Lexikon zur beruflichen Teilhabe

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Angaben zum Urteil

Krankheitsbedingte Kündigung wegen häufiger Kurzerkrankungen

Gericht:

LAG Rheinland-Pfalz 7. Kammer


Aktenzeichen:

7 Sa 525/14


Urteil vom:

02.12.2015


Grundlage:

KSchG § 1 Abs. 2



Tenor:

I. Auf die Berufung des Klägers wird das Urteil des Arbeitsgerichts Koblenz, Az. 2 Ca 131/11 vom 3. Juli 2014 teilweise abgeändert und wie folgt neu gefasst:

1. Es wird festgestellt, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien nicht durch die Kündigung vom 10. März 2009 beendet worden ist.

2. Es wird festgestellt, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien nicht durch die Kündigung vom 29. März 2012 beendet worden ist.

3. Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.


II. Im Übrigen wird die Berufung des Klägers zurückgewiesen.

III. Die Beklagte hat die Kosten des Rechtsstreits (1. und 2 Instanz) zu tragen.

IV. Die Revision wird nicht zugelassen.

Tatbestand:

Die Parteien streiten im Berufungsverfahren noch über die Beendigung des Arbeitsverhältnisses aufgrund einer ordentlichen, krankheitsbedingten Kündigung vom 29.03.2012 und aufgrund sonstiger Beendigungstatbestände.

Der 1957 geborene, verheiratete und noch gegenüber vier von insgesamt fünf Kindern unterhaltspflichtige Kläger ist bei der Beklagten mit Arbeitsvertrag vom 22.06.1990 (Bl. 5 ff. d. A.) seit dem 2. Juli 1990 als Querschneidergehilfe tätig. Diese Stelle wird im vollkontinuierlichen Schichtbetrieb betrieben. Der Kläger leidet an Diabetes mellitus Typ II b. Sein GdB beträgt 40. Er verdient zuletzt circa 2.700,00 EUR brutto.

Die Beklagte beschäftigt mehr als 600 Arbeitnehmer. Ein Betriebsrat besteht.

Der Kläger wies in den Jahren 2002 bis 2008 folgende Arbeitsunfähigkeitszeiten auf:

2002: 35 Arbeitstage
2003: 36 Arbeitstage
2004: 31 Arbeitstage
2005: 185 Arbeitstage, davon 28 Arbeitstage bezahlt,
2006: 57 Arbeitstage, davon 53 Arbeitstage bezahlt,
2007: 76 Arbeitstage, davon 70 Arbeitstage bezahlt und
2008: 52 Arbeitstage, davon 33 Arbeitstage bezahlt.

Die Fehlzeiten des Klägers wurden teilweise durch den Einsatz von Leiharbeitnehmern abgedeckt, im Übrigen durch andere Mitarbeiter der Abteilung im Rahmen von Mehrarbeit.

Zum betrieblichen Eingliederungsmanagement wurde der Kläger mit Schreiben vom 06.06.2008 und 15.12.2008 (Bl. 38 f. d. A.) gebeten, ohne dass er sich hierauf weiter äußerte. Am 20.01.2009 fand ein Gespräch statt, an dem neben dem Kläger sein Vorgesetzter Herr Z. und der Personalleiter Herr Y. teilnahmen und in dem angeboten wurde, auf eine ausgeschriebene Stelle als Staplerfahrer (Abteilung Aufbereitung) zu wechseln. Dies lehnte der Kläger indes jedenfalls wegen einer in der Zwischenzeit erfolgten Darmoperation ab; an seinem gegenwärtigen Arbeitsplatz habe er (mit Ausnahme der Kartonmaschine 3 bei Abrissen wegen Bluthochdrucks) keine gesundheitlichen Probleme.

Die Beklagte kündigte das Arbeitsverhältnis nach Anhörung vom 13.02.2009 (Bl. 40 f. d. A.) und Widerspruch des Betriebsrats (Bl. 10 f. d. A.) mit Kündigungsschreiben vom 10.03.2009 (Bl. 9 d. A.) aus krankheitsbedingten Gründen zum 30.09.2009. Gegen diese Kündigung wandte sich der Kläger mit seiner am 20.03.2009 beim Arbeitsgericht eingegangenen Kündigungsschutzklage.

In den Folgejahren kam es im Rahmen einer Prozessbeschäftigung ab dem 01.10.2009 zu folgenden Fehlzeiten:

2009: 13 Kalendertage,
2010: 66 Kalendertage zuzüglich 6 Kalendertagen wegen eines Betriebsunfalls am 28.08.2010 (dabei durchgehende Erkrankung seit dem 28.11.2010), das heißt 57 Tage mit Entgeltfortzahlung,
2011: 108 Tage, davon 76 Tage mit Entgeltfortzahlung
und bis zum 19.03.2012 mindestens 18 Fehltage mit Entgeltfortzahlung sowie weitere 32 unbezahlte Fehltage wegen Arbeitsunfähigkeit.

Am 18.02.2011 hatte ein weiteres Gespräch im Rahmen eines betrieblichen Eingliederungsmanagements stattgefunden.

Seitens des MDK Rheinland-Pfalz wurde der Kläger am 27.12.2011 begutachtet. Wegen des Inhalts dieses AU-Gutachtens wird auf Bl. 133 ff. d. A. Bezug genommen.

Die Beklagte hörte den Betriebsrat erneut zu einer beabsichtigten ordentlichen Kündigung an. Der Betriebsrat widersprach dieser beabsichtigten Kündigung mit Schreiben vom 26.03.2012 (Bl. 9 d. A. 2 Ca 2991/13).

Mit Kündigungsschreiben vom 29.03.2012 (Bl. 8 d. A. 2 Ca 1991/13) kündigte die Beklagte das Arbeitsverhältnis mit dem Kläger erneut zum 31.10.2012. Gegen diese Kündigung wandte sich der Kläger mit seiner am 18.04.2012 beim Arbeitsgericht Koblenz eingegangenen, der Beklagten am 25.04.2012 zugestellte, zunächst unter dem Aktenzeichen 2 Ca 1492/12, sodann 2 Ca 2991/13 geführten und durch Beschluss vom 09.12.2013 zum vorliegenden Rechtsstreit verbundenen Kündigungsschutzklage.

Im gesamten Jahr 2012 kam es insgesamt zu 116 Fehltagen des Klägers, in der ersten Hälfte des Jahres 2013 zu 14 Kalendertagen. Nach einer Operation von zwei bei einem Betriebsunfall gerissenen Sehnen in der rechten Schulter des Klägers am 30.09.2013 und einer Wiedereingliederung ab dem 12.05.2014 war der Kläger ab dem 30.06.2014 wieder in Vollzeit für die Beklagte tätig.


Der Kläger hat - soweit im Berufungsverfahren noch von Bedeutung - vorgetragen,

auch die Kündigung vom 29.03.2012 sei sozial ungerechtfertigt.

Seine Diabetes, die zu einer durchgehenden Arbeitsunfähigkeit in der Zeit vom 25.01.2005 bis zum 28.10.2005 geführt habe, habe im Laufe des Jahres 2005 eingestellt werden können, so dass auch insoweit zukünftig keine gesundheitsbedingten Ausfälle zu erwarten seien.

Im Jahr 2005 sei es darüber hinaus zu zwei Bandscheibenvorfällen gekommen, die sozusagen parallel zu der Diabetes für seines Arbeitsunfähigkeit verantwortlich gewesen seien. Durch anhaltende konservative Therapiemaßnahmen wie Rückenschule und dergleichen sei er hinsichtlich seines Rückenleidens vollständig wiederhergestellt. Es sei nicht zu erwarten, dass er wegen Rückenbeschwerden zukünftig die von ihm aktuell ausgeführte Tätigkeit nicht mehr durchführen könnte.

Im Jahr 2006 hätten folgende Krankheiten und Prognosen vorgelegen:

20.03.2006 - 27.03.2006 Bandscheibenbeschwerden
04.04.2006 - 08.04.2006 Erkältung oder grippaler Infekt
06.06.2006 - 17.06.2006 Bandscheibenbeschwerden
21.06.2006 - 30.06.2006
04.08.2006 - 07.08.2006 Erkältung oder grippaler Infekt
11.10.2006 - 28.11.2006 Bandscheibenbeschwerden

Im Jahr 2007 seien Arbeitsunfähigkeitszeiten auf folgende Erkrankungen zurückzuführen:

06.02.2007 - 13.02.2007 grippaler Infekt
31.05.2007 - 22.06.2007 Bandscheibenerkrankung - 'pseudradiculäre Ischialgie bei bekannten lumbalen Bandscheibenvorfällen'
22.09.2007 grippaler Infekt
06.10.2007 - 31.12.2007 Darmbeschwerden (laut Attest Dr. X. vom 08.11.2007: marginale Fistel mit schwerer Infektion) mit Operation (stationärer Aufenthalt vom 07.12.2007 bis 09.12.2007) und anschließenden Komplikationen;
im Dezember 2007 zusätzlich 'Impingement-Syndrom rechte Schulter mit Teileinriss der Supraspinatussehne'

Im Juni 2007 sei wegen der Bandscheibenproblematik Corticoid infiltriert und eine weitere konservative Therapie eingeleitet worden. Daraufhin habe sich eine Besserung ergeben. Im Juli 2008 sei er während seines gesamten Urlaubs in Pakistan an der Bandscheibe behandelt worden. Seit seiner Rückkehr aus dem Urlaub im August 2008 bestehe seine Bandscheibenproblematik nicht mehr, jedenfalls nicht unter Zugrundelegung der auch seit 2008 am Arbeitsplatz herrschenden Bedingungen. Ab Ende 2008 bzw. Anfang 2009 sei insbesondere auch sein Arbeitsplatz verbessert worden. Er sei heute auf einem Arbeitsplatz beschäftigt, der für ihn ohne jede Mühe und gesundheitliche Risiken zu bewältigen sei. Es sei auch nicht zu erwarten, dass er wegen der Bandscheibenproblematik zukünftig ausfalle.

Im Jahr 2008 sei er mit folgenden Diagnosen erkrankt gewesen:

01.01.2008 - 11.02.2008 Darm-OP und Folgen
15.05.2008 - 31.05.2008 grippaler Infekt
27.11.2008 - 29.12.2008 'Einklemmen' der lumbosakralen Nervenwurzel im Rückenbereich, zusätzlich normaler Infekt

Die aufgrund Diabetes nach der Darm-OP aufgetretenen Heilungsstörungen seien zwischenzeitlich überwunden. Bis zum Ende des Jahres 2008 sei infolge der Operation die Darmerkrankung vollständig beseitigt worden, so dass auch von daher keine Beeinträchtigung mehr zu erwarten sei.

Seine Arbeitsunfähigkeit in 2009 habe auf einer 'normalen Grippe' beruht. 12 Fehltage im Jahr 2010 beruhten auf einem Infekt.

Die übrige Zeit der Jahre 2009 und 2010 habe er bis zu einem Betriebsunfall am 28.08.2010 (zunächst Vortrag am 30.10.2010, Bl. 83 d. A.) beschwerdefrei arbeiten können. Ein Stopper für die Papierrollen habe den 'Holz-Jumbo' mit voller Wucht gegen seine rechte Schulter geschlagen. Er sei zu Boden gestürzt und habe sich dabei so verletzt, dass er am gleichen Tag ins Krankenhaus gekommen und eine Woche arbeitsunfähig gewesen sei. Infolge des Sturzes habe er sich auch die Wirbelsäule wieder verletzt. Ab dem 28.11.2010 habe er das linke Bein kaum noch bewegen können. Er sei ab diesem Zeitpunkt arbeitsunfähig wegen eines Bandscheibenvorfalls gewesen und habe eine 7-8-wöchige Rehabilitationsmaßnahme durchgeführt. Mitte Februar 2011 habe er seine Arbeit wieder aufnehmen können. Er habe lange Zeit zuvor keine Bandscheibenprobleme mehr gehabt, erst wieder nach dieser erheblichen Gewalteinwirkung auf Schulter und Wirbelsäule. Die Bandscheibenproblematik sei mithin unfallbedingt.

Seinen weiteren Arbeitsunfähigkeitszeiten in dem Jahr 2011 lägen folgende Ursachen zugrunde:

16.03.2011 - 30.04.2011 Darmhämorrhoidenoperation mit anschließender sechswöchiger Reha-Behandlung
06.07.2011 - 09.07.2011 schwerer grippaler Infekt
16.08.2011 - 20.08.2011 Halsentzündung
27.08.2011 - 30.08.2011 Durchfall
26.09.2011 - 14.10.2011 Rückfall Halsentzündung in verschlimmerter Form
10.11.2011 - 12.12.2011 Halsoperation: Entfernung der rechten Seite der Schilddrüse
16.12.2011 - 31.12.2011 Depressionen

Wegen der Hämorridenoperation seien keine weiteren Arbeitsunfähigkeitszeiten zu erwarten.

Dass wegen Herzproblemen weiterer Arbeitsausfall zu erwarten sei, sei nicht anzunehmen und von ihm auch nicht behauptet worden.

Die infolge der Gesamtumstände aufgetretene Depression sei nach Auffassung des medizinischen Dienstes gut behandelbar, so dass im Anschluss an die Reha-Maßnahme, deren Durchführung noch für Ende Frühjahr 2012 geplant sei, die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt sein dürfte. Das Gutachten des MDK habe seine seinerzeitige Arbeitsunfähigkeit bestätigt. Auch von Seiten des medizinischen Dienstes werde davon ausgegangen, dass im Anschluss an die Reha-Maßnahme die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt sein werde.

Die vorgenannten Erkrankungen belegten, dass sich hieraus keine sogenannte negative Zukunftsprognose ableiten lasse. Die Erkrankungen seien verschieden und wiesen nicht darauf hin, dass seine Arbeitsfähigkeit auch zukünftig dauerhaft gestört sein werde.


Der Kläger hat erstinstanzlich beantragt,

1. festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis nicht durch die Kündigung vom 10.03.2009, zugegangen am 10.03.2009, beendet ist,

2. festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis nicht durch die Kündigung vom 29.03.2012, zugegangen am 29.03.2012, beendet ist,

3. festzustellen, dass keine anderweitigen Beendigungstatbestände bestehen.


Die Beklagte hat beantragt,

die Klage abzuweisen.

Sie hat vorgetragen,
die Behauptung des Klägers, weitere Arbeitsunfähigkeit wegen Rücken- oder Darmleiden seien nicht zu erwarten, werde durch die Realität widerlegt.

Die Erkrankung ab dem 28.11.2010 sei nach ihrer Erkenntnis nicht auf den Betriebsunfall vom 30.08.2008 zurückzuführen. In dem Gespräch im Rahmen eines betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) am 18.02.2011 habe der Kläger angegeben, dass seine Arbeitsunfähigkeit vom 28.11.2010 bis 15.02.2011 auf einem Bandscheibenvorfall beruhe und dass eventuell eine Operation notwendig sei. Zudem habe er nach wie vor Diabetes und Herzprobleme. Er habe selbst angegeben, dass mit weiteren Ausfallzeiten zu rechnen sei. Dass diese Arbeitsunfähigkeit Folge eines Betriebsunfalls gewesen sei, habe er mit keinem Wort erwähnt.

Aus der Gesamtsicht der Jahre lasse sich nur herleiten, dass sie als Arbeitgeberin auch in Zukunft mit regelmäßiger Abwesenheit des Klägers zu rechnen hätte und insofern eine negative Zukunftsprognose zu attestieren sei. In Anbetracht der Vielzahl der Erkrankungen sei der Kläger objektiv außer Stande, dauerhaft die geschuldete Arbeitsleistung zu erbringen. Insbesondere die Bandscheibenproblematik sowie die Darmerkrankung seien als Grundleiden nicht etwa ausgeheilt.

Sie hat bestritten, dass Ende des Frühjahrs 2012 perspektivisch eine Arbeitsfähigkeit des Klägers möglich gewesen sei und mit einer alsbaldigen Heilung der Depression hätte gerechnet werden können. Sie hat weiterhin bestritten, dass der Medizinische Dienst davon ausgegangen sei, dass der Kläger seine Arbeitsfähigkeit dauerhaft wiedererlangen werde.

Das Arbeitsgericht hat Beweis über die künftige Fehlzeitenanfälligkeit des Klägers wegen Bandscheiben- bzw. Rückenleidens sowie wegen Darmbeschwerden zum 10.03.2009 und zum 29.03.2012 erhoben durch Einholung medizinischer Sachverständigengutachten. Wegen der Einzelheiten des Beweisergebnisses wird auf das fachinterimistisch-gastroenterologische Gutachten des Herrn Dr. W. sowie auf das orthopädisches Gutachten des Herrn Dr. U., jeweils vom 06.03.2014, Bezug genommen (Bl. 267ff. und 282 ff. d. A.).

Das Arbeitsgericht Koblenz hat durch Urteil vom 03.07.2014 festgestellt, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien nicht durch die Kündigung vom 10.03.2009 beendet wurde. Im Übrigen hat es die Klage abgewiesen.

Zur Begründung hat das Arbeitsgericht im Hinblick auf die im vorliegenden Berufungsverfahren noch streitgegenständliche Beendigung des Arbeitsverhältnisses aufgrund einer Kündigung vom 29.03.2012 und aufgrund anderweitiger Beendigungstatbestände - zusammengefasst - ausgeführt, zum Zeitpunkt der Kündigung vom 10.03.2009 habe noch nicht mit hinreichender Klarheit festgestanden, dass der Kläger künftig wie in den vorangehenden drei Jahren krankheitsbedingt würde fehlen müssen. Bei Ausspruch der Kündigung vom 29.03.2012 habe sich dieses Bild indes durch teilweisen Wiederauftritt gleicher Grundleiden sowie Hinzukommen mehrerer neuer Befunde geändert. Zumindest vor dem Hintergrund des gesundheitlichen Gesamteindrucks sei die Negativprognose am 29.03.2012 als zutreffend erschienen und auch eine Interessenabwägung sei nicht zugunsten des Klägers zu treffen. Im Klageantrag zu 3. sei die Klage mangels weiterer Beendigungstatbestände ohne Erfolg geblieben.

Wegen der Einzelheiten der erstinstanzlichen Begründung wird ergänzend auf die Entscheidungsgründe des Urteils des Arbeitsgerichts Koblenz (Bl. 344 ff. d. A.) Bezug genommen.

Das genannte Urteil ist dem Kläger am 25.08.2014 zugestellt worden. Der Kläger hat hiergegen mit einem am 12.09.2014 beim Landesarbeitsgericht eingegangenen Schriftsatz vom 10.09.2014 Berufung eingelegt und diese am 22.10.2014 mit Schriftsatz vom gleichen Tag begründet.


Zur Begründung der Berufung macht der Kläger nach Maßgabe des genannten Schriftsatzes sowie der Schriftsätze vom 28.10.2014 und vom 02.09.2015, auf die ergänzend Bezug genommen wird (Bl. 374 ff., 406 f., 467 f. d. A.) zusammengefasst geltend,

das Arbeitsverhältnis sei auch nicht aufgrund der Kündigung vom 29.03.2012 beendet. Diese krankheitsbedingte Kündigung sei sozial nicht gerechtfertigt. Die Gutachter auf fachinternistisch-gastroenterologischem Gebiet (Dr. med. V. W.) als auch auf orthopädischem Gebiet (Dr. U.) seien zu dem Ergebnis gekommen, dass zum Zeitpunkt des Zugangs der Kündigung am 29.03.2012 kein Anhaltspunkt dafür bestanden habe, dass wegen Vorerkrankungen zukünftig mit krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeitszeiten zu rechnen sei. Für die Kündigung vom 29.03.2012 seien insbesondere die krankheitsbedingten Fehlzeiten der drei vorangegangenen Jahre, das heißt 2009 bis 2011, von Bedeutung.

Seinen Arbeitsunfähigkeitszeiten in den Jahren 2009 - 2010 lägen folgende Ursachen zugrunde:

21.08.2009 - 28.08.2009 Rippenprellung, Betriebsunfall
23.11.2009 - 28.11.2009 Infekt
22.02.2010 - 26.02.2010
11.06.2010 - 16.06.2010
20.07.2010 - 30.07.2010
28.08.2010 - 04.09.2010 Prellung der linken Schulter, Betriebsunfall
12.10.2010 - 16.10.2010
03.11.2010
09.11.2010 - 30.11.2010
28.11.2010 - 15.02.2011 Bandscheiben/betriebsunfallbedingt

Im Jahr 2010 sei er im Umfang von 12 Arbeitstagen wegen Infekts erkrankt gewesen.

Die Depression, an der er seit dem 16.12.2011 gelitten habe, sei zum Zeitpunkt der Kündigung im März 2012 ausgeheilt gewesen. Sie sei auch nicht mehr aufgetreten und im Übrigen situationsbedingt gewesen. Sie habe mit der vorherigen Operation und entsprechender Existenzangst zusammengehangen. Wegen der Depression habe er keine Rehabilitationsmaßnahme durchgeführt. Eine Wiederholungsgefahr sei aus ärztlicher Sicht nicht gegeben. Auch die Operation an der Schilddrüse sei ein abgeschlossener Behandlungsvorgang.

Unter Berücksichtigung der betriebsunfallbedingten Ausfallzeiten und der Operationszeiten sowie der durch Gutachten belegten ausgeheilten orthopädischen und internistischen Erkrankungen seien die Kurzzeiterkrankungen und grippalen Infekte in geringem und für die Zukunftsprognose nicht repräsentativem Umfang angefallen. Im Übrigen belegten die Gutachten, dass die - nicht infektbedingten - längeren Erkrankungen zum Zeitpunkt des Zugangs der zweiten Kündigung am 29.03.2012 ausgeheilt gewesen wären. Es lasse sich mithin nicht belegen, das sich aus der Gesamtheit des Krankheitsbildes in seinem Fall eine persönliche konstitutionelle Schwächung und damit eine besondere Krankheitsanfälligkeit ergebe.


Der Kläger beantragt,

1. das Urteil des Arbeitsgerichts zu Az. 2 Ca 131/11, verkündet am 03.05.2014, zugestellt am 22.08.2014, abzuändern und festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien nicht durch die Kündigung vom 29.03.2012, zugegangen am 29.03.2012, beendet ist,

2. festzustellen, dass keine anderweitigen Beendigungstatbestände bestehen.


Die Beklagte beantragt,

die Berufung zurückzuweisen.

Die Beklagte verteidigt das angefochtene Urteil nach Maßgabe ihres Berufungserwiderungsschriftsatzes vom 03.11.2014 sowie des Schriftsatzes vom 22.09.2015, auf die ergänzend Bezug genommen wird (Bl. 403 ff., 473 f. d. A.) als rechtlich zutreffend. Falsch sei die Annahme des Klägers, dass die beiden vom Arbeitsgericht eingeholten Gutachten die Feststellung trügen, dass die Gutachter keine erneuten Erkrankungen in Zukunft erwarteten. Hinsichtlich der Erkrankungen aus der Zeit 2009 - 2012 bleibe es bei dem Bestreiten, wonach diese aus Arbeitsunfällen resultierten und vernachlässigt werden könnten, weil sie ausgeheilt seien. Beispielsweise sei auf die Depression verwiesen, wegen der der Kläger bis zum 20.04.2012 erkrankt gewesen sei. Auch die Operation der Schilddrüse sei kein einmaliges Ereignis, sondern wirke nach.

Der Kläger sei mehr als die Hälfte seiner Betriebszugehörigkeit mit massiven Arbeitsausfällen behaftet. Insofern könne die Interessenabwägung nur zu ihren Gunsten ausfallen.

Das Landesarbeitsgericht hat aufgrund des Beweisbeschlusses vom 20.01.2015 Beweis erhoben durch Einholung eines schriftlichen Sachverständigengutachtens des Dr. med. E.. Wegen des Ergebnisses der Beweisaufnahme wird auf Bl. 429 ff. d. A. Bezug genommen.

Auch im Übrigen wird ergänzend auf die zwischen den Parteien gewechselten Schriftsätze nebst Anlagen sowie die Sitzungsprotokolle vom 20.01.2015 (Bl. 409 ff. d. A.) und 02.12.2015 (Bl. 477 ff. d. A.) Bezug genommen.

Fortsetzung/Langtext

Rechtsweg:

ArbG Koblenz, Urteil vom 3. Juli 2014 - 2 Ca 131/11



Quelle:

Justiz Rheinland-Pfalz


Referenznummer:

R/R7705


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Themen:
  • krankheitsbedingte Kündigung /
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  • Arbeitsgerichtsbarkeit /
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  • Zukunftsprognose


Informationsstand: 14.05.2018

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