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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Bibliographische Angaben zur Publikation

Merkmalblatt 4.1.1: Sehen


Sammelwerk / Reihe:

Strukturierter Merkmalkatalog


Autor/in:

Wieland, Klaus; Weinmann, Sigbert; Schian, Hans-Martin


Herausgeber/in:

Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMA)


Quelle:

Bonn: Eigenverlag, 1990


Jahr:

1990



Abstract:


Mermalblatt 4.1 Informationsaufnahme

4.1.1 Sehen

Definition:

Unter Berücksichtigung physiologischer und funktioneller Gesichtspunkte werden 6 Teilfunktionen der optischen Wahrnehmung unterschieden, die weitgehend unabhängig voneinander Leistungseinschränkungen unterliegen können. Dies sind Sehschärfe im Nahbereich und Fernbereich, räumliches Sehen, Sehfeld (Gesichtsfeld/Blickfeld), Farbensehen und Dämmerungssehen.

4.1.1.1, 4.1.1.2 Sehschärfe/Nahbereich/Fernbereich

Definition:

Es handelt sich um Anforderungen, bei Tageslicht oder angemessener künstlicher Beleuchtung Sehobjekte wahrzunehmen und zu erkennen und gegebenenfalls ihre Bewegungen verfolgen zu können. Die Wahrnehmungsgenauigkeit, das heißt die Mindestentfernung zweier Punkte von einander bei der sie noch getrennt wahrgenommen werden, ist ein Maß für die Sehschärfe. Mindestanforderungen an die zentrale Sehschärfe werden für verschiedene Tätigkeiten vorgegeben (vergleiche Anforderungsstufen für verschiedene Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten in G 25). Als Nahbereich gilt eine Entfernung von 25 cm (Visus äquivalent Nähe), der Fernbereich entspricht einer Entferung von mehr als 5 m.

Fähigkeit:

Die Leistungsfähigkeit des Auges wird üblicherweise als Verhältnis der Sehleistung einer Testperson zur definierten Normalleistung angegeben, zum Beispiel in Form eines Dezimalbruches oder in Prozent. Die Prüfbedingungen sind genormt nach DIN 58220 1-4.

Die Fähigkeit des Auges, sich auf unterschiedliche Sehentfernungen (siehe auch ---> Nahbereich ---> Fernbereich) einzustellen (Akkomodation) wird durch Änderung der Linsenkrümmung und die hierdurch bewirkte Zunahme der Brechkraft bei Nahakkomodation erreicht. Diese Nahakkomodationsfähigkeit lässt physiologischerweise im Alter nach und muss ggf. durch vorsetzen einer Brille ausgeglichen werden. Arbeiten, die schnelles Einstellen der Augen auf wechselnde Sehabstände zwischen Nah- und Fernakkomodation erfordern, werden durch die physiologische Einschränkung der Akkomodationsbreite oder den krankheitsbedingten Verlust der Akkomodationsfähigkeit behindert - auch dann, wenn durch Korrekturbrillen eine normale Sehschärfe sowohl im Nahbereich als auch im Fernbereich erreicht werden kann.

4.1.1.1 Sehschärfe im Nahbereich

Bewertung:

(I) Zu bewerten sind Sehaufgaben, die Anforderungen an die Sehschärfe, das heißt an das genaue Erkennen von Details und Strukturen, im Bereich des normalen Leseabstandes (circa 25-35 cm) oder Bildschirmabstandes (circa 50-70 cm) , stellen.

Dies gilt für der Sehaufgabe angemessene Beleuchtungsverhältnisse (vergleiche ASR 7/3, DIN 5036 T1 u. T2). Bei unzureichender Beleuchtung sind gleiche Anforderungen an die Sehschärfe höher zu bewerten.

Bewertung:

(s) Zum Beispiel Schreibtischarbeit, Bildschirmtätigkeit, häufiger Wechsel der Sehabstände.

4.1.1.2 Sehschärfe im Fernbereich

Bewertung:

(I) Zu bewerten sind Sehaufgaben, die Anforderungen an die Sehschärfe im Fernbereich stellen. Aus praktischen Erwägungen sollten Entfernungen ab 1 m Sehabstand als Fernbereich eingestuft werden.

Differenzierung:

Eine Differenzierung kann im Sinne einer Stufendefinition erfolgen, zum Beispiel:
1. durchschnittlich/hohe Anforderung
2. geringe Anforderung
3. keine Anforderung

4.1. 1.3 Räumliches Sehen

Definition:

Erkennen von Objekten im Raum hinsichtlich ihrer Gestalt, ihrer Größe und ihrer räumlichen Ausdehnung zueinander.

Fähigkeit:

Die Fähigkeit des räumlichen Sehens beruht auf Erfahrung und auf dem Zustandekommen einer räumlichen Wahrnehmung aus der Verarbeitung der Seheindrücke beider Augen. Den zuletzt genannten Vorgang bezeichnet man als statisches räumliches Sehen oder Stereosehen. Voraussetzung für das Stereosehen ist die ausreichende Funktionsfähigkeit beider Augen bezüglich Visus, Phorie und Fusion. Schielen erlaubt kein vollwertiges Stereosehen.

Eine zweite Art des räumlichen Seheindruckes entsteht bei Bewegungen des Betrachters oder der Objekte. Durch die unterschiedlich wahrgenommenen Relativbewegungen einzelner Sehobjekte zueinander, vergleichbar einem Film, der mit bewegter Kamera aufgenommen wurde, entsteht ebenfalls eine räumliche Vorstellung bei dem Betrachter. Dazu ist monokulares Sehen (Sehen auf einem Auge) ausreichend, sogenannte s dynamisches räumliches Sehen.

In der Praxis ist für die meisten Sehanforderungen die Fähigkeit des dynamischen räumlichen Sehens, das heißt mit einem funktionstüchtigen Auge, ausreichend. Mit den verfügbaren Sehtestgeräten wird nur das höherwertige Stereosehen geprüft.

Richtlinien, Normen: DOG-Richtlinien und StVZO: Bei Führerscheinklasse II und Fahrern nach § 15 (Fahrgastbeförderung, Fahrlehrer) ist normales Stereosehen Voraussetzung; G 25; und anderes

Stereosehen

Bewertung:

(I, A) Zu bewerten sind Sehaufgaben, die Anforderungen an das räumliche Sehen stellen. Wenn hohe Anforderungen an die Genauigkeit bestehen, ist eine zusätzliche Beurteilung der Anforderung an das Stereosehen sinnvoll.

Differenzierung:

Eine Differenzierung kann in Form einer Stufendefinition erfolgen.

Bei hohem Anforderungsniveau zusätzliche Berücksichtigung des Stereosehens.
1 hohe Anforderung
1.1 Stereosehen
2 geringe Anforderung
3 keine Anforderung

4.1.1.4 Sehfeld (Gesichtsfeld)

Definition:

Der Bereich, in dem Sehaufgaben wahrgenommen werden müssen. Er lässt sich als Kreissektor in der Horizontalebene und in der Vertikalebene durch einen Winkel beschreiben. Zu unterscheiden sind Aufgaben, die innerhalb des Sehfeldes lediglich Anforderungen an die zentrale Sehschärfe stellen, vergleiche ---> Sehschärfe, von solchen, die das gesamte oder einen Teil des Gesichtsfeldes beanspruchen, zum Beispiel das rechtzeitige Erkennen von Gefahren, die sich von der Seite nähern (Horizontales Gesichtsfeld).

Fähigkeit:

Mit dem einzelnen Auge wird nur ein Teil des Sehfeldes betrachtet. Scharf gesehen wird dabei nur der in der Sehachse gelegene Teil. Durch Augen- und Kopfbewegungen werden die Augen in die dazu erforderliche Position gebracht (das Objekt wird fixiert). Einschränkungen der Beweglichkeit des Kopfes und/oder der Augen (zum Beispiel bei Augenmuskellähmungen) haben Auswirkungen auf das maximale Sehfeld (Umblickfeld).

Gesichtsfeld

Das Gesichtsfeld beschreibt denjenigen Teil des Sehfeldes, in dem bei fixierter Blickrichtung (Geradeausblick) noch Seheindrücke wahrgenommen werden können. Es beträgt in der Horizontalebene circa 160 Grad in der Vertikalebene circa 145 Grad. Die Sehschärfe beträgt im Bereich des peripheren Gesichtsfeldes nur ein Bruchteil der zentralen Sehschärfe.

Durch das Tragen von Brillen wird das Gesichtsfeld eingeengt. Ausfälle des peripheren Gesichtsfeldes (Skotome) können, wenn sie nur einseitig bestehen, durch das nicht betroffene Auge kompensiert werden. Die ---> Sehschärfe wird durch periphere Gesichtsfeldausfälle nicht beeinträchtigt. Von erheblicher Bedeutung ist ein normales Gesichtsfeld bei Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten, bei Montagetätigkeiten in unübersichtlichen Betriebsstätten oder bei Arbeiten in Gefahrenbereichen, wo es auf das rechtzeitige Erkennen von Ereignissen außerhalb der zentralen Blickrichtung ankommt. Siehe auch ---> Halswirbelsäule/ Kopfbeweglichkeit 3.5.1

Normen, Richtlinien: StVZO, VÖV-Richtlinien, TauVo der DB, BVO, G 25 u. a.

Sehfeld

Bewertung:

(I) Zu bewerten ist die Größe des Sehfeldes, in dem Sehaufgeben wahrgenommen werden müssen.

Differenzierung:

Eine Differenzierung kann in Form einer Stufendefinition erfolgen, zum Beispiel .1 durchschnittlich/hohe Anforderung .2 geringe Anforderung .3 keine Anforderung Differenzierung: d. h. Anforderungen an das Sehvermögen bestehen nur in einem kleinen Bereich des zentralen Sehfeldes.

Bewertung:

(s) Ergänzend kann es erforderlich sein zu differenzieren, inwieweit Anforderungen an ein uneingeschränktes Gesichtsfeld bestehen, s.u.

Gesichtsfeld

Bewertung:

(A) Tätigkeiten, die ein uneingeschränktes Gesichtsfeld erfordern.

Horizontales Gesichtsfeld

Bewertung:

(A) Tätigkeiten, die ein uneingeschränktes Gesichtsfeld in der Horizontalebene erfordern.

Vertikales Gesichtsfeld

Bewertung:

(A) Tätigkeiten, die ein uneingeschränktes Gesichtsfeld in der Vertikalebene erfordern.

4.1.1.5 Farbensehen

Definition:

Die Anforderung, Farben des sichtbaren Lichtspektrums wahrzunehmen und unabhängig von ihren Helligkeitswerten (Grautönen) unterscheiden zu können. Einwandfreies Farberkennungs- und Unterscheidungsvermögen ist in vielen Berufen wesentlich. Dabei wird dem Erkennen der Signalfarbe Rot häufig eine besondere Bedeutung beigemessen.

Fähigkeit:

Störungen der Farbwahrnehmung kommen zumeist bei sonst völlig normalem Sehvermögen (Sehschärfe, räumliches Sehen, Gesichtsfeld) vor (angeborene Fehlsichtigkeit bei circa 7 bis 8 Prozent der männlichen Bevölkerung). Relativ häufig sind Grünstörungen (Deuteranomalie = Grünschwäche, Deuteranopie = Grünblindheit). Rotstörungen (Protanomalie, Protanopie) sind dagegen vergleichsweise selten, haben aber unter Umständen erhebliche berufliche Einschränkungen zur Folge. Orientierende Farbsinnprüfungen durch Farbtafeln, eine genaue Bestimmung des Anomaliequotienten erfolgt mit dem Anomaloskop.

Normen, Richtlinien: StVZO, DOG-Empfehlungen, TauVo der DB, VÖV- Richtlinien, G 25 'Fahr- und Steuertätigkeiten' u. a.

Bewertung:

(A) Zu bewerten ist, ob die Arbeitsaufgabe volle Farbtüchtigkeit erfordert.

Bewertung:

(s) In Form eines Sonderschlüssels kann derjenigen Teil des Farbspektrums, in dem ein normales Farbunterscheidungsvermögen verlangt wird, angegeben werden, zum Beispiel volle Farbtüchtigkeit im Blau-Grünbereich, Farbtüchtigkeit im Rotbereich (zum Beispiel bei Fahrerlaubnis der Klasse 2 und Fahrgastbeförderung).

Differenzierung:

1. hohe Anforderung (Volle Farbtauglichkeit)
2. geringe Anforderung (zum Beispiel Grünstörung, Rotschwäche (Protanomalie) bis zu einem Anomaliequotient von 0,5 n. Nagel ist tolerabel. (Grenzwert nach StVO und DOG))
3. keine Anforderung (Keine Anforderung an Farberkennungs- und Unterscheidungsvermögen)

4.1.1.6 Dämmerungssehen (Blendung)

Definition:

Sehvermögen bei reduzierter Beleuchtung (Dämmerung oder Nacht). Unter diesen Bedingungen reduziert sich das Sehvermögen auf die Wahrnehmung von Kontrasten (Helligkeitsunterschieden). Unter Blendung versteht man die Minderung des Sehvermögens, die hervorgerufen wird durch Lichtquellen mit erheblich stärkerer Leuchtdichte, welche entweder in der Peripherie (Umfeldblendung) oder im Zentrum (Infeldblendung) des Gesichtsfeldes gleichzeitig oder nacheinander einwirken.

Fähigkeit:

Die Fähigkeit des Auges sich auf geringe Leuchtdichte einzustellen (Dunkeladaption) ist zeitabhängig. Der größte Teil des Adaptationsvorganges ist nach circa 20 Minuten abgeschlossen (Empfindlichkeitssteigerung auf das Tausendfache).

Durch Lichteinwirkung (Blendung) wird die Dunkeladaption unterbrochen. Die Dämmerungssehschärfe lässt im Alter physiologischerweise nach, hinzukommt eine erhöhte Blendempfindlichkeit. Erhebliche Wahrnehmungsstörungen bestehen bei angeborener oder erworbener Nachtblindheit (Dämmerungsamblyopie) . Durch krankheitsbedingte Trübung der lichtbrechenden Medien des Auges (zum Beispiel einer Katarakt) kommt es zu einer erheblichen Zunahme der Blendungsempfindlichkeit, auch wenn die normale Tageslichtsehschärfe nicht beeinträchtigt ist.

Normen, Richtlinien: DOG-Empfehlung, G 25.

Bewertung:

(A) Zu bewerten ist, ob Anforderungen an das Dämmerungssehvermögen bestehen.

Bewertung:

(A) Häufig ist es wichtig, auf das Auftreten von Blendlichtquellen hinzuweisen.

Differenzierung:

Zum Beispiel in Form einer Stufenbewertung
1. hohe Anforderung (Dämmerungsvermögen mit Blendung).
2. geringe Anforderung (Dämmerungsvermögen ohne Blendung).
3. keine Anforderung (Arbeiten nur bei normaler Tageslichtbeleuchtung beziehungsweise Nennbeleuchtungsstärke nach DIN 5035.

(- G 25: Berufsgenossenschaftliche Grundsätze für Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen, 'Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten, Fassung Mai 1981;
- ASR: 7/3: Arbeitsstättenrichtlinie 7/3 'Künstliche Beleuchtung', Ausgabe Juni 1979 in: Verordnung über Arbeitsstätten vom 20.03.1975 (ArbStättV);
- DOG: Anleitung für die augenärztliche Untersuchung und Beurteilung der Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen der Deutschen Gesellschaft für Ophthalmologie (Harm, U. Nolte 1984);
- StVZO: Straßenverkehrszulassungsordnung vom 23.11.1980;
- VÖV: Verband öffentlicher Verkehrsbetriebe: Richtlinien für die Feststellung der körperlichen Tauglichkeit von Bediensteten im Betriebsdienst vom 11.11.1975;
- TauVo der DB: Tauglichkeitsvorschrift der Deutschen Bundesbahn vom 01.07.1964;
- BVO: Bergverordnung des Oberbergamtes in Dortmund für Hauptseilfahrtanlagen von 01.08.1957; § 80 Absatz 2 Ziffer 2 und Absatz 3 Richtlinien über die ärztliche Untersuchung der Fördermaschinisten)


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Bezugsmöglichkeit:


Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)
Homepage: https://www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publikationen/publikat...

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Referenznummer:

VT0145


Informationsstand: 26.10.1992

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