleichsweise geringen Bildungsstand sind neben den beruflichen Ausbildungschancen auch andere Weiterbildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten eingeschränkt. Diese Problematik betrifft vor allem lese-rechtschreibschwache junge Menschen, die in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen sind. Bei ungestörtem familiärem Hintergrund sind die Verläufe wesentlich günstiger. Die richtige Wahl von Ausbildungsniveau und -richtung setzt eine gründliche Leistungs- und vor allem Persönlichkeitsdiagnostik voraus.

Das allgemeine Intelligenzniveau sollte mit Hilfe eines nichtsprachlichen Tests erfasst werden. Außerdem müssen die weiteren kognitiven Funktionen - ähnlich wie bei den sprachgestörten Kindern - genauestens erfasst werden. Vielfach ist mit erheblichen Motivationsdefiziten, einer unrealistischen Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und mit den genannten Verhaltensproblemen zu rechnen. Die durchschnittliche Ausbildungsqualifikation lese-rechtschreibschwacher junger Menschen ist zwar höher als die der sprachgestörten, dennoch ergibt sich auch bei ihnen häufig die Notwendigkeit einer nachträglichen Qualifizierung. Wie erwähnt, meiden die meisten lese-rechtschreibschwachen Menschen Ausbildungen und Berufe, in denen die Rechtschreibung eine bedeutende Rolle spielt. In der heutigen Zeit hat ihnen jedoch der Umgang mit Computern auch schriftliche Arbeiten wegen des klareren Schriftbilds und der größeren Übersichtlichkeit erleichtert. Wenn die Schriftsprache weniger schwer beeinträchtigt ist, besteht die Möglichkeit, auch kaufmännische Berufe oder Berufe aus dem Bereich der elektronischen Datenverarbeitung zu ergreifen.

Ansonsten stehen - wie im Fall von Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen - technische und handwerkliche Berufe ganz oben auf der Wunschliste der Betroffenen. Insbesondere die gut Intelligenten können wegen ihrer oft spezialisierten Interessen auch hohe Leistungen im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich erbringen; manche absolvieren erfolgreich Studiengänge der Ingenieurwissenschaften, Biologie, Physik oder Chemie. Stehen jedoch Verhaltensprobleme mit im Vordergrund, dann entsprechen kurzfristige Ausbildungsziele eher dem Durchhaltevermögen der Betroffenen.

Berufliche Wiedereingliederung, Neuorientierung und Weiterbildung: Das niedrigere Ausbildungsniveau, und die niedrigere Rate qualifizierender Berufsabschlüsse bedingen, dass sich unter Erwachsenen mit Bildungsabbrüchen, beruflichen Problemen und Langzeitarbeitslosigkeit vermehrt Lese-Rechtschreibstörungen befinden. Bei fehlender Förderung im Kindes- und Jugendalter und entsprechendem Vermeiden von Anforderungen und Arbeiten aus dem Schriftsprachbereich kommt es bei einer kleinen Gruppe von ehemals lese-rechtschreibgestörten Kindern zu einem Analphabetismus im Erwachsenenalter. In diesen Fällen ist auch der niedrige Stand der Lese-Rechtschreibkenntnisse, der während der Schulzeit erworben wurde aufgrund mangelnder Übung im Erwachsenenalter nicht haltbar gewesen. Eine gezielte Lese-Rechtschreibförderung ist für diesen Personenkreis vor der geplanten Umschulungsmaßnahme einzuplanen. Wie bei den sprachgestörten Personen ist auch hier ein besonderes Augenmerk auf die motivationalen Aspekte zu legen. Technisch- handwerkliche Tätigkeiten stehen zwangsläufig bei der Wahl der Umschulungsmaßnahme im Vordergrund.

RECHENSTÖRUNG

Definition: Unter Rechenstörung wird eine Beeinträchtigung der Rechenfertigkeit verstanden, die nicht durch eine Minderung der allgemeinen Intelligenz oder eine mangelnde Förderung erklärt werden kann. Besonders hervorstechend sind Probleme in den grundlegenden mathematischen Operationen wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Traditionell wird unterschieden zwischen Kindern, deren Rechenschwäche als Folge einer ausgeprägten Lese-Rechtschreibschwäche (beziehungsweise der ihr zugrundeliegenden neuropsychologischen Defizite) anzusehen ist, und Rechenschwächen, die bei Kindern mit guten Lese-Rechtschreibleistungen auftreten. Im ersten Fall ist nicht von einer originären Rechenschwäche auszugehen, sondern von einer generalisierten Lese-Rechtschreibschwäche.

Junge Menschen mit Rechenschwächen verfügen über mangelhafte Vorstellungen im Zahlenraum, sie haben Schwierigkeiten, die Reihenfolge von Ziffern zu bestimmen und zu speichern sowie Probleme im Übertragen von Textaufgaben in den praktischen Rechenvorgang. Zum Thema Rechenstörung gibt es insgesamt weit weniger gesicherte Erkenntnisse als zum Thema Lese-Rechtschreibschwäche. Durch die Forschung wurde in der Vergangenheit das Thema weitgehend vernachlässigt. Aus diesem Grund ist auch nicht bekannt, wie viele der ehemaligen Kinder mit Rechenschwäche noch im Erwachsenenalter Probleme mit mathematischen Operationen haben. Aus den Erfahrungen mit anderen Teilleistungsstörungen steht zu erwarten, dass dieser Anteil eher hoch ist. Es ist nicht anzunehmen, dass sich beim überwiegenden Teil der Betroffenen die Rechenleistungen im Jugend- und Erwachsenenalter normalisieren. In den bisherigen Untersuchungen fanden sich Zusammenhänge zwischen Rechenstörungen und Störungen des räumlichen Vorstellungsvermögens.

Erklärungsansätze: Im Unterschied zu allen anderen Teilleistungsstörungen ist das Geschlechtsverhältnis bei Rechenstörungen ausgeglichen oder sogar eher mädchenlastig. Über die Häufigkeit und Art eventuell zusätzlich bestehender Verhaltensprobleme existieren keine repräsentativen Untersuchungen; es ist jedoch davon auszugehen, dass diese Probleme vorwiegend im introversiven Bereich, also in Form von Ängsten, depressiven Verstimmungen, Schüchternheit und psychosomatischen Beschwerden vorliegen.

Berufswahl und Berufsausbildung: Wie schon bei jungen Menschen mit Sprachstörungen oder Lese-Rechtschreibschwächen muss auch bei Rechenstörungen eine genaue Analyse des Leistungsprofils erfolgen. Das allgemeine Leistungsniveau von rechengestörten jungen Menschen sollte mit Hilfe von verbalen Intelligenztests bestimmt werden. Daneben muss eine genaue Diagnostik der nichtsprachlichen Bereiche (Denkfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, Kurzzeitgedächtnis, aber auch praktische Rechenfertigkeiten) erfolgen. Die Interessenlage rechengestörter junger Menschen entspricht in der Regel auch ihrer Begabungsstruktur, sodass sich von daher wenig Beratungskonflikte ergeben. Die in den meisten Fällen normalen Sprachleistungen bestimmen die Berufswahl. Kaufmännische und technisch-naturwissenschaftliche Berufe werden in den allermeisten Fällen ohnehin gemieden. Von entscheidender Bedeutung sind auch die sozialen Fertigkeiten der Betroffenen, die aufgrund extremer Schüchternheit, zum Teil mit mutistischen Tendenzen (Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen), eine Ausbildung in Berufen mit Kundenkontakt erschweren. Sofern deutliche Defizite im Bereich des Sozialkontakts bestehen, sollten vorbereitend oder begleitend zur Berufsausbildung verhaltenstherapeutische Interventionen zur Stärkung der sozialen Kompetenz empfohlen werden.

Berufliche Wiedereingliederung, Neuorientierung und Weiterbildung: Die berufliche Wiedereingliederung von Erwachsenen mit Rechenstörung gestaltet sich bei Berücksichtigung der Begabungsstruktur und Interessenslage vergleichsweise einfacher als die Rehabilitation von sprach- und lese-rechtschreibgestörten Personen. Als Probleme ergeben sich eher die oben angesprochenen psychischen Begleitsymptome, die bei Persistieren bis ins Erwachsenenalter durch ein soziales Kompetenztraining und kognitive Ansätze der Verhaltenstherapie behandelt werden können. Falls erforderlich ist der eigentlichen Umschulungsmaßnahme eine Psychotherapie vorzuschalten.

ENTWICKLUNGSSTÖRUNGEN DER MOTORISCHEN FUNKTIONEN

Definition: Junge Menschen mit einer umschriebenen Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen gelten als motorisch ungeschickt, unbeholfen, schlecht koordiniert. Handlungen, die grobmotorisches Geschick verlangen, werden nur mangelhaft bewältigt. Die Feinmotorik ist davon jedoch weitgehend unberührt. Bei sportlichen Aktivitäten zeigen sich staksige, plumpe Bewegungen sowie fehlende Geschmeidigkeit und Balance. Häufig werden körperliche Anstrengungen vermieden. Besonders gravierende Koordinationsprobleme treten im Rahmen von neurologischen Erkrankungen (zum Beispiel cerebrale Bewegungsstörung oder Muskeldystrophie; Körperbehinderungen) auf sowie als Folge von Schädel-Hirn-Verletzungen (Schädigungen des Zentralnervensystems). Die motorischen Störungen dieser Krankheitsbilder fallen jedoch nicht unter die umschriebenen Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen. Da auch leichtere Formen cerebraler Bewegungsstörungen vorkommen, fällt die Abgrenzung nicht immer leicht und ist nur mit Hilfe einer sorgfältigen neurologischen Untersuchung möglich. Liegt eine diagnostizierbare spezifische neurologische Erkrankung vor, entfällt die Diagnose einer motorischen Entwicklungsstörung. Durch gezielte krankengymnastische und motopädische Therapie können motorische Koordination und der Gleichgewichtssinn der Betroffenen positiv beeinflusst werden. Ohne gezielte Behandlung im Kindesalter muss allerdings davon ausgegangen werden, dass zu einem großen Anteil auch im Erwachsenenalter noch motorische Koordinationsstörungen vorliegen.

Die Schulentwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen zeigt - gemessen an der Durchschnittspopulation - keine Einschränkungen. Der Anteil derjenigen, die das Abitur oder den Realschulabschluss erreichen, ist genauso hoch wie bei Jugendlichen ohne Teilleistungsstörung und unterscheidet sich damit deutlich von denjenigen mit Sprachstörungen, Lese-Rechtschreibstörungen und Rechenstörungen. Auch Defizite in kognitiven Leistungstests sind bei jungen Menschen mit motorischen Entwicklungsstörungen kaum zu beobachten. Die nonverbale und die verbale Intelligenz erreicht die Werte normal entwickelter Gleichaltriger. Zusätzliche psychische Auffälligkeiten sind dagegen zu beobachten. Der diagnostische Schwerpunkt liegt dabei - wie im Fall von Rechenstörung - auf dem introversiven Bereich. Das heißt, motorisch gestörte Jugendliche haben häufiger Kontaktschwierigkeiten, sind vielfach scheu, zurückgezogen, ängstlich. Insgesamt geht mit den verschärften emotionalen Problemen eine geringere Reife einher, und die Ablösung vom Elternhaus erfolgt - wie auch die Aufnahme von Beziehungen zum anderen Geschlecht - verspätet.

Erklärungsansätze: Zwei Drittel der motorisch gestörten Kinder sind Jungen. In der Vorgeschichte finden sich vermehrt Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen als Hinweise auf eine diskrete frühkindliche Hirnschädigung. Motorische Störungen sind mit ursächlichen psychosozialen Belastungen nicht assoziiert und daher in der Regel als Indiz einer prä- und perinatalen Belastung anzusehen.

Berufswahl und Berufsausbildung: Die Gruppe der jungen Menschen mit Teilleistungsstörungen im motorischen Bereich bedarf, was die kognitiven Fähigkeiten angeht, keiner besonderen beruflichen Integration. Prinzipiell stehen - wie bei den artikulationsgestörten jungen Menschen - alle Berufe offen. Selbstverständlich werden keine Berufe bevorzugt, die eine hohe grobmotorische Geschicklichkeit erfordern; feinmotorische Anforderungen sind dagegen in der Regel kein Hindernis, es sei denn, bei dem Betroffenen bestehen in diesem Bereich besondere Schwierigkeiten. In der Regel ist jedoch davon auszugehen, dass sich die feinmotorischen Probleme, sofern sie überhaupt vorgelegen haben, bis zum Erwachsenenalter deutlich gebessert haben.

Berufliche Wiedereingliederung, Neuorientierung und Weiterbildung: Erwachsene mit ehemals motorischen Entwicklungsstörungen neigen dazu, nach Ende der Schulzeit Sport und Bewegungen zu vermeiden. Aufgrund dessen kommt es zum Teil zu Übergewicht und den damit verbundenen medizinischen Problemen. Die psychischen Probleme liegen, soweit noch nicht ausreichend therapiert, weiterhin im Bereich des Sozialkontaktes sowie von Angststörungen. Insgesamt werden für Personen mit motorischen Teilleistungsstörungen nicht häufiger Wiedereingliederungsmaßnahmen notwendig als für andere ungestörte Personen. Mit Ausnahme der möglichen Notwendigkeit einer Therapie der psychischen Probleme haben motorische Teilleistungsstörungen in der Regel keinen Einfluss auf Art und Ausmaß von Umschulungen oder Weiterbildung.

BERUFSORIENTIERUNG UND BERUFLICHE EINGLIEDERUNG

Schule: Jugendliche mit Teilleistungsstörungen sind in allen Schultypen vertreten. Das Spektrum reicht von der Förderschule/Schule für Lernbehinderte über die Hauptschule, die Realschule bis - in selteneren Fällen - auch zum Gymnasium. Eine Berufsorientierung erfolgt im Rahmen des Berufswahlunterrichts, überwiegend im Bereich der Arbeitslehre. Eine wichtige Funktion erfüllen dabei auch Betriebs- und Arbeitsplatzerkundungen sowie schulische Betriebspraktika.

Die Fachkräfte der Agentur für Arbeit leisten Hilfestellung in allen Fragen der Berufswahl und fördern, je nach individuellem Bedarf, die berufliche Eingliederung. Im Mittelpunkt steht dabei die persönliche Beratung der Jugendlichen, in enger Zusammenarbeit mit den Eltern und der Schule. Bei schweren Formen von Teilleistungsstörungen - wenn Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation in Betracht kommen - stehen für die besonderen Belange behinderter Menschen geschulte Mitarbeiter zur Verfügung. Zur Abklärung der beruflichen Eignung und in Fragen der Diagnostik können die Fachkräfte den Ärztlichen und den Psychologischen Dienst der Agentur für Arbeit hinzuziehen.

Hilfen bei der beruflichen Eingliederung: Teilleistungsstörungen werden in sehr unterschiedlicher Weise für die berufliche Eingliederung relevant. Einfache Artikulationsstörungen oder Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen erfordern in der Regel keine spezifischen Hilfen und Ausbildungswege. Bei schweren Formen von Teilleistungsstörungen sind Maßnahmen im Rahmen der beruflichen Rehabilitation notwendig. Dies betrifft zum Beispiel die Berufsausbildung in Berufsbildungswerken und sonstigen Reha-Einrichtungen. Andere junge Menschen mit Teilleistungsstörungen können als Benachteiligte gefördert werden, zum Beispiel durch ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) während einer betrieblichen Berufsausbildung. Oder sie können ihre Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Einrichtung (BüE) beginnen und dann in einem Betrieb fortsetzen. Der Übergang auf einen betrieblichen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz wird dabei durch eine nachgehende Betreuung begleitet.

Wenn die Voraussetzungen für den Einstieg in Ausbildung und Beruf noch nicht gegeben sind, können junge Menschen durch berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen entsprechend gefördert werden. Ähnliche Aufgaben erfüllt zum Beispiel das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) im Bereich des berufsbildenden Schulwesens.


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Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bundesagentur für Arbeit (BA)
Homepage: https://www.arbeitsagentur.de/veroeffentlichungen/veroeffent...

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Referenznummer:

VT0045


Informationsstand: 24.04.2007

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