Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Praxisbeispiel

Gestaltung eines Klebearbeitsplatzes für einen Mitarbeiter mit einer Sehbehinderung im Produktionsbereich

Arbeitgeber:

Bei dem Arbeitgeber handelt es sich um einen Betrieb mit 50 Mitarbeitern, der sich auf die Herstellung und den Vertrieb von Artikeln (Möbel usw.) für Kleinkinder spezialisiert hat.

Behinderung und Funktionseinschränkung des Mitarbeiters:

Der Mann ist von Geburt an stark kurzsichtig und hat eine extreme Sehschwäche. Die Fähigkeit optische Informationen (Gegenstände, Schrift und Symbole) wahrzunehmen ist deshalb eingeschränkt. Der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 100. Der Schwerbehindertenausweis trägt die Merkzeichen H und RF.

Ausbildung und Beruf:

Der Mann ist ausgebildeter Metallwerker und arbeitet seit einigen Jahren bei seinem jetzigen Arbeitgeber. In REHADAT finden Sie auch Ausbildungseinrichtungen für sehbehinderte Menschen.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe (Istzustand):

Seit seiner Einstellung bei der Firma arbeitet der Mann im Spritzraum. Dort klebt er die einzelnen Schichten von Matratzen zusammen. Wenn die Stückzahlen es erfordern, arbeitet er mit einem Kollegen zusammen. Die Kinderbettmatratzen werden aus Kokosmatten, Rosshaarmatten und verschiedenen Schaumstoffverbundmatten zusammengeklebt. Eine Kinderbettmatratze besteht aus drei bis sieben Schichten.
Zuerst muss der Mitarbeiter mit einem Handhubwagen Paletten mit Matten aus dem Lager- in den Arbeitsbereich transportieren. Die gestapelten Matten auf den Paletten erreichen dabei eine Höhe von bis zu ca. 2,50 m.
Die einzelnen Matten müssen auf dem Tisch der Spritzkabine bereitgelegt werden. Anschließend wird die erste Matte aufgenommen, fixiert und mit Kleber besprüht. Die 1. Matte wird auf dem Tisch abgelegt, die 2. Matte wird aufgenommen und passgenau auf die 1. eingesprühte Matte gelegt und festgedrückt. Dabei muss der Mitarbeiter darauf achten, dass zumindest zwei Seiten der Matte bündig übereinander liegen. Die beiden letzten Arbeitsschritte werden wiederholt, bis die geforderte Lagenzahl (3 bis 7) erreicht ist. Durchschnittlich müssen pro Arbeitstag 700 Matratzen hergestellt werden.
Die fertig geklebten Matratzen werden auf einer Palette abgelegt. Diese Palette wird ca. einen Tag lang zwischengelagert. In dieser Zeit kann das Lösemittel des Klebers ausdünsten.
Von einem anderen Mitarbeiter wird die Palette dann zur Kantenbeschneidemaschine transportiert. Dort werden die beiden nicht bündig aufeinander liegenden Seiten der fertigen Matratzen zurechtgeschnitten und die fertigen Matratzen besäumt.
Bei der Ausführung der einzelnen Arbeitsschritte ergeben sich für den Mitarbeiter, aufgrund seiner Sehbehinderung, erhebliche Probleme. Er muss die Kanten der Matratzenlagen mehrmals befühlen, um die Mattenkontur zu erkennen und um sich zu orientieren. Beim Aufsprühen des Klebers muss er erst den Sprühstrahl der Spritzpistole suchen bzw. ertasten, wodurch in der oberen rechten Ecke der Matte bis zum dreifachen der erforderlichen Menge des Klebers aufgetragen wird, ansonsten ist der Klebeauftrag jedoch gleichmäßig auf der Matte verteilt. Auch beim passgenauen Übereinanderlegen der einzelnen Matten hat der Mitarbeiter Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten bedingen, dass er nicht fähig ist die geforderte Tages-Menge an Kinderbettmatratzen zu verkleben.
Um Abfall zu vermeiden, will der Arbeitgeber bald passgenauere Verbundkomponenten für die Matratzen-Herstellung bestellen. Dadurch wird der Spielraum beim Übereinanderkleben der einzelnen Lagen für den hochgradig sehbehinderten Mitarbeiter sehr stark eingeschränkt, sodass er die Tätigkeit nicht mehr ausüben kann.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe (Sollzustand):

Der Mitarbeiter ist nur in diesem Bereich der Produktion einsetzbar, in den anderen Arbeitsbereichen würden sich durch seine Sehbehinderung oder die nicht vorhandene Qualifikation zu hohe Sicherheitsrisiken oder andere Schwierigkeiten ergeben.
Der Mitarbeiter kann in dem Betrieb nur weiter beschäftigt werden, wenn ihm ein entsprechendes Hilfsmittel, in diesem Falle eine Klebeanlage, zur Verfügung gestellt wird.
An dieser Klebeanlage wird anstatt des lösemittelhaltigen Klebers ein Schmelzkleber aufgetragen.
Die Aufgabe des Mitarbeiters wird es sein, aus dem Lager die entsprechenden Matten zu holen und an der Anlage bereitzustellen. Die einzelnen Lagen an den Anschlägen entsprechend ausgerichtet aufzulegen und anschließend einen Schalter zu betätigen. Das Auftragen des Klebers und das Positionieren vor den Anschlägen erfolgt dann automatisch. Die Düsen der Klebeanlage werden über Sensoren, entsprechend der Breite und Höhe der Matten, automatisch gesteuert. Nach dem Auflegen der letzten Lage wird die Matratze automatisch in eine Presse gefahren, zusammengepresst und auf einer Palette abgelegt. Sobald die Palette voll ist, ertönt ein akustisches Signal. Daraufhin fährt der Mitarbeiter die Palette mit den Matratzen zur Zwischenlagerung auf einen Abstellplatz. Die Klebeanlage ist aufgrund ihrer Kompaktheit, Übersichtlichkeit und Bedienungsfreundlichkeit für den sehbehinderten Mitarbeiter gut geeignet. Sie ermöglicht ein genaues Ausrichten der zu fertigenden Matratzen. Für die einzelnen Matratzenvarianten können bei der Klebeanlage feste Programme eingegeben werden. Durch diese festen Programme kann der Mitarbeiter die Anlage nach einer gewissen Einarbeitungszeit (max. ein Jahr) selbständig bedienen.
Ferner wird der Mitarbeiter durch die Anschaffung der Maschine in die Lage versetzt, die durchschnittliche Arbeitsleistung der anderen Mitarbeiter (700 Matratzen pro Tag) zu erbringen.

Förderung und Mitwirkung:

Die Kosten für die behinderungsgerechte Arbeitsplatzgestaltung wurden vom Integrationsamt getragen. Die Beratung erfolgte durch den Ingenieur-Fachdienst des Integrationsamtes - dem sog. Technischen Beratungsdienst. Außerdem erhält der Arbeitgeber vom Integrationsamt, für die Übergangszeit von max. einem halben Jahr, eine monatliche Betreuungsaufwandsentschädigung.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.- Nummern der Integrationsämter.



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Referenznummer:

R/PB4854



Informationsstand: 15.05.2018