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Lexikon zur beruflichen Teilhabe

Erläuterungen und Definitionen zu mehr als 450 Begriffen. Von A wie Ausgleichsabgabe bis Z wie Zuschüsse.

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Angaben zum Praxisbeispiel

Arbeitsplatzgestaltung für eine Lageristin bei einem Maschinenbaukonzern

Unternehmen:

Das Unternehmen ist ein Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern mit weltweit mehreren Standorten. An einem Standort mit 2.000 Beschäftigten in Deutschland entwickelt und produziert es Kompressoren, Extruder und Gas- sowie Dampfturbinen.

Behinderung und Funktionseinschränkung der Mitarbeiterin:

Die Frau hat eine Wirbelsäulenerkrankung mit Rückenschmerzen und ist schwerbehindert. Sie kann nur eingeschränkt für die manuelle Lastenhandhabung, wie das Heben und Tragen, eingesetzt werden. Dies gilt besonders für das Arbeiten in gebückter sowie gebeugter Körperhaltung und bei vorgestreckter Armhaltung. Erkrankungsbedingt kam es früher zu größeren Ausfallzeiten, die sich nach der behinderungsgerechten Gestaltung stark verringert haben.

Ausbildung und Beruf:

Die Frau arbeitet seit mehreren Jahren als Lageristin im Unternehmen. Bei Aufnahme der Tätigkeit wurde sie entsprechend angelernt.

Arbeitsorganisation:

Die Lageristin war früher im Großteillager tätig, wo sie Teile für den Warenausgang zusammenstellte und neue Teile einlagerte. Behinderungsbedingt konnte sie dort nicht weiter eingesetzt werden, da dort, trotz Hilfsmittel, schwerere Lasten zum Ein- und Auslagern manuell gehoben und getragen werden mussten. Sie wurde deshalb in das Kleinteillager versetzt. Im Kleinteillager arbeitet sie mit weiteren Kollegen im Schichtdienst.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe:

Die Lageristin arbeitet im Bereich des Klein- und Ersatzteillagers in der Produktion des Unternehmens. Dort wurden kleinere Teile wie Schrauben, Muttern, Dichtungen, Flansche usw. mit einem geringen Gewicht für die Produktion und für den Versand zum Kunden in einem Regalsystem gelagert. Die jeweiligen Regale besaßen sieben Fächer, von denen die Frau behinderungsbedingt nur drei Fächer in Hüfthöhe nutzen konnte. Parallel modernisierte das Unternehmen die Lagerungsprozesse weiter und wollte deshalb auch die Art der Lagerung und auf das sog. Pick-by-Vision-Prinzip umstellen.
In Zusammenarbeit mit dem Technischen Beratungsdienst des Integrationsamtes erfolgte eine Arbeitsplatzbegehung mit Besichtigung und Beratung. Danach wurden zwei neun Meter hohe Umlaufregale (Paternosterregale) mit ergonomischer Entnahme- und Ablagehöhe und zwei Tischwagen, die an die Körpermaße zum Arbeiten in einer ergonomischen Haltung angepasst sind, angeschafft (Bild 1). Alle Klein- und Ersatzteile lagern nun in Behältern innerhalb der beiden Umlaufregale, welche direkt mit dem computergestützten Lagersystem verknüpft sind. Zusammen verfügen beide Umlaufregale über ca. 6.000 Lagerplätze. Wird beispielsweise ein Auftrag zur Kommissionierung gestartet, so erhält die Lageristin die entsprechenden Informationen über die in das Lagerungssystem und beim Pick-by-Vision-Prinzip eingesetzte Datenbrille bzw. über deren Display. Durch tippen an einen Sensor am Brillengestell, wird das zu kommissionierende Teil bzw. der zu kommissionierende Artikel eingeblendet und das Umlaufregal verfährt automatisch die zugehörige Regalebene auf die Entnahmeposition und stellt die Behälter mit den Artikeln an der Entnahmestelle bereit (Bild 2). Die Lageristin entnimmt die jeweiligen Artikel und legt sie beispielsweise in einen Karton auf einen der Tischwagen. Die einzelnen Entnahmevorgänge werden dabei durch einen Datenhandschuh mit Scanner quittiert und an das Lagersystem übertragen. Der Ablauf wird für jeden zu kommissionierenden Artikel so weiter fortgesetzt, bis der Auftrag komplett ist und ein ausgedruckter Auftragsschein in den Karton gelegt und dieser verschlossen wird.
Um körperliche Belastungen durch das Heben von Artikeln in gebeugter Oberkörperhaltung und mit vorgestreckten Armen zu vermeiden, werden Artikel nach einem "Ampelsystem" so eingelagert, dass schwerere Kleinteile weiter vorne und leichter Kleinteile im hinteren Bereich einer Regalebene bzw. Greifraum der Lageristin platziert werden (Bild 3). Ein Tischwagen verfügt dazu über eine integrierte Waage, so dass die Artikel vor dem gewichtsorientierten Einlagern gewogen werden können.
Die Lageristin fand sich schnell mit der neuen Technik zurecht und musste nicht gesondert eingearbeitet bzw. geschult werden. Da das Unternehmen die neue Technologie zu Beginn testete und selber an der Entwicklung mitwirkte, konnte die Lageristin auch eigene Verbesserungsvorschläge und Ideen in den Prozess einbringen. Jedoch empfindet die Lageristin die Arbeit mit der Datenbrille für einen gesamten Arbeitstag als anstrengend, weil dazu ein hohes Maß an Konzentration erforderlich ist. Sie wechselt deshalb nach zwei Stunden bzw. leerem Akku zur herkömmlichen Arbeitsweise mittels Handscanner und PC-Terminal (Bild 4). Außerdem steht ein weiterer ergonomisch ausgestatteter Bildschirmarbeitsplatz mit Bürostuhl und höhenverstellbarem Schreibtisch im Lager zur Verfügung, der nur selten von der Frau genutzt wird.

Eingesetzte Hilfsmittel - Anzeigen der Produkte:


Förderung und Mitwirkung:

Die behinderungsgerechte Arbeitsgestaltung, durch den Einsatz der Umlaufregale und Tischwagen, wurde von der örtlichen Fachstelle für Menschen mit Behinderung im Beruf bzw. vom Inklusionsamt anteilig gefördert. Die Beratung erfolgte dabei durch den Technischen Beratungsdienst des Inklusionsamtes des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR).
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.- Nummern der Fachstellen für Menschen mit Behinderung im Beruf bzw. Arbeitsleben und Integrations- bzw. Inklusionsämter.



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  • Verkehr, Handel und Logistik /
  • Versetzung /
  • Wirbelsäule

  • EFL - Heben (Boden zur Taillenhöhe/Taillen- zur Kopfhöhe/horizontal) /
  • EFL - Schweregrad der Arbeit (Last/Herzfrequenz) /
  • EFL - Tragen (rechte, linke Hand/vorne) /
  • ERGOS - Bücken /
  • ERGOS - Tragen /
  • ERGOS - aktuelle tägliche Dauerleistungsfähigkeit (Last/Herzfrequenz) /
  • ERGOS - statisches/dynamisches Heben /
  • IMBA - Arbeitszeit /
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  • IMBA - Heben /
  • IMBA - Rumpfbewegungen (Bücken/Aufrichten) /
  • IMBA - Schichtarbeit /
  • IMBA - Tragen /
  • IMBA - physische Ausdauer (Last/Herz-Lungensystem)


Referenznummer:

PB/111005



Informationsstand: 07.12.2020